Die Preisträgerin 2019 ist Karosh Taha.

Begründung für die Preisvergabe

© Havin Al-Sindy

Mit ihrem Debütroman hat Karosh Taha 2018 als bereits ausgereifte Autorin von beeindruckender sprachlicher und erzählerischer Kraft die literarische Bühne betreten.

In Beschreibung einer Krabbenwanderung zoomt sie nah heran an eine kurdische Großfamilie in einer Hochhaussiedlung im Ruhrgebiet. In deren Zentrum steht die junge Ich-Erzählerin Sanaa, deren Weg ins eigene Leben durch die Sorge um die pubertierende Schwester, den meist abwesenden Vater und die schwer depressive Mutter ausgebremst wird. Ihr zweites Leben als Uni-Studentin mit Freund und Liebhaber hält Sanaa streng vom Leben im Hochhaus getrennt. Wie beides zusammengehen soll, kann sie sich einfach nicht vorstellen. Hier wie da ist sie nicht bei sich selbst. Das macht sie einsam – obwohl sie doch immer unter Menschen ist. Einziges Verbindungsglied sind Klassiker der Weltliteratur, die sie gern als Schutzschild vor der Brust trägt, wenn sie auf dem Weg ist vom einem Leben ins andere.

Erzählt wird das alles nah an den Figuren, greifbar, nachfühlbar, spannend, szenisch lebendig und lebensecht, manchmal tieftraurig, dann wieder deftig, wütend, komisch oder melancholisch, und immer mal wieder ganz sacht gebrochen von einem Hauch magischen Realismusses.

Der Leser taucht einerseits tief ein in das ganz besondere Milieu rund um ebendiese Großfamilie in dieser Hochhaussiedlung. Andererseits weist der Text weit über die beschriebenen Zusammenhänge hinaus, durch eine universale, psychologische Nachvollziehbarkeit seiner Figuren und dem, was sie antreibt, umtreibt oder auch lähmt.

Der Debütroman Beschreibung einer Krabbenwanderung kreist, wie auch das aktuelle Romanprojekt mit dem Arbeitstitel Im Bauch der Königin um Fragen der Diskrepanz zwischen individuellen Lebensentwürfen und gesellschaftlichen Erwartungen.
Im Bauch der Königin, der Text an dem sie derzeit arbeitet, bezeichnet Karosh Taha als literarische Klecksographie, als Parallelroman, der zwei mögliche Leben seiner Figuren im gleichen Setting aufzeigt. Erzählt wird einmal aus der weiblichen Sicht von Amal, dann wieder aus der männlichen Sicht von Raffiq. Beide haben als Kinder den Nachbarsjungen Younes verprügelt, und sind später mit ihm befreundet. Younes' Stand als Junge ist prekär, sein Vater hat ihn und die Mutter verlassen, die Mutter wird im Viertel, vor allem von den anderen Frauen, als Schlampe gebrandmarkt.
Die beiden Blickwinkel auf das Aufwachsen im Viertel, der weibliche und der männliche, sollen, so Karosh Taha, unterschiedliche Wahrnehmungen der Frage ermöglichen: Wie lebe ich, und wie möchte ich leben? Zudem untersucht sie, wie sich die literarischen Mittel, die zur Verfügung stehen, je nach Geschlecht des Erzählers und der Erzählerin, ändern? Und wie es, je nach Blickwinkel, um die Wahrnehmung der weiblichen Sexualität steht – gerade auch innerhalb eines patriarchalen Kulturkreises.

Auch Im Bauch der Königin zeigt, obgleich als Text noch im Entwicklungsstadium, bereits von vornherein in Sprache und Erzählstil die Souveränität und Reife dieser Erzählerin – und weckt den starken Wunsch, mehr lesen zu wollen. Dazu soll das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium 2019 beitragen. 

Jury:
Ruth Dickhoven
Özlem Özgül Dündar
Bettina Fischer
Dr. Enno Stahl

Weitere Informationen

Näheres über die Preisträgerin erfahren Sie in unserem Video. Zudem haben wir die Biografie von Karosh Taha und die Laudatio von Ruth Dickhoven für Sie bereitgestellt.

Biografie Karosh Taha
PDF, 33 kb
Laudatio Karosh Taha
PDF, 16 kb

Wer war Rolf Dieter Brinkmann?

Rolf Dieter Brinkmann war deutscher Schriftsteller und Herausgeber, geboren 1940 in Vechta und gestorben 1975 bei einem Unfall in London. In den 1960er Jahren war er der führende Underground-Lyriker in Deutschland.

Weitere Eckdaten seiner Biografie sowie eine alphabetische Übersicht der bisherigen Preisträgerinnen und Preisträger finden Sie hier:

Rolf Dieter Brinkmann Preisträgerinnen und Preisträger alphabetisch