Auch 2018 soll unser bereits seit einigen Jahren etabliertes Istanbulstipendium "Atelier Galata" fortgesetzt werden. Wie viele andere deutsche Kulturinstitute im Ausland erachten auch wir die Unterstützung der Zivilgesellschaft und Künstlerschaft in politisch schwierigen Situationen als besonders wichtig. Ähnlich sehen es auch die Kunststiftung NRW und zahlreiche Hochschulen aus dem deutschsprachigen Raum, die vor Ort ihre Programme weiterführen. Köln-Istanbul ist eine lang gepflegte Städtepartnerschaft, die uns besonders am Herzen liegt und weitergepflegt wird. Nicht zuletzt die gestiegene Bewerberzahl nach der erfolgreichen Ausstellung "Aufwachen in Istanbul" im Herbst 2017 hat uns bewogen, auch 2018 am Stipendienprogramm festzuhalten.

Die Stipendiatinnen 2018

Die Jury wählte die Autorin Katharina Cromme und die Künstlerin Viola Yeşiltaç für das Stipendienprogramm 2018 aus.

Stipendium für Literatur

Zum Werdegang und der Juryentscheidung für Katharina Cromme schreibt der Vorjahresstipendiat Bastian Schneider, Mitglied der diesjährigen Jury:

© Sarah David

Katharina Cromme, Jahrgang 1986, lebt nach ihrem Regiestudium in Zürich und New York als Regisseurin und Autorin in Zürich. Die Stadt an der Limmat ist jedoch eher als Stützpunkt zu verstehen, von dem aus sie immer wieder in die Welt auszieht. Und so zählen Chur, Luzern und Köln ebenso zu ihren Wirk- und Arbeitsstätten wie Perm, Kazan oder Kapstadt. Dorthin führen sie vor allem ihre Theaterprojekte, die sich durch einen unbefangenen Zugang zu Ironie und Humor auszeichnen. Geschult an Daniil Charms, dem russischen Großmeister der kleinen Groteske und der absurden Miniatur, zeugen Crommes ins Burleske spielende Stücke von sprachlichem Witz und poetischem Feinsinn. Dabei schrecken sie auch vor dem einen oder anderen Kalauer nicht zurück, was man nur als erfrischend bezeichnen kann in der eher unterkühlten bis bierernsten, zuweilen gar moralinsauren deutschen Literaturlandschaft unserer Tage.

Mit ihrem literarischen Vorhaben Wellenlängen, einer "verbalen Langzeitbelichtung", wie Cromme es selbst ausdrückt, wagt sie sich nun von der Bühne herunter direkt in den gesellschaftlichen Raum. In einer Art Pilot-Projekt durchstreifte Cromme Kapstadt und erfasste mithilfe eines eigens angefertigten Fragenkatalogs die individuellen Geschichten der Menschen, die ihr begegneten, wobei der Fokus vor allem auf den am Rande der Gesellschaft Stehenden lag. Hierbei spielte die Wahrnehmung eine entscheidende Rolle, was sowohl die rein sinnliche Perzeption von Umwelt betrifft als auch die Wahrnehmung der eigenen Person innerhalb der Gesellschaft. Cromme sieht sich, indem sie die Menschen dazu anstiftet, über sich und ihre Wechselwirkung mit ihrem Umfeld auseinanderzusetzen, gleichsam als Komplizin der politischen und gesellschaftlichen (Selbst-)Bewusstwerdung eben jener Menschen, die sie befragt. Diesem Vorhaben möchte sie nun auch in Istanbul nachgehen - was könnte für einen Aufenthalt am Bosporus derzeit angemessener sein?

Frau Cromme ist in der Zeit von Januar bis März 2018 in Istanbul.

Stipendium für Bildende Kunst

Viola Yeşiltaç wird im Atelier Galata in der Zeit von April bis Juni 2018 wohnen und arbeiten. Zur Entscheidung der Jury schreibt Dr. Lilian Haberer, Kunsthistorisches Institut der Universität zu Köln und Mitglied der Jury:

© Lucas Knipscher

Die Heterogenität der künstlerischen Arbeiten von Viola Yeşiltaç - wie Skulpturen aus Fundstücken, Objekte aus Abgüssen, Fotografien, Kalligrafien auf Vinyl, Soundpieces - ist programmatisch zu verstehen, da ihnen ein performativer Gestus eingeschrieben ist. Die in Köln und New York lebende Künstlerin reflektiert in ihren Ausstellungen die Frage kultureller Identitäten, Transfer- und Migrationsbewegungen, die sich den Dingen einschreiben und die sie in einer performativen Bewegung miteinander in Beziehung setzt. So hat sie in ihrer New Yorker Ausstellung von 2017 "Strawberry of Cosmo" Glasrepliken von Alltagsgegenständen aus ihrer Kindheit in Langenhagen mit in China gefertigten Styroporstelen kombiniert, die sie während ihres Aufenthaltes in Istanbul, der Heimat ihres Vaters, auf Baustellen gesammelt hat. Diese waren ursprünglich Relikte einer vom türkischen Staat auf Profit angelegten, aktiven Bautätigkeit der staatlichen Wohnungsbaugesellschaft TOKİ zur Erneuerung der Stadt. Zusammen mit großformatigen Schwarzweißfotografien, die selbstgebaute Barrikaden aus Steinen an den Rändern und Straßen von Antalya zeigen, stellen die Orte und Gegenstände Verbindungen zu Formen des subtilen und zum Teil widerständigen Umgangs mit repressiven, machtvollen Strukturen her.

Letzteres Projekt möchte die Künstlerin, die an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und am Department für Fotografie am Royal College of Art in London studiert hat, für ihr Stipendium in Istanbul weiterentwickeln. Mittels einer fotografischen Serie, Projektionen und Rauminstallationen möchte Yeşiltaç den Narrativen von Erinnerung und kultureller Identität in Istanbul nachgehen und diese wiederbeleben. Maßgeblicher Hintergrund ist ihre Augenzeugenschaft des Putschversuchs in Istanbul 2016 und die Erfahrung, dem Terroranschlag auf den Flughafen Atatürk um wenige Stunden entgangen zu sein, was die Künstlerin dazu veranlasst, über ihre persönlichen Bezüge hinaus in ihr Istanbul-Projekt gesellschaftliche, historische, finanzpolitische, migratorische und soziokulturelle Fragen mit einzubeziehen.

Viola Yeşiltaç, Stipendiatin der Studienstiftung und des DAAD, ging 2012 für das Kempinski Art Programm nach Shanghai, nahm 2016 ein Arbeitsstipendium der Fondazione Brodbeck in Catania wahr und erhielt im selben Jahr die Honneurs der Heitland Foundation in Celle. Anhand ihrer umfangreichen internationalen Ausstellungstätigkeit und der Dokumentation ist zu erkennen, dass Yeşiltaç die Orte und Kontexte intensiv reflektiert und jeweils konzeptuell dezidierte, in Materialität und Aneignung jedoch vielschichtige und auf Diversität angelegte Arbeiten realisiert.

Wir sagen Danke!

Den Jurymitgliedern für Ihre Unterstützung:

  • Bettina Fischer, Literaturhaus Köln
  • Dr. Lilian Haberer, Kunsthistorisches Institut der Universität zu Köln
  • Dr. Gregor Jansen, Direktor der Kunsthalle Düsseldorf
  • Mischa Kuball, Professor an der Kunsthochschule für Medien Köln
  • Bastian Schneider, Stipendiat des Jahres 2017
  • Doris Frohnapfel, Stipendiatin des Jahres 2016
  • Noa Gur, Stipendiatin des Jahres 2016
  • Evamaria Schaller, Stipendiatin des Jahres 2016
  • Nadine Müseler, Referentin für Bildende Kunst

Herzlichen Dank auch allen Bewerberinnen und Bewerbern

Kontakt und weitere Informationen

Wenn Sie Kontakt zu Katharina Cromme oder Viola Yeşiltaç aufnehmen wollen oder ebenfalls an einem Stipendium in Istanbul interessiert sind, wenden Sie sich bitte an unser Referat für Bildende Kunst.

Kulturamt

Alle Informationen zu den Stipendien haben wir für Sie zusammengestellt:

Künstlerstipendien für das "Atelier Galata" in Istanbul