Bereits seit 2009 vergeben wir Stipendien für das Atelier Galata in Istanbul an Autor*innen und Künstler*innen. Für jeweils drei Monate werden im ersten Halbjahr 2026 zunächst die Brüder Stefan und Benjamin Ramírez Pérez und dann Bela Chekurishvili nach Istanbul reisen, um im Atelier Galata zu leben und zu arbeiten.
Benjamin Ramírez Pérez und Stefan Ramírez Pérez
Die Zwillinge Stefan und Benjamin Ramírez Pérez, geboren 1988, sind Filmemacher und leben in Köln. Benjamin studierte von 2009 bis 2015 an der Kunsthochschule für Medien Köln und war von 2016 bis 2018 Teilnehmer bei De Ateliers Amsterdam. Stefan absolvierte 2009 die Vancouver Film School und studierte von 2010 bis 2017 an der Kunsthochschule für Medien Köln. Die filmischen Arbeiten der beiden Brüder wurden international auf zahlreichen Filmfestivals sowie in Ausstellungen gezeigt, unter anderem im Museum of Contemporary Art Belgrade, der Julia Stoschek Collection Düsseldorf, bei der Videonale.16 in Bonn, auf dem Locarno Filmfestival, Toronto International Film Festival, Rotterdam International Film Festival, Visions du Réel Nyon und bei den Kurzfilmtagen Oberhausen. 2015 und 2018 haben wir bereits das Chargesheimer Stipendium an die Brüder vergeben.
Die Kölner Künstlerin Helin Sezen Korkmaz, Vorjahresstipendiatin und diesjähriges Jurymitglied, erläutert die Juryentscheidung für die beiden Filmemacher und deren filmischem Projektvorhaben mit dem Titel "Das Atrium" wie folgt:
In "Das Atrium" verfolgen die Brüder Pérez zeitgenössische Prozesse der Deglobalisierung, während Nationalstaaten zunehmend um Ressourcen wie Gas, Seltene Erden und Energiereserven konkurrieren. Istanbul erscheint als Grauzone geopolitischer Choreografie: eine Gastgeberstadt, in der ständig um Macht verhandelt wird, während geologische und materielle Ressourcen selbst weiterhin auf dem Spiel stehen. Das Gebäude, in dem der Film spielt, wird fast zu einem Antagonisten: eine dichte Ansammlung von Beton, Stahl und Glas, die auf eine alte Stadt drückt, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu einem neoliberalen Modell umgestaltet wurde. Der Film folgt Akteur*innen, die in einem Unternehmenskomplott gefangen sind, in dem digitale und physische Realitäten zusammenbrechen, während Urwälder das Gebäude überwuchern und die Ausbeutung als gemeinsame Logik hinter wirtschaftlicher Expansion und ökologischer Zerstörung offenbaren. Das Projekt zieht zahlreiche Parallelen zu den heutigen politischen und ökologischen Krisen und verortet diese Dynamiken im Herzen einer Stadt, die von beiden tiefgreifend betroffen ist.
Bela Chekurishvili
Bela Chekurishvili, 1974 in Gurjaani, Georgien, geboren, hat georgische Sprache und Literatur an der Universität Tbilisi studiert. Anschließend hat sie an der Universität Bonn Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft mit den Nebenfächern Kunstwissenschaft und Skandinavistik studiert. 2024 schloss sie ihr Studium mit dem Master of Arts ab. Sie arbeitete viele Jahre als Kulturjournalistin für verschiedene georgische Zeitschriften und Zeitungen sowie mehrere Jahre als Lehrerin tätig. Sie hat zahlreiche Übersetzungen aus dem Georgischen ins Deutsche und aus dem Deutschen ins Georgische verfasst. Aktuell ist sie Doktorandin für Komparatistik an der Universität Tbilisi. Seit 2016 ist sie als Herausgeberin und Übersetzerin tätig.
Bijan Benjamin, Vorjahresstipendiat und diesjähriges Jurymitglied, erläutert die Juryentscheidung für Bela Chekurishvili und ihr Projektvorhaben wie folgt:
Die Jury vergibt das Atelier-Galata-Stipendium Literatur 2026 an Bela Chekurishvili, da ihr Projekt in besonderer Weise künstlerische Haltung, gesellschaftliche Relevanz und den besonderen Standort Istanbul miteinander verbindet. Mit ihrem literarischen Vorhaben erschließt sie ein bislang wenig sichtbares, zugleich hochaktuelles Feld europäischer Migrations- und Erinnerungsgeschichte: die georgisch-türkisch-deutsche Diaspora und ihre vielschichtigen biografischen, sprachlichen und kulturellen Verflechtungen. Das Projekt ist klar gegenwartsbezogen angelegt und reagiert auf politische und soziale Verschiebungen, deren literarische Bearbeitung zeitlich wie inhaltlich dringlich erscheint. Istanbul fungiert dabei als unverzichtbarer historischer und gegenwärtiger Knotenpunkt. Die Stadt ist Ort der Recherche, der Begegnung und der literarischen Verdichtung. Als Autorin, Übersetzerin und Herausgeberin bringt sie eine transnationale Perspektive ein, die Literatur als vermittelnde Praxis zwischen Sprachen, Generationen und kulturellen Räumen versteht. Die geplante Arbeit zielt nicht auf Dokumentation ab, sondern auf eine eigenständige literarische Form.
Den Auswahljurys gehörten an:
- Professorin Dr. Lilian Haberer, Kunsthochschule für Medien Köln
- Bettina Fischer, Literaturhaus Köln
- Professor Mischa Kuball, Kunsthochschule für Medien Köln
- Dr. Gregor Jansen, ehemaliger künstlerischer Leiter der Kunsthalle Düsseldorf
- Nadine Müseler, Referentin im Kulturamt der Stadt Köln
- Die Stipendiat*innen 2025 Helin Sezen Korkmaz und Bijan Benjamin