© Karl Rössel

Joseph Ki-Zerbo aus Burkina Faso war einer der bedeutendsten Historiker des afrikanischen Kontinents. Denn er beschrieb in einem voluminösen Buch als erster die Geschichte Afrikas aus afrikanischer Sicht. Bei einem Interview, das ich mit ihm in Ouagadougou führte, sagte er über die Bedeutung des Zweiten Weltkriegs für Afrika:

Kein Ereignis seit dem Sklavenhandel und der Zerstückelung des Kontinents durch die Grenzziehungen der Kolonialmächte bei der Berliner Konferenz im Jahre 1884 hatte so verheerende und nachhaltige Folgen für Afrika wie der Zweite Weltkrieg.

Der Hauptgrund dafür ist, dass die Welt und insbesondere Afrika noch weitgehend kolonialisiert waren, als der Zweite Weltkrieg begann. Als größte Kolonialmacht verfügte allein Großbritannien - mit dem Commonwealth - über ein Imperium, das ein Viertel der Erde mit einem Viertel der Weltbevölkerung umfasste. Die französischen Kolonien waren zwanzigmal größer als das sogenannte "Mutterland" und hatten 100 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Als Großbritannien und Frankreich am 3. September 1939 Nazi-Deutschland den Krieg erklärten, galt die Generalmobilmachung in all diesen britischen und französischen Kolonien rund um den Globus.  

Deutschland hatte seine Kolonien in Afrika zwar nach dem Ersten Weltkrieg an die Siegermächte abtreten müssen. Doch ihre Rückgewinnung gehörte zu den erklärten Kriegszielen der Nazis. Schon 1933 richtete die NSDAP ein Kolonialpolitisches Amt (KPA) ein, um die Verwaltung eines "germanischen Kolonialreichs" in Afrika vorzubereiten. Dieses sollte von der Atlantikküste im Westen bis zum Indischen Ozean im Osten reichen und ein Drittel des Kontinents umfassen. Seine Eroberung sollte nach der Unterjochung Osteuropas erfolgen und das anvisierte großdeutsche Reich mit Rohstoffen und Nahrungsmitteln versorgen. Ab 1940 rekrutierte das NS-Regime bereits Polizisten und SS-Truppen für Einsätze "in den Tropen" und bildete ausgewählte Männer und Frauen für die Verwaltung von Plantagen und Minen in Afrika aus. Selbst "Arbeitsbücher" zur Registrierung der "Eingeborenen", die unter deutscher Aufsicht Zwangsarbeit leisten sollten, wurden bereits gedruckt. Und NS-Juristen entwarfen ein "Kolonialblutschutzgesetz", um jegliche "Rassenmischung" in den afrikanischen Kolonien zu unterbinden, also Beziehungen zwischen deutschen Siedlern und Afrikanerinnen und Afrikanern. Dieses Gesetz wurde nach dem Krieg zur Blaupause für die Apartheidgesetze in Südafrika.  

Nach der Unterwerfung Frankreichs und dem Waffenstillstandsvertrag der Kollaborationsregierung von Vichy mit Hitler im Juni 1940 erhielt das NS-Regime zudem Zugriff auf nahezu sämtliche französischen Kolonien von der Karibik über den Pazifik und Indochina bis nach Afrika – mit fatalen Folgen für deren Bewohnerinnen und Bewohner. Denn diese mussten danach in Zwangsarbeit Rohstoffe für die deutsche Rüstungsindustrie abbauen und Nahrungsmittel für die deutschen Truppen liefern. Auch in den britischen und französischen Kolonien mussten während des Zweiten Weltkriegs mehr Menschen Zwangsarbeit leisten, als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt der Kolonialgeschichte – in Afrika waren Millionen Männer und Frauen davon betroffen.  

In Westafrika trieben französische Kolonialbeamte der Nazi-Kollaborateure von Vichy auf Geheiß des NS-Regimes sogar Geld zur Verpflegung der zehntausenden afrikanischen Kriegsgefangenen ein, die in Frankreich gekämpft hatten und die ab 1940 in deutschen Lagern inhaftiert waren. Ab Februar 1941 kam noch die Versorgung der deutschen Panzerverbände in Nordafrika hinzu, für die im Maghreb Nahrungsmittel, PKW und Lastwagen konfisziert wurden. Allein Algerien lieferte den deutschen Truppen in einem Jahr 450.000 Doppelzentner Getreide, 220.000 Schafe und 4,8 Millionen Hektoliter Wein, während die algerische Bevölkerung an Unterernährung, Tuberkulose und Typhus litt.  

Auch die faschistische Regierung Mussolinis kontrolliere schon vor Kriegsbeginn mit Libyen, Eritrea und Somali Land ein Kolonialgebiet, das um ein Vielfaches größer war als Italien. Mussolini verfolgte das Ziel, in Ostafrika ein neues "Imperium Romanum" zu gründen. Deshalb ließ er schon im Oktober 1935 300.000 Soldaten unter italienischem Kommando in Äthiopien einmarschieren, die Hälfte davon afrikanische Kolonialsoldaten.

Äthiopien war das letzte Land Afrikas, das bis dahin erfolgreich alle Kolonialisierungsversuche hatte abwehren können und der äthiopische Kaiser Heile Selassi verfügte über eine eigene Armee mit – je nach Quelle – 150.000 bis 250.000 Soldaten, die erbitterten Widerstand leisteten. Das faschistische Italien setzte in Äthiopien auch völkerrechtlich geächtete Waffen wie Giftgas ein und konnte so im Mai 1936 auch die äthiopische Hauptstadt Addis Abeba und ein brutales Besatzungsregime errichten. Bis dahin hatten die Invasoren unter italienischem Kommando bereits 150.000 äthiopische Zivilistinnen und Zivilisten niedergemetzelt. Trotzdem kämpften 500.000 äthiopische Partisaninnen und Partisanen - "Patriots" genannt - weiter gegen die italienischen Besatzer. Erst als Italien im Juni 1940, Großbritannien in Europa den Krieg erklärte, kamen ihnen Kolonialtruppen unter britischem Kommando zur Hilfe.  

Bis zur italienischen Kapitulation in Äthiopien im Jahr 1941 kamen auf dem ostafrikanischen Kriegsschauplatz mehrere hunderttausend Soldaten aus 17 Ländern und vier Kontinenten zum Einsatz. Hätte ein ähnliches internationales Kriegsszenario auf dem europäischen Kontinent stattgefunden, würde es wohl selbstverständlich als Beginn eines Weltkrieges gelten. Der äthiopische Kriegsschauplatz hingegen blieb in der eurozentrischen Geschichtsschreibung zum Zweiten Weltkrieg bis heute weitgehend unbeachtet, wohl weil er in Afrika liegt und weil auf beiden Seiten mehrheitlich farbige Kolonialsoldaten kämpften.  

Tatsächlich kommen Kriegsteilnehmer aus der Dritten Welt insgesamt in unseren Geschichtsbüchern immer noch allenfalls am Rande vor. Dabei kämpften im Zweiten Weltkrieg mehr Soldaten aus der Dritten Welt als aus Europa, sofern die Sowjetunion nicht mitgerechnet wird.

In China zum Beispiel kamen 14 Millionen Soldaten gegen japanische Truppen zum Einsatz. Indien stellte 2,5 Millionen Soldaten unter britisches Kommando, auf den Philippinen kämpften eine Million Männer und Frauen in antijapanischen Guerillas gegen die Besatzer. Aus Afrika zogen mehr als drei Millionen Soldaten in den Krieg und auch aus Süd- und Mittelamerika kamen Truppen im Zweiten Weltkrieg zum Einsatz, so Zehntausende aus Puerto Rico in Nordafrika, Brasilianer in Italien und Mexikaner auf Seiten der Alliierten auf den Philippinen.  

Allein China hatte auch mehr Opfer zu beklagen als die für den Krieg verantwortlichen Mächte Deutschland, Italien und Japan zusammen. Nach heutigen Schätzungen chinesischer und deutscher Historiker gab es im Zweiten Weltkrieg in China 21 Millionen Opfer.  

Und die meisten Bombenopfer bei der Befreiung von Nazi-Terror und Faschismus gab es nicht in Dresden, Berlin oder Köln, sondern in der philippinischen Hauptstadt Manila, wo 1944/45 100.000 Zivilistinnen und Zivilisten durch Bombardements und Straßenkämpfe zwischen den japanischen Besatzern und alliierten Truppen umkamen.  

Unter britischem Kommando kämpften im Zweiten Weltkrieg insgesamt 11 Millionen Soldaten. Davon kam fast die Hälfte aus den britischen Kolonien, darunter rund eine Million aus Afrika. Die afrikanischen Kolonialsoldaten der britischen Armee fochten in Britisch-Somaliland und Äthiopien, in Libyen und Ägypten, gegen das Vichy-Regime in Madagaskar und 1944 gegen japanische Truppen in den Dschungeln der britischen Kolonie Burma. Dass der japanische Angriff auf die britische Kronkolonie Indien zurückgeschlagen werden konnte, ist nicht zuletzt den etwa 100.000 afrikanischen Soldaten zu verdanken, die unter britischem Kommando an der Grenze zu Burma in der ersten Frontlinie standen.  

Auch unter französischem Kommando kamen im Zweiten Weltkrieg etwa eine Million afrikanische Soldaten zum Einsatz - viele von ihnen auf wechselnden Seiten der Front. Nach der Kriegserklärung an Nazi-Deutschland im September 1939 rekrutierte die Französische Republik in ihren afrikanischen Kolonien etwa 500.000 Soldaten und karrte sie eiligst nach Europa. Viele von ihnen standen im Mai 1940 bereits in Nordfrankreich an der Front, um den Überfall der deutschen Wehrmacht abzuwehren. Die genauen Zahlen sind nicht bekannt. Aber wie groß der Anteil der afrikanischen Soldaten war, die zur Verteidigung Frankreichs antraten, zeigen historische Forschungen. Danach gerieten bei der französischen Kapitulation im Juni 1940 bereits 60.000 Afrikaner in deutsche Gefangenschaft. Ähnlich viele, wenn nicht sogar mehr, dürften schon zu diesem Zeitpunkt auf den nordfranzösischen Schlachtfeldern umgekommen sein.  

Nach der französischen Niederlage und dem Waffenstillstandsvertrag zwischen der Kollaborationsregierung von Vichy und dem NS-Regime mussten Kolonialsoldaten aus West- und Nordafrika, die bis dahin gegen Nazi-Deutschland gekämpft hatten, auf der anderen Seite der Front weiter Krieg führen, unter dem Kommando von Vichy-Offizieren für die faschistischen Achsenmächte - so zum Beispiel in Dakar, in der Levante (also in Syrien und dem Libanon) und 1942 auch in Nordafrika. General Charles de Gaulle, der im Juni 1940 von London aus zum Widerstand gegen das Vichy-Regime und Nazi-Deutschland aufrief, konnte seine Streitmacht des "Freien Frankreich" nur in den Kolonien aufbauen. De Gaulles erster Stützpunkt lag nicht in Frankreich oder Großbritannien, sondern es war das Fort Lamy in Äquatorialafrika (im heutigen Tschad). Der Gouverneur von Äquatorialafrika Félix Eboué war der einzige aus dem riesigen französischen Kolonialreich, der dem Aufruf De Gaulles folgte und sich auf die Seite des "Freien Frankreichs" stellte. Denn er war der einzige farbige Gouverneur in einer französischen Kolonie und wusste, was ein Sieg von Faschisten und Rassisten bedeutet hätte.  

De Gaulle bestätigte die zentrale Rolle Afrikas im Zweiten Weltkrieg später in seinen Memoiren, in denen er schrieb:

In den ausgedehnten Weiten Afrikas konnte Frankreich tatsächlich eine neue Armee zur Verteidigung seiner Souveränität aufstellen [...] und damit die Kräfteverhältnisse an der Front umkehren. Afrika, in Reichweite der Halbinseln Italien, Balkan und Spanien gelegen, bot eine ausgezeichnete Ausgangsbasis für die Rückeroberung Europas.  

Als die Vichy-Regierung nach der Landung der Alliierten in Nordafrika 1943 die Kontrolle über die Kolonien verlor, rekrutierte de Gaulle in Nord- und Westafrika weitere hunderttausende Soldaten für die alliierten Landetruppen in Italien und in der Provence. Bis dahin bestand die Mehrzahl der Soldaten des Freien Frankreich aus Afrikanern. Aber als 1944 die Befreiung der französischen Hauptstadt Paris anstand, gab de Gaulle den Befehl zum "Blanchiment" ("Bleichen") seiner Truppen: Er ließ afrikanische Truppenverbände nach Südfrankreich oder an die Front im Elsass verlegen, denn er wollte, dass junge weiße Franzosen beim Einmarsch in Paris als Befreier gefeiert würden und nicht mehrheitlich Farbige, die für die Freiheit Frankreichs gekämpft hatten. Ohne den Einsatz von Hunderttausenden afrikanischen Soldaten auf der Seite des "Freien Frankreich" hätte Frankreich nach Kriegsende nicht zu den Siegermächten gezählt und heute keinen Sitz mit Vetorecht im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Der Sitz stünde somit eigentlich afrikanischen Vertreterinnen und Vertretern zu.  

Aber nach dem Kriegsende – vor nunmehr 75 Jahren – war nicht nur die Bedeutung Afrikas im Zweiten Weltkrieg, sondern die Rolle der Dritten Welt insgesamt in diesem Krieg rasch verdrängt und vergessen. Weder haben die Kriegsverursacher Deutschland und Italien jemals Reparationszahlungen für Kriegsschäden in afrikanischen Ländern oder Entschädigungen für afrikanische Gefangene, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter gezahlt. Noch erhielten die afrikanischen Soldaten der britischen und französischen Armee jemals angemessene Kriegs- und Invalidenrenten. Die britischen Streitkräfte zahlten ihren Kolonialsoldaten nach dem Kriegsende gar keine Renten, die französischen zahlten allenfalls Trinkgelder. Bei Recherchen in Dakar zeigte mir der Kriegsveteran Yoro Ba, der unter französischem Kommando in Westafrika, in Frankreich und in Deutschland gekämpft hatte, seinen Rentenbescheid: Für sieben Jahre Kriegsdienst zahlte ihm der französische Staat sechs Jahrzehnte später eine Rente von 13 Euro im Monat. Veteranen in Mali erhielten sogar nur fünf oder acht Euro monatlich.    

Nachdem Millionen Afrikaner für die Befreiung Europas ihr Leben eingesetzt hatten, wurde auch ihre Forderung nach Freiheit und nach der Unabhängigkeit ihrer eigenen Länder von den Kolonialmächten weiter mit brutaler Gewalt unterdrückt.