Die umgebaute Stadtteilbibliothek ist weit mehr als eine Medien-Ausleihstation

Von Markus Frey
Kölnische Rundschau, 11. Oktober 2018, Seite 33, Ausgabe 236

KALK. Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass Kalk nach der Sanierung und Neugestaltung seiner Stadtteilbibliothek nun um eine Attraktion reicher ist. Nach einer rund einjährigen Umbauphase ist ein Wohlfühl-Ort entstanden mit einem neuartigen innenarchitektonischen Konzept, hoher Aufenthaltsqualität sowie digitalen und interaktiven Angeboten, wie es sie selten gibt. Eine "Bibliothek 4.0" sozusagen.

"Sie nennen ihn den Rockstar der Bibliotheken. Ich finde, das passt", leitete Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes in ihrer Eröffnungsansprache zum niederländischen "Creative Guide" Aat Vos (53) über, der den Entwurf in Kooperation mit der Künstlergruppe "Urbanscreen" und den Mitarbeitern um Bibliotheksdirektorin Dr. Hannelore Vogt entwickelt hatte. Um sich dem Projekt, Kalk und seinen Menschen zu nähern, war der niederländische Architekt, dessen Spezialgebiet die Wiederbelebung öffentlicher Räume ist, eigens nach Kalk gezogen und hatte den Kontakt mit den Anwohnern gesucht, um mehr über deren Bedürfnisse und Lebensart zu erfahren.

Er beobachtete Menschen, die in einer Bäckerei zusammen saßen, miteinander redeten und sich mit ihren Kindern beschäftigten. Er setzte sich in die Eckkneipe und kam mit den Gästen ins Gespräch. Vos selbst spricht in diesem Zusammenhang vom "Dritten Ort", nach dessen Vorbild er auch die Kalker Stadtteilbibliothek umgestaltete. "Es gibt eine Theorie zum Dritten Ort, die der Soziologe Ray Oldenburg aufgestellt hat. Darin geht es um einen Platz, an dem sich der Mensch neben dem eigenen Zuhause und dem Arbeitsplatz aufhält. An dem Öffentlichkeit herrscht, der aber gleichzeitig ein Heimatgefühl weckt. Ein Ort, an den wir alleine gehen können, wo wir uns sicher fühlen und ganz wir selbst sein können", so Vos.

Die Sehnsucht danach habe er auch in Kalk gespürt. "Ich denke, so ein Ort ist ganz wichtig. Nur sollte er auch in der Nähe und zudem kostenlos sein. Häufig sind solche dritten Orte kommerziell geprägt", führte der Architekt aus.

In Kalk ist ihm die Schaffung eines Raumes von hoher Funktionalität in Verbindung mit einer behaglichen Atmosphäre gelungen. Überall laden Sitzecken, in den Holzboden eingelassene Gruppentische, Ledersofas oder eine Sitz- und Liegekissenlandschaft in Form eines Stofftier-Hasen dazu ein, den Alltag um sich herum zu vergessen und beim Lesen in andere Welten einzutauchen. Ein "Maker Space" in Form eines übergroßen Fahrrads mit mobiler Bedientheke ermöglicht es den Nutzern, selbst kreativ zu werden und Entwürfe, Zeichnungen und Ideen über einen 3D-Drucker in plastische Formen zu bringen.

In der Kalker Bibliothek kommt das Nutzersystem einer "Open Library" zur Anwendung, das die Anforderungen an eine fortschrittliche Bibliothek mit emotionalem Erlebniswert verbindet. Die Besucher können die Bibliothek auch in Zeiten nutzen, wenn kein Personal vor Ort ist: Bücher und Medien werden dann über digital gesteuerte Selbstbuchungsstationen und Terminals mit Touchscreen ausgeliehen und in speziell dafür bereitgestellten Behältern zurückgeben. Die Besucher dürfen sich dann auch in der neuen Bibliothek aufhalten - so werden die Öffnungszeiten um 53 Prozent erweitert. "Es wäre schade, wenn man so viel Geld in einen Ort steckt und dann die Tür zusperrt", betonte Vogt.

Den reibungslosen Betrieb garantiert dabei eine hochmoderne Gesamtanlage, die auch Sicherheits-Gates, Kameraüberwachung, Lautsprecherdurchsagen sowie das Energiemanagement steuert. Während der personallosen Zeiten weisen sich die Besucher mit ihrer Bibliothekskarte am "Entry Panel" aus. Alle Verbuchungs- und Kontoverwaltungsprozesse können mit wenigen Klicks erledigt werden.

Insgesamt 750 000 Euro ließ sich die Stadt die architektonische Neugestaltung kosten. Dafür gab es Mittel aus dem Städtebauförderungsprogramm, aber auch Eigenmittel flossen in das Projekt. 385 000 Euro etwa investierte die Gebäudewirtschaft der Stadt in neue Bodenbeläge, Akustikdecken, elektrische Anlagen, Beleuchtung und technische Ausstattung. Die Türanlage ist barrierefrei, zudem wurden die WC-Anlagen saniert und mit einer Wickelmöglichkeit ausgestattet. Auch der Innenhof wurde aufgewertet und neu bepflanzt.

"Die Institution Bibliothek versucht, sich selbst zu deinstitutionalisieren, um mehr Nutzen für die Nutzer zu bringen. Warum die Sofas, Liegekissen, Sitzgruppen oder ein Café? Weil das alles mithilft, dass die Menschen sich hier wohl und geborgen fühlen und gern hierher kommen", so "Creative Guide" Vos. In Kalk ist ihm ein großer Wurf gelungen.

Machen ist wie wollen - nur krasser. (Merkschrift am "Maker Space")

Copyright 2018 M. DuMont Schauberg, veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Kölnischen Rundschau, Lokalredaktion
Alle Rechte vorbehalten