Gemeinsam mit dem Rautenstrauch-Joest-Museum beschäftigen wir uns seit einigen Jahren intensiv mit der Aufarbeitung von kolonialen Unrechtskontexten sowie mit Rückgaben menschlicher Überreste und geraubter Kulturgüter. Als eines der ersten deutschen Museen hatte das Rautenstrauch-Joest-Museum 2004 in der Ausstellung "Namibia Deutschland: eine geteilte Geschichte" von Deutschen begangenes Unrecht in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika (seit 1884) im heutigen Namibia thematisiert. Dabei stand der Völkermord an den Herero und Nama im Vordergrund. 

Namibia - Deutschland: eine geteilte Geschichte

Bei Ausstellungen, in Forschungsprojekten und auch bei konkreten Anfragen von Nachfahren der Kolonisierten, von ehemaligen Besitzer*innen und Hersteller*innen der Objekte hat sich das Museum seit einigen Jahren mit Fragen des unrechtmäßigen Erwerbs im Zuge kolonialer Unrechtskontexte befasst.

Mit dem internationalen Paradigmenwechsel im Umgang mit kolonialen Kontexten sucht und entwickelt das Rautenstrauch-Joest-Museum mittlerweile Konzepte und Strategien zur systematischen und proaktiven Überprüfung der Herkunft der rund 69.000 Objekte in seinen Sammlungen. 2018 erfolgte mit dem tätowierten Māori-Schädel aus Neuseeland eine erste proaktive Rückführung durch uns.

Māori-Schädel kehrt zurück nach Neuseeland

Rückgabe der Benin-Bronzen

Seit 2021 setzen wir uns nun aktiv für die Rückgabe von 92 höfischen Kunstwerken aus dem Königreich Benin ein, heute im Edo State Nigeria gelegen, die sich im Rautenstrauch-Joest-Museum befinden. Damit bewahrt das Kölner Museum die viertgrößte Sammlung sogenannter Benin-Bronzen in Deutschland. Es gilt als sicher, dass diese Artefakte 1897 von der britischen Armee aus dem Königspalast des Königreichs Benin geraubt wurden. Die Hofkunstwerke gelangten zwischen 1899 und 1967 in die Museumssammlung.

Mit dem Rautenstrauch-Joest-Museum sind wir uns der gewaltvollen Geschichte, die mit den höfischen Kunstwerken aus dem Königreich Benin verbunden ist, sehr bewusst. Die Benin-Kunstwerke des Königspalastes sind vielfach die einzigen Zeugnisse der Geschichte des Königreichs Benin und seiner Menschen und haben daher für die nigerianische Gesellschaft einen hohen identitätsstiftenden Wert.

Bereits mit der Unabhängigkeit Nigerias von Großbritannien und Nordirland 1960 forderten Vertreter*innen der Regierung Benin-Objekte aus den europäischen Museen zurück. Dies blieb zunächst ohne Konsequenzen. 2010 wurde die internationale Benin Dialog Group mit dem Ziel gegründet, Fragen des Umgangs mit den Benin-Objekten und möglicher Rückgaben zu erörtern. Ihr gehören europäische Museen mit Benin-Bronzen in ihrem Besitz, Vertreter*innen des Könighauses Benin und der nationalen Kommission für Museen und Monumente in Nigeria an. Seit dem Amtsantritt von Nanette Snoep im Jahr 2019 ist auch das Rautenstrauch-Joest-Museum Mitglied der Gruppe.  

Seit 2021 ist das Museum bei der Frage der Rückführungen der Benin-Objekte in einen Prozess eingebunden, der von der Kulturstaatsministerin und vom Auswärtigen Amt begleitet wird. Das Auswärtige Amt entwickelt dabei gemeinsam mit dem Rautenstrauch-Joest-Museum und mit vier weiteren deutschen Museen mit den größten Benin-Sammlungen einen Fahrplan für die Rückführungen. Dazu gehören die Stiftung Preußischer Kulturbesitz Berlin, die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, das Museum am Rothenbaum Hamburg und das Linden-Museum Stuttgart. 

Eine daraus entwickelte Absichtserklärung des Auswärtigen Amtes und der Nationalen Kommission für Museen und Denkmäler des Staates Nigeria von Mitte Oktober 2021 sieht die Eigentumsübertragung der Benin-Bronzen an Nigeria im Laufe des Jahres 2022 vor. Außerdem soll es physische Rückgaben von Benin-Objekten aus deutschen Museen an das im Bau befindliche Edo Museum of West African Art in Benin City im Zeitraum von 2022 bis 2025 geben. Aktuell bereiten das Auswärtige Amt und die Kulturstaatsministerin eine politische Rahmenvereinbarung zwischen Nigeria und Deutschland vor. Geplant ist, dass ein Teil der Benin-Objekte in den deutschen Museen verbleiben kann und in den Schausammlungen präsentiert werden soll.

Im Februar 2022 hat der Rat uns damit beauftragt, alle notwendigen Schritte und Abstimmungen für die Rückgaben der Benin-Hofkunstwerke aus dem Bestand des Rautenstrauch-Joest-Museum vorzubereiten.

Eng verknüpft mit den Verhandlungen werden im Rautenstrauch-Joest-Museum zurzeit verschiedene Projekte zur Erforschung sowie zur transparenten Präsentation der Objekte durchgeführt.

Dies geschieht in enger Kooperation mit nigerianischen Wissenschaftler*innen und Künstler*innen. Auf diese Weise können die Erkenntnisse zu den Objekten und zur Geschichte des Königreichs Benin zukünftig ganz wesentlich erweitert und vertieft werden. Der Prozess der Rückführungen ist insofern der Beginn einer wichtigen Partnerschaft mit Nigeria.

Stadt Köln plant, Benin-Hofkunstwerke an Nigeria zurückzuführen Digital Benin – Online Datenbank Provenienzforschung im Rautenstrauch-Joest-Museum

Kamerun: Skulptur eines Würdenträgers aus der Region Bangwa

Seit 2021 erforscht das Rautenstrauch-Joest-Museum die Herkunftsgeschichte der Skulptur eines Würdenträgers (lefem) mit einer Tabakpfeife als Statussymbol.

Die Skulptur als eine der spirituellen (Prestige-)Objekte des Königspalastes stammt aus Bangwa in der heutigen Region Südwestkamerun. Sie wurde nach heutigem Kenntnisstand bei einer "Strafexpedition" von Leutnant Kurt Strümpell im Jahr 1900 entwendet, gelangte wenig später als Schenkung in das Städtische Museum Braunschweig, 1955 an einen Düsseldorfer Sammler und schließlich 1966 in das Rautenstrauch-Joest-Museum.

Am 9. Juli 2022 begrüßten wir im Rautenstrauch-Joest-Museum den König von Fontem/Bangwa (Kamerun) S. M. Asabaton Fontem Njifua mit seiner Delegation, um die Bangwa-Skulptur gemeinsam in Augenschein zu nehmen und über Fragen des zur deutschen Kolonialzeit entwendeten Kulturgutes zu diskutieren.

Veranstaltungshinweis Rautenstrauch-Joest-Museum – Aktuelles

Im Prozess der Dekolonisierung

Insgesamt sind die Rückführungen eingebettet in den bedeutenden Prozess der Dekolonisierung. Dazu ist 2021 in Köln ein breit angelegtes Projekt zur Aufarbeitung des (post)kolonialen Erbes der Stadt ins Leben gerufen worden. Die Rückgaben und die damit verbundene kritische Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit sind dabei elementar für den Aufbau neuer Beziehungen zwischen den Gesellschaften der Nord- und der Südhalbkugel, weil die Kolonialgeschichte als Kern der Ideologie der Ungleichwertigkeit, der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit sowie der Diskriminierung und des Rassismus in vielfacher Weise bis heute nachwirkt.

Auftaktveranstaltung (post)koloniales Erbe der Stadt Köln