Der Ausschuss für Chancengerechtigkeit und Integration der Stadt Köln begleitet die Entwicklung eines bundesweiten Migrationsmuseums von Beginn an und hat maßgeblich dazu beigetragen, dass das Museum in Köln entstehen wird. Der Zuschlag für das Museum Selma ist ein wichtiges und längst überfälliges Signal für die Sichtbarkeit der Migrationsgeschichte in Deutschland und für Köln als Einwanderungsstadt.

Umso größer ist nun die Sorge: Statt einer klaren Perspektive für ein eigenständiges Haus entsteht eine Debatte, die mehr Fragen aufwirft als beantwortet.

Die Stadt Köln hat sich über Jahre hinweg gegen die Finanzierung und den Betrieb eines weiteren städtischen Museums positioniert. Bereits 2018 hat der Rat ausdrücklich festgehalten, dass die DOMiD gGmbH die Trägerschaft übernehmen soll – nicht die Stadt. Auch die Bundesförderung war an einen eigenständigen Neubau mit klar geregelter Trägerschaft geknüpft. Dies bildete die Grundlage des gesamten Vorhabens.

Mit Blick auf die aktuell vorgelegte Beschlussvorlage zur möglichen Integration des Museumsprojekts in das Kulturzentrum am Neumarkt (KAN) sieht der Ausschuss weiterhin erheblichen Klärungsbedarf. Der Rat soll die Verwaltung beauftragen zu prüfen, unter welchen Voraussetzungen das Museum Selma in die bestehenden Strukturen des KAN integriert werden kann.

Der Ausschuss weist darauf hin, dass das Projekt ursprünglich mit einer klaren Zielsetzung entwickelt wurde: Ein eigenständiges, bundesweit ausstrahlendes Museum zur Geschichte der Migration in Deutschland. Auch die Trägerschaft durch die DOMiD gGmbH sowie die zugesagten Fördermittel von Bund und Land bildeten die Grundlage dieser Planung.  

Kalk und das Rechtsrheinische: Ein Standort mit Geschichte und Zukunft

Was bei der aktuellen Debatte zu kurz kommt, ist die Frage danach, was der Standort Kalk für dieses Museum bedeutet – und was dieses Museum für Kalk bedeutet.

Kalk ist kein zufälliger Ort. Das Rechtsrheinische ist eines der Stadtgebiete Kölns mit dem höchsten Anteil an Menschen mit Einwanderungsgeschichte. Viele Familien, die in den vergangenen Jahrzehnten nach Köln gekommen sind – als sogenannte Gastarbeiter*innen, als Geflüchtete, als EU-Zugewanderte – haben hier ihre Heimat gefunden. Kalk ist ein Stadtteil, der diese Geschichte trägt: in seinen Straßen, in seinen Einrichtungen, in seinen Menschen.

Ein Migrationsmuseum in Kalk wäre kein Museum über diese Menschen – es wäre ein Museum mit ihnen und für sie. Die soziografische und inhaltliche Passung zwischen dem Standort und dem Thema des Museums ist einzigartig. Kein anderer Standort in Köln bietet diese Verbindung.

Darüber hinaus ist der Standort Kalk seit Jahren Gegenstand gezielter stadtentwicklerischer Bemühungen. Das Osthof-Areal, die Hallen Kalk, KAT 18, der Kulturhof – diese Projekte hängen zusammen. DOMiD und Selma sind dabei nicht ein Baustein unter vielen: Sie sind der Anker, ohne den die gesamte kulturelle Entwicklung des Rechtsrheinischen ihren Schwerpunkt verliert. Ein Wegzug aus Kalk wäre deshalb nicht nur ein Verlust für den Stadtteil, sondern für das rechtsrheinische Köln insgesamt.

Der Ausschuss erinnert daran, dass dieser Standort nicht einfach beschlossen wurde – er wurde über mehr als zehn Jahre erarbeitet. Werkstattverfahren, Bürger*innenbeteiligung, zivilgesellschaftliches Engagement: Die Menschen in Kalk und im Rechtsrheinischen haben sich für dieses Projekt eingesetzt. Dieser Prozess verdient Respekt – auch und gerade in einem Moment, in dem es finanziell eng wird.

Vor diesem Hintergrund hält der Ausschuss es für erforderlich, dass die folgenden zentralen Fragen im weiteren Verfahren transparent geklärt werden:

  • Wie kann ein bundesweit bedeutendes Migrationsmuseum mit eigener Strahlkraft entstehen, wenn es lediglich in bestehende Strukturen integriert wird?
  • Wie wird sichergestellt, dass das Museum Selma ein eigenständiges Profil und eine klare institutionelle Perspektive behält?
  • Welche Auswirkungen hat eine Integration auf die bestehenden Einrichtungen im Kulturzentrum am Neumarkt?
  • Wie werden die Perspektiven der Communities sowie der zivilgesellschaftlichen Akteure, die dieses Projekt seit Jahren begleiten, im weiteren Prozess berücksichtigt?
  • Wie kann die bundesweite Bedeutung des Museumsprojekts langfristig gesichert werden?
  • Welche strategische Bedeutung hat ein Selma-Standort am Neumarkt im Vergleich zu einem Standort in Kalk für die Stadtentwicklung des Rechtsrheinischen?
  • Wie soll das Osthof-Areal und die Hallen Kalk entwickelt werden, wenn Selma nicht dort realisiert wird? Was soll mit den Hallen passieren?
  • Wurde ernsthaft geprüft, ob eine modulare oder phasenweise Realisierung in Kalk möglich ist – statt der Wahl zwischen vollem Ausbau und vollständiger Aufgabe des Standorts?
  • Warum soll ausgerechnet ein nationales Migrationsmuseum scheitern, wenn in anderen deutschen Städten trotz gestiegener Baukosten bedeutende Kulturprojekte realisiert werden

Der Ausschuss begrüßt, dass mit dem vorliegenden Planungsbeschluss zunächst eine vertiefte Prüfung erfolgen soll. Gleichzeitig erwartet er, dass die politischen Gremien frühzeitig und umfassend in die weiteren konzeptionellen Entscheidungen eingebunden werden. Für Köln bietet das Museum Selma die Chance, einen bundesweit bedeutenden Ort der Erinnerung, der Forschung und des gesellschaftlichen Dialogs zu schaffen. Für Kalk und das Rechtsrheinische bietet es darüber hinaus die Chance, den gesellschaftlichen Wandel dieses Stadtteils sichtbar zu machen und die kulturelle Infrastruktur eines Gebiets zu stärken, das lange im Schatten der linksrheinischen Innenstadt stand.

Der Ausschuss für Chancengerechtigkeit und Integration wird den weiteren Prozess daher weiterhin aufmerksam begleiten und sich dafür einsetzen, dass die ursprüngliche Zielsetzung des Projekts – ein eigenständiges, in Kalk verwurzeltes, bundesweit ausstrahlendes Migrationsmuseum – gewahrt bleibt.