Möglichkeiten und Herausforderungen

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Der gebauten Stadt kommt heute und in Zukunft eine besondere Rolle zu: die Ziele der Klimaneutralität sind nur mit dem Umbau des Gebäudebestandes zu erreichen. Neben der CO2-neutralen Wärmeversorgung muss auch das Thema der Mobilität neu gedacht werden. Die Flächen, die heute der ruhende Verkehr einnimmt, werden für Grün- und Freiflächen gebraucht, um die Stadt an die Folgen des Klimawandels anzupassen. Die sogenannte "Schwammstadt" braucht Raum – in den Straßen und Höfen genauso wie auf Dächern und an Fassaden, damit Pflanzen Regen speichern und Hitze abpuffern. Wir sehen in der Gestaltung und Weiterentwicklung der gebauten Stadt ein zentrales Aufgabenfeld für die Zukunftsfähigkeit unserer Stadt. Deshalb haben wir unter dem Titel "Stadt mit Bestand" nationale und internationale Expert*innen eingeladen, ihre Arbeit vorzustellen und als Impulse für die Kölner Stadtentwicklung zu diskutieren.

Als Impuls für die Umsetzung der Stadtstrategie "Kölner Perspektiven 2030+" haben wir gemeinsam mit der Industrie- und Handelskammer zu Köln, dem Kölner Stadtanzeiger, der Fakultät Architektur der Technischen Hochschule Köln und dem KAP-Forum die Veranstaltungsreihe "Kölner Perspektiven" in 2023 fortgesetzt.

Termine und Themen

Im Fokus standen die Gestaltung und Weiterentwicklung der gebauten Stadt sowie die Möglichkeiten und Herausforderungen im Umgang mit dem Bestand auf unterschiedlichen Maßstabsebenen: Gesamtstadt, Quartier- und Blockebene. 

 

27. November 2023: Kölner Diskurs

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Am 27. November endete unsere Veranstaltungsreihe mit dem Kölner Diskurs.

Mit Ina Scharrenbach, Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes NRW, sowie Rainer Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, ist es uns gelungen, die fachliche Perspektive des Landes und des Bundes zum Umgang mit der gebauten Stadt einzubinden.

Die kommunalen Impulse kamen von Cornelia Zuschke, Beigeordnete für Planen, Bauen, Wohnen und Grundstückswesen der Landeshauptstadt Düsseldorf, und vom Gastgeber, Andree Haack, Beigeordneter für Stadtentwicklung, Wirtschaft, Digitalisierung und Regionales der Stadt Köln. Vorab referierte Rainer Nagel über den Baukulturbericht 2022/2023 "Neue Umbaukultur". Eindrucksvoll stellte er dar, dass der Bausektor rund 45 Prozent der CO2-Emissionen verursacht. Er betonte die Wichtigkeit, das Bauen neu zu denken. Nagel bezeichnete die Bestandsbebauung als "Gold unserer Städte" und warb für einen Paradigmenwechsel vom Neubau hin zu einer neuen, klimagerechten Umbaukultur. Hierzu führte er verschiedene Wege auf: serielles Bauen, Aufstockungen zusätzlicher Geschosse in der Bestandbebauung und behutsame Nachverdichtung. All diese Aktivitäten können und müssen dabei auch der Aufwertung des Stadtbildes dienen, so sein Credo.

Im Anschluss an den Input von Rainer Nagel entwickelte sich eine lebhafte Diskussion, die Moderatorin Petra Vossebürger von IKU_Die Dialoggestalter aus Dortmund durch drei Schwerpunktthemen gestaltete:

Umbau zum Leitbild machen! Mehr Flexibiliät in unseren Innenstädten

Ministerin Scharrenbach betonte die zentrale Wichtigkeit von Innenstädten und Ortszentren als Identifikationsorte der Städte und die Unterstützung des Landes durch die Förderung im Rahmen des Landesprogramms "Zukunft Innenstadt Nordrhein-Westfalen." Andree Haack überzeugte mit den konkreten Ansätzen, die Köln in der Innenstadt voranbringt: Leitbild Handelslagen, Via Culturalis und City Netzwerkarbeit mit Finanzierungsmöglichkeiten für Maßnahmen der Innenstadtakteur*innen. Beide waren sich einig, dass Innenstädte nur mit einer angemessenen Funktionsmischung aus Einzelhandel, Gastronomie, Freizeit, Kultur, sozialen Angeboten und Wohnen eine zukunftsorientierte Identität erzeugen können.

Paradigmenwechsel hin zu Umbaukultur einläuten!

Rainer Nagel verwies auf die vielen Leitfäden für das Bauen im Bestand. Das Handwerkszeug ist vorhanden, dennoch wird das große Potenzial des Umbaus zu wenig gesehen. Umbau wird mit langen Bauzeiten und hohen Kosten gleichgesetzt. Diese Einstellungen müssen aufgebrochen werden. Andree Haack plädierte für eine enge Zusammenarbeit und Kooperation zwischen Politik, Verwaltung und der Bau- und Immobilienwirtschaft sowie mit den Bestandshalter*innen und Eigentümer*innen. Der große Push-Faktor für den Paradigmenwechsel ist für ihn das Kölner Ziel der Klimaneutralität 2035.

Strukturen auf die neue Umbaukultur ausrichten!

Die Düsseldorfer Beigeordnete für Planen, Bauen, Wohnen und Grundstückswesen, Cornelia Zuschke, machte deutlich, dass eine strukturelle Neuausrichung von guter Kommunikation, Haltung und Überzeugungsfähigkeit abhängt. Die frühzeitige Einbindung von und die Kommunikation mit unterschiedlichen Akteure*innen ist aus ihrer Sicht der Schlüssel für den Erfolg. Ministerin Scharrenbach ergänzte, dass unter der Federführung des Landes bereits zahlreiche rechtliche Rahmenbedingungen für die Bestandsentwicklung vorangebracht wurden. Aus ihrer Sicht wird der Neubau angesichts des hohen Drucks auf dem Wohnungsmarkt weiterhin notwendig sein, ist in Flächen- und Energieeinsatz aber so gering wie möglich zu halten.

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Abschließend war sich die Runde einig: Eine nachhaltige und klimagerechte Stadtentwicklung muss die gebaute Stadt stärker in den Blick nehmen und alle dort vorhandenen Potenziale nutzen.

Den kreativen Anteil des Abends übernahm Antonia Fischer, Architekturstudentin der TH Köln, mit ihrem UrbanSlam "Puzzle ohne Teile", in dem sie sich für mehr Wertschätzung, den Erhalt und sinnvollen Umbau von Bestandsgebäuden einsetzte.

Brigitte Scholz, Leiterin des Amtes für Stadtentwicklung und Statistik, schloss den Kölner Diskurs mit einer Nachlese der vierteiligen Veranstaltungsreihe. Sie hob dabei die vielen unterschiedlichen Beispiele für das Bauen mit Bestand hervor. Die wechselnde Maßstabsebene von der Betrachtung der Gesamtstadt (Hamburg), über verwirklichte Quartiere aus München, Rotterdam und Amsterdam sowie die Wiener Ansätze auf der Blockebene haben aus ihrer Sicht die Veranstaltungsreihe "Kölner Perspektiven zu Stadt mit Bestand" facettenreich und lebendig gestaltet. Abschließend bedankte sich Andree Haack bei seinen Gästen und lud, wie üblich, zum Netzwerken und Austausch bei Kölsch und Brezeln ein.

16. Oktober 2023: Block – Wien

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Die dritte Veranstaltung widmete sich der Maßstabsebene des Blocks. Wie kann die Blockbebauung der Zukunft aussehen, die an den Klimawandel angepasst ist und lebenswerte Orte des Miteinanders bilden? Welchen Beitrag müssen Straßenblöcke als Orte der Nachbarschaft für den Umbau der Bestandsquartiere leisten? Und welche Interessensgruppen können in den Umbauprozessen aktiv werden?

Andree Haack, Beigeordneter für Stadtentwicklung, Wirtschaft, Digitalisierung und Regionales der Stadt Köln, blickte kurz auf die Themenschwerpunkte der vergangenen beiden Veranstaltungen und unterstrich, wie wichtig es ist, die gebaute Stadt nachhaltig zu transformieren.

Brigitte Scholz, Leiterin des Amts für Stadtentwicklung und Statistik der Stadt Köln, führte im Anschluss weiter in das Thema Block- und Bestandsbebauung ein und übergab das Wort an den ersten Referenten des Abends, Kurt Hofstetter.

© Stadt Köln / Sabine Große-Wortmann

Kurt Hofstetter ist ein erfahrener und kenntnisreicher Experte für Wohnthemen der Stadt Wien. Von 2016 bis 2022 leitete er die Internationale Bauausstellung "IBA Wien 2022 – Neues soziales Wohnen". Seinen interessanten Vortrag begann er mit einem Rückblick auf die Tradition des sozialen Wohnungsbaus. In Wien ist Wohnen ein Grund- und Menschenrecht und diese Grundhaltung spielt bei allen strategischen Planungen eine zentrale Rolle. Vor diesem Hintergrund wird der Wohnungsmarkt seit mehr als 100 Jahren nicht marktwirtschaftlichen Entwicklungen überlassen, sondern stark durch die öffentliche Hand gesteuert. Umschrieben hat er dies mit dem Ansatz "Wohnen für die Vielen", mit dem Ergebnis, dass in Wien 75 bis 80 Prozent aller Haushalte Zugang zu geförderten Wohnungen haben.

Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf die soziale Durchmischung gelegt. An der Adresse ist, laut Hofstetter, nicht ablesbar, ob jemand über viel oder wenig Vermögen verfügt. Dies wird in Wien durch viele verschiedene Instrumente erreicht, etwa durch einen Wohnungsmix in den Ausschreibungen, Baugruppen, Soziale Träger für besondere Wohn- und Lebenssituationen oder Stadtteilmanagements. Der besondere Vorteil der Stadt Wien liegt aber in ihrer Bodenpolitik. So wurde Baugrund nicht verkauft, sondern seit 1984 systematisch Grundstücke gekauft und vorgehalten. Zudem ist seit 2019 in einer Zusatzregelung der Bauordnung verankert, dass grundsätzlich zweidrittel der Wohnnutzfläche nur mit geförderten Wohnungen zu einem festgesetzten Mietpreis bebaut werden dürfen. Bei der Quartiersentwicklung setzt Wien auf vielfältige Bausteine, um lebenswerte Viertel zu gestalten. So wird zum Beispiel bei der Planung neuer Quartiere immer die Nutzung der Erdgeschosszonen durch Einzelhandel, Gastronomie oder andere Nutzungen mitgedacht, wie Kurt Hofstetter am Beispiel des Seestadt Aspern verdeutlichte. Einen weiteren interessanten Baustein seines Vortrags bildete das komplexe Finanzierungsmodell für den Sozialen Wohnungsbau in Wien.

Nach dem ersten Überblick über die Gesamtsituation ging er im Detail auf verschiedene Projekte ein, die im Rahmen der IBA Wien bearbeitet wurden. So beschäftigt sich beispielsweise das Forschungsprojekt "Pocket Mannerhatten" mit der Entwicklung eines gründerzeitlichen Blocks. Das erarbeitete Sharing-Konzept zeigt Lösungen für gemeinschaftliche Nutzungen der Energieversorgung (PV-Anlagen), von Mobilitätsangeboten und Dach- und Hofflächen. Auch das "Leben am Wilhelminenberg" zeigt, dass über eine kooperative Zusammenarbeit und Verständigung der Bewohner*innen Straßenblöcke fit für die Zukunft gemacht werden können. In der Vereinbarung auf eine gemeinsame Entwicklung liegt, laut Hofstetter, aber auch die große Herausforderung, da viele unterschiedliche Meinungen und Ziele zusammengebracht werden müssen.

Auch das Thema Klimaneutralität thematisierte Kurt Hofstetter in seinem Vortrag. Wien möchte bis 2040 klimaneutral werden. Dieses Ziel kann nur mit der Sanierung der Bestandsbebauung gelingen. Wien hat dafür bereits 4 Milliarden Euro investiert. Neben der finanziellen Förderung setzt Wien auf umfassende Beratungsangebote und hat die Bauordnung entsprechend angepasst.

© Stadt Köln / Sabine Große-Wortmann

Den zweiten Impulsvortrag übernahm Peter Berner, geschäftsführender Gesellschafter und Gründungsmitglied des Kölner Büros ASTOC Architects and Planners GmbH. Gleich zu Beginn arbeitete er heraus, dass Wien bei etwa gleicher Stadtfläche fast doppelt so viele Einwohnende hat wie Köln. Trotzdem stehen beide Städte vor vergleichbaren Herausforderungen: Klimaneutralität, Flächenknappheit, Mobilitätswende und die Entwicklung von mischgenutzten Quartieren und Nachbarschaften. Laut Berner liegt der große Unterschied im Umgang beider Städte mit diesen Herausforderungen. Vor allem die Wiener Tradition in der Bodenpolitik und dem sozialen Wohnungsbau erleichtern die Transformation der gebauten Stadt. Hinzu kommt, dass Wien sowohl Stadt wie Bundesland ist und damit über mehr, auch gesetzliche, Möglichkeiten und Instrumente verfügt. Mit der Stadtstrategie "Kölner Perspektiven 2030+", betonte Peter Berner, hat Köln ein gutes strategisches Konzept, das die großen Herausforderungen Kölns angeht. Auch ist Köln eng mit dem Umland vernetzt. Gemeinsam mit den benachbarten Gemeinden, Kreisen und Städten können partnerschaftlich Lösungen entwickelt werden. Er plädierte für einen wertschätzenden Umgang mit dem Baubestand in Köln und zeigte, dass eine neue Umbaukultur zu einer zukunftsfähigen Stadtentwicklung beitragen kann.

In der abschließenden Diskussionsrunde waren sich Andree Haack, Kurt Hofstetter und Peter Berner einig, dass die Entwicklung und Transformation der gebauten Stadt deutlich aufwendiger ist als der Neubau. Trotzdem muss das Potenzial der gebauten Stadt unbedingt gehoben und stärker in das Handeln überführt werden. Die Veranstaltung endete wie gewohnt mit guten Gesprächen im Foyer des Museums.

25. September 2023: Quartier – München, Amsterdam, Rotterdam

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Die zweite Veranstaltung beschäftigte sich mit dem räumlichen Schwerpunkt der Quartiersebene. Drei international erfahrene Architekten und Stadtplaner berichteten anhand vieler gebauter Beispiele und Planungen von ihrer täglichen Arbeit im Umgang mit der gebauten Stadt aus den Metropolen München, Amsterdam und Rotterdam. 

In seiner Begrüßung machte Andree Haack, Beigeordneter für Stadtentwicklung, Wirtschaft, Digitalisierung und Regionales der Stadt Köln, deutlich, dass der Umgang mit dem Bestand mehr ist als reine Projektentwicklung. Er arbeitete heraus, dass in der Weiterentwicklung und Transformation des Gebäudebestandes der Schlüssel für klimaneutrale und dauerhaft lebenswerte Städte liegen.

Im Anschluss ordnete Brigitte Scholz, Leiterin des Amts für Stadtentwicklung und Statistik der Stadt Köln, die Bedeutung des Quartiers innerhalb der Gesamtstadt ein. Laut Scholz werden auf der Quartiersebene die spezifischen Umbaustrategien sichtbar. Sie führte hierzu Beispiele, wie den Umbau zur Schwammstadt oder die kommunale Wärmeplanung an, die im Umgang mit der gebauten Stadt zentrale Themen bilden. Auch betonte sie, wie wichtig die Diskussion und der Austausch mit der Stadtgesellschaft sind.

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Den ersten Gastvortrag übernahm Johannes Ernst, Architekt und geschäftsführender Gesellschafter bei Steidle Architekten aus München. Bereits seit Jahren arbeitet sein Büro an der Transformation des Werksviertels in zentraler Lage am Münchner Ostbahnhof. Seine deutliche Botschaft an das Publikum lautete:

Wir müssen unseren Baubestand als Schatz wahrnehmen und auch so behandeln.

Dass die Transformation unserer Städte und der Rückbau liebgewonnener Architektur auch schmerzhaft sein kann, beschrieb er mit den Worten "Zerstören mit Verstand." Diese beiden Thesen übertrug Ernst dann auf das Münchener Werksviertel. Das neue Stadtquartier entsteht auf dem ehemaligen Pfanni-Produktionsgelände, das in seiner Eigentümerstruktur sehr heterogen angelegt ist. Die Herausforderungen und Chancen der Entwicklung bestanden zu Beginn des Prozesses in der Zusammenführung vieler Akteure*innen und der Entwicklung einer gemeinsamen Vision für das Quartier. Im Ergebnis zeigt das Werksviertel heute eine gelungene Mischung aus einer Weiterentwicklung und Umgestaltung der Bestandsbebauung, ergänzte Neubauten, einer neuen Mischung aus Nutzer*innen des Bestands und "dauerhaften Zwischennutzer*innen" und in der Akzeptanz des Wandels. Dies ist auf dem Areal gut gelungen, vor allem durch eine breite Einbindung aller Akteure*innen und durch "Leuchtturmprojekte", die gezeigt haben, wie sich das Gebiet durch eine gute Nutzungsmischung attraktiv entwickelt kann.

Als zweiter Redner des Abends berichtete Robert Broesi, Stadtplaner und Mitbegründer des Büros MUST Städtebau, praxisorientiert von seinen Erfahrungen im Umgang mit dem Bestand. Er legte den inhaltlichen Schwerpunkt seines Vortrags auf die Entwicklung des nördliche IJ-Ufers in Amsterdam. Die Planung musste aufgrund immer neuer Herausforderungen und geänderter Rahmenbedingungen mehrfach überarbeitet werden und wird bis heute in Teilgebieten entwickelt. Das Vorhaben zeigt, dass viel Zeit und Geduld notwendig sind, um ein solch großes Areal zu entwickeln. Die Stadt Amsterdam hat sich bei der Entwicklung des Areals als "Innovationmotor" erwiesen. So wurden für die Entwicklung des vornehmlich gewerblich und industriell geprägten Gebietes Spielregeln vorgegeben, an die sich alle Akteur*innen halten mussten. Ziel war es im Sinne einer organischen Nachverdichtung, die Bestandsquartiere nutzungsgemischt weiter zu entwickeln und Neubauten zu integrieren. Zentrale Voraussetzungen für dieses Vorgehen war eine hohe Flexibilität und nachhaltige Gestaltung der Nutzungsmöglichkeiten. So haben sogenannte "Wohnpioniere" erste Visionen von Wohnnutzungen in dem gewerblich geprägten Gebiet umgesetzt.   

Als letzter Experte des Abends stellte Robert Winkel, Architekt und Gründer von Mei architects and planners mit Sitz in Rotterdam, ausgewählte Strategien und aktuelle Projekte für eine Entwicklung der gebauten Stadt vor. Dabei unterstrich er die Wichtigkeit von nachhaltigem beziehungsweise bio-based Bauen. Hierfür zeigte er anschaulich, wie viel CO² beim konventionellen Bauen freigesetzt wird. Die große Herausforderung für das Baugewerbe besteht aus seiner Sicht in der deutlichen Reduzierung des Ressourceneinsatzes. In seinen Beispielen aus Rotterdam gab Robert Winkel detaillierte Einblicke in sein aktuelles Projekt SAWA, ein 50 Meter hohes Wohn- und Geschäftshaus, das vollständig in Holzbauweise errichtet wird und das Projekt Fenix 1. Hier hat sein Büro ein hundert Jahre altes Lagerhaus im Hafen von Rotterdam aufgestockt und über 200 neue Wohnungen geschaffen. Die alten Lagerhallen dienen nun als Fundament für die aufgesetzten neuen Wohnungen und verknüpfen gewerbliche Nutzungen und Wohnen. Laut Robert Winkel hat insbesondere "Hässlichkeit einen Wert für die Umnutzung" – eine These, die er mit zahlreichen Bildern des Gewerbeareals untermauerte.

Im Anschluss an den letzten Vortrag ordnete Yasemin Utku, Architektin, Raumplanerin und seit 2018 Professorin für Städtebau und Planungspraxis an der Technischen Hochschule Köln, die Inhalte der Vorträge in Bezug auf Köln ein. Sie betonte, dass Köln bereits über viele gute Konzepte verfügt, wie etwa die "Stadtstrategie Kölner Perspektiven 2030+" oder den Masterplan Stadtgrün, in der Umsetzung aber Optimierungspotenziale bestehen. Alle Vortragenden diskutierten abschließend die Möglichkeiten, die sich aus den vorgestellten Projekten für Köln ergeben oder ableiten lassen. Als persönliches Fazit forderte Andree Haack Planungs- und Bauprozesse zu verkürzen und Verwaltung und Politik zu flexibilisieren, ehe er die Veranstaltung beendete und zum Netzwerken ins Foyer des Museums einlud.

28. August 2023: Gesamtstadt – Hamburg

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Wie geht eine Großstadt auf gesamtstädtischer Ebene mit Themen wie Wohnraumknappheit, Klimawandelanpassung, Mobilitätswende und wandelenden Arbeitswelten um? Diesen Fragestellungen hat sich die erste Veranstaltung der Reihe gewidmet. 

Tobias Goevert, Abteilungsleiter für Landes- und Stadtentwicklung bei der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen im Amt für Landesplanung und Stadtentwicklung der Freien und Hansestadt Hamburg, hat in einem ausführlichen Vortrag gezeigt, wie in Hamburg mit diesen komplexen Fragestellungen umgegangen wird. Im Stiftersaal des Wallfraf-Richartz-Museums hat Moderatorin Petra Voßebürger das buntgemischte Publikum aus Planer*innen, Architekt*innen, Verwaltungsmitarbeiter*innen, Vertreter*innen der Stadtpolitik und interessierten Bürgern*innen mit Witz und Charme durch den Abend geleitet.

Integrierte Bestandsaufnahme

© Martina Goyert

Andree Haack, Beigeordneter für Stadtentwicklung, Wirtschaft, Digitalisierung und Regionales der Stadt Köln, hat bei seiner Begrüßung deutlich gemacht, wie wichtig eine integrierte Betrachtung aller Stadtentwicklungsaspekte ist, um für die zukünftigen Herausforderungen gewachsen zu sein. Im Anschluss führte Brigitte Scholz, Leiterin des Amts für Stadtentwicklung und Statistik der Stadt Köln, in den Umgang mit der Transformation des Gebäudebestandes ein und erläuterte, wie sich die Veranstaltungsreihe mit ihren verschiedenen Betrachtungsebenen – Gesamtstadt, Quartier- und Blockebene – aufbaut.  

Tobias Goevert startete seinen Impulsvortrag mit praktischen Beispielen seiner täglichen Arbeit. Hierbei zeigte er anschaulich, vor welchen Herausforderungen die Stadtentwicklung in Hamburg steht. Dabei zeigen sich große Übereinstimmungen den Herausforderungen Kölns: Die Flächen sind knapp, die Stadt weitergehend fertig gebaut, der Gebäudebestand befindet sich zu einem großen Teil in privater Hand. Zudem ist die Stadt aber nach wie vor Magnet für viele Menschen. So rechnet Hamburg bis zum Jahr 2035 mit einem Zuwachs von circa 200.000 Bewohner*innen. Der Bestand muss deshalb nicht nur in Blick auf Wohnraum umgebaut und erweitert werden, sondern auch unter den Belangen der Klimawandelanpassung und der CO2-Neutralität. Zudem soll das "Gesicht" der Stadt gewahrt werden. Denkmalschutz muss berücksichtigt werden, prägende Fassaden sollen beispielsweise nicht unter dicken Dämmplatten verschwinden. Laut Goevert setzt die Stadt Hamburg hier auf eine umfangreiche Bestandaufnahme, bei der unterschiedliche Daten verknüpft und integriert betrachtet werden. Ein Schlüssel für den Umbau der Stadt ist für ihn die umfangreiche Nutzung von Fördergeldern, um Impulse für den Um- und Ausbau von privatem Bestand zu fördern. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Kommunikation über Projekt- und Stadtentwicklungsziele, um möglichst viele Akteur*innen mit ins Boot zu hohlen.

Im Anschluss an den ersten Vortragsblock hat das Publikum die Gelegenheit genutzt, um Fragen zu stellen.

Von Zentren und Magistralen

Im zweiten Teil seines Vortrags gab Tobias Goevert Einblicke in die verschiedenen Stadtentwicklungskonzepte der Hansestadt. Er zeichnet in seinem Vortrag das diverse Bild der Hamburgerzentren nach. Dieses wurde im Hamburger Zentrenkonzept erarbeitet und zeigt viele Parallelen zum Kölner Einzelhandels- und Zentrenkonzept. Ziel der Hamburger ist es, die Zentren als vitale, mischgenutzte und lebendige Räume zu fördern, in denen Wohnen, Arbeiten, Einkaufen und Freizeit miteinander harmonieren. Dabei werden verschiedene Kriterien wie Erreichbarkeit, Infrastruktur, Dichte der Bebauung und öffentlicher Raum berücksichtigt. Das Hamburger Zentrenkonzept soll dazu beitragen, eine attraktive und lebenswerte Stadtstruktur zu schaffen, in der die Bedürfnisse der Bewohner*innen im Fokus stehen. Hier machte Goevert deutlich, dass die Zentrenentwicklung nur Hand in Hand mit einer starken Wirtschaftsförderung gelingen kann.

Im Anschluss gab Tobias Goevert einen Einblick in die aktuelle Erarbeitung des "Masterplan Magistralen". Die Hamburger Magistralen sind wichtige Verkehrsachsen, die das Stadtgebiet durchqueren. Sie dienen als Hauptverkehrsstraßen und verbinden verschiedene Stadtteile miteinander. Diese Magistralen spielen eine bedeutende Rolle im städtischen Verkehrssystem und tragen zur Mobilität und Erreichbarkeit innerhalb der Stadt bei. Der "Masterplan Magistralen" soll, mit Blick auf die erwähnten Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte, die Aufwertung und Neugestaltung der Hamburger Magistralen steuern. Ziel ist es, diese Straßen nicht nur mit Blick auf die Mobilität, sondern auch in Richtung als attraktive und lebenswerte städtische Räume zu entwickeln. Der Masterplan beinhaltet auch konkrete Maßnahmen, wie die Umgestaltung von Straßenräumen, den Ausbau von Fuß- und Radwegen, die Schaffung von Grünflächen und öffentlichen Plätzen sowie die Förderung von Einzelhandel und Gastronomie. Zudem liegen viele Nachverdichtungspotenziale entlang dieser wichtigen Verkehrswege. In diesem Zusammenhang hat Goevert in seinem Vortrag nochmals herausgearbeitet, das Stadtentwicklung nicht an der Stadtgrenze aufhört, sondern nur mit den Umlandgemeinden gemeinsam funktionieren kann.

Im Anschluss an den zweiten Teil des Vortrages haben sich Tobias Goevert, Brigitte Scholz und Andree Haack den Fragen des Publikums gestellt und erörtert, welche Hamburger Ansätze auf Köln übertragbar sind. Dabei wurde etwa deutlich, dass viele der Hamburger Themen und Ansätze bereits in der Stadtstrategie "Kölner Perspektiven 2030+" verankert sind.

Im Anschluss an die Abschlussdiskussion kamen Vortragende und Publikum zu einem lockeren Austausch zusammen, um den impulsreichen Abend ausklingen zu lassen.

Tobias Goevert Lebenslauf

  • Geboren 1973, Studium der Architektur und Urban Design an der RWTH Aachen und Oxford Brookes University
  • 2001 Mitarbeiter bei Ian Ritchie Architects, London
  • 2003 Senior Designer bei der Architectur+Urbanism Unit, der Greater London Authority unter der Leitung von Lord Richard Rogers, dann Teamleiter bei Design for London, der regionalen und strategischen Abteilung für Stadtgestaltung und Urban Design als Teil der London Development Agency
  • 2013 Principal Regeneration Officer
  • 2014 Teamleiter bei GLA Regeneration zuständig für Nord-West- und Zentral-London, an der Schnittstelle der Planung und Umsetzung strategischer Projekte und Wirtschaftsförderung des Londoner Bürgermeisters
  • 2015 Head of Regeneration & Design, Londoner Bezirk Harrow, Abteilungsleiter für städtische Umgestaltung und Bauprojekte, zum Beispiel neues Rathaus und 2000 Wohnungen, sowie Urban Design in der Stadtplanung
  • 2019 Regeneration Direktor bei Airey Miller Partnership und als Consultant Abteilungsleiter für Wohnungsbau im Bezirk Lewisham tätig
  • Seit August 2020 Abteilungsleiter Landes- und Stadtentwicklung Freie und Hansestadt Hamburg, zuständig unter anderem für gesamtstädtische Stadtentwicklung, Stadt & Umland, den Magistralenmasterplan und das Innenstadtkonzept sowie Baukultur und städtebauliche Entwicklung des Hamburger Osten. Regelmäßige Mitwirkung an Experten Gremien, Publikationen, internationalen Ausstellungen und Konferenzen zum Thema Urbanism, Design und London generell. Lehraufträge unter anderem an der CASS/ London Met und der Bartlett School of Planning. Aktuell Mitglied Aufsichtsrat Hamburger Kreativ Gesellschaft und Berater der Schumacher Gesellschaft