Das Gedächtnis der Stadt
Die folgende Darstellung des Historischen Archivs basiert auf einem Vortrag, der im Rahmenprogramm zur Ausstellung "Köln 13 Uhr 58. Geborgene Schätze aus dem Historischen Archiv" gehalten wurde.
Spätmittelalterliche Anfänge
Im Vergleich zu anderen Kommunen begann die Stadt Köln sehr früh damit, sich um die Sicherung ihrer Urkunden zu kümmern. Der 1407 erbaute Rathausturm war auch zur Aufbewahrung der schriftlichen Dokumente gedacht, die zunächst hauptsächlich juristisch oder politisch von dauerhafter Bedeutung waren. Das Archiv war in dieser Zeit kein Ort der Überlieferungssicherung aus kulturellen Gründen. Jedoch wurden damals die Grundlagen dafür geschaffen, dass heute - 600 Jahre später - das Historische Archiv der Stadt Köln zu den bedeutendsten europäischen Kommunalarchiven zählt.
Die frühe Sorge um die städtischen Urkunden und später um die städtischen Akten gewährleistete, dass in Köln vieles die Jahrhunderte überdauerte, was andernorts durch Kriege, Katastrophen und Vernachlässigung verloren ging.
Professionalisierung im 19. Jahrhundert
Mit dem Ende der reichsstädtischen Zeit im späten 18. Jahrhundert verloren die meisten der sorgsam gehüteten Dokumente ihren juristischen und praktischen Wert. Erst jetzt wurden sie zu dem, was man heute als "kulturelles Gedächtnis" bezeichnet. Dass dieses Gedächtnis nicht vernachlässigt wurde, ist verschiedenen Kölner Persönlichkeiten - wie beispielsweise dem Natur- und Kunstliebhaber Ferdinand Franz Wallraf - zu verdanken, die sich intensiv für seine Bewahrung engagierten.
Dabei ergänzten sie die städtische Überlieferung um zahlreiche Dokumente aus den geistlichen Institutionen im Stadtgebiet, aus Familien- und Privatbesitz oder von sonstigen Einrichtungen. Sie sammelten diese zunächst selbst, um sie später den Archiven, Bibliotheken und Museen ihrer Heimatstadt zur Verfügung zu stellen. Das seit dem Spätmittelalter angewachsene historische Erbe wurde auf diesem Wege - bis heute - laufend erweitert.
Gedächtnis der Stadt und Spiegel lokaler Lebenswelten
Im 19. Jahrhundert begann die Entwicklung zum modernen Kommunalarchiv, das sich nicht auf den bedeutenden Altbeständen ausruhte und dabei modernes Schriftgut vernachlässigte. Die Überlieferungen aus den Ämtern und Dienststellen der Stadt Köln, aber auch die zahlreichen Sammlungen und Nachlassbestände wuchsen stetig an. Das Archiv blieb lebendig, vermied eine einseitige Ausrichtung und stellt daher heute ein fast einzigartiges Ensemble von Beständen dar. Es spiegelt in außergewöhnlicher Weise nicht nur Politik und Recht wider, sondern auch Kulturleben, Alltag, Religion, Wirtschaft, Soziales, Bildung und manches mehr aus 1.000 Jahren Sammlungsgeschichte - für Köln, aber auch weit darüber hinaus.
Insgesamt beherbergt das Historische Archiv circa 30 Regalkilometer Archivalien, davon ungefähr:
- 22 Regalkilometer Akten
- 65.000 Urkunden ab dem Jahr 922
- 1.800 mittelalterliche und frühneuzeitliche Handschriften
- 1.400 Bände mit mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Rechnungen
- 10.000 Testamente
- 150.000 Karten und Pläne
- 50.000 Plakate
- 2.500 Tonträger, Filme und Videos
- 500.000 Fotografien
Das Gebäude an der Severinstraße
Im Jahr 1971 konnte das Historische Archiv einen modernen Neubau an der Severinstraße beziehen, dessen Konstruktionsprinzipien als das "Kölner Modell" in die Geschichte des Archivbaus eingingen. Der sechsstöckige Magazinbau war schon damals mit einer passiven Klimatisierung versehen, die den Einbau einer Klimaanlage überflüssig machte und damit hohen Energieverbrauch verhinderte.
Dieser wegweisende Grundgedanke wurde bei späteren Archivbauten deutschland- und europaweit kopiert, erweitert und verfeinert. Ausgelegt war der Bau auf einen Zuwachs von 30 Jahren, anschließend wäre ein Neubau erforderlich gewesen. Es gelang zwar, die 30-Jahres-Frist durch verschiedene Maßnahmen zu verlängern - beispielsweise durch Bezug eines Außendepots - jedoch war die Notwendigkeit eines Neubaus bereits vor dem Einsturz am 3. März 2009 gegeben.
Herausforderungen der Zukunft
Nach dem Ende der einsturzbedingten Bergung steht das Historische Archiv vor einer beispiellosen Aufgabe. Das geborgene Archivgut hat durch den Einsturz jegliche logische Ordnung verloren, und jedes einzelne Blatt muss von dem allgegenwärtigen Betonstaub gereinigt und in seinen Kontext zurückgeführt werden, bevor es wieder benutzt werden kann. Gleichzeitig muss die notwendige Infrastruktur zunächst provisorisch errichtet werden, um dann von einem modernen Neubau abgelöst zu werden.
Neuordnung und Zusammenführung
Nur selten befinden sich nach der Bergung zwei Akten, die zuvor im Regal nebeneinander gestanden hatten, auch im Asylarchiv beieinander. Bis hin zum Einzelblatt oder zum bloßen Fragment einer Seite sind die Archivalien verstreut, und so gut wie jeder Bestand ist auf verschiedene Asylarchive aufgeteilt.
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die ersten Blätter einer zerrissenen Akte in einem Asylarchiv lagern, und die übrigen Teile in einem anderen Magazin untergekommen sind. Die große Herausforderung der nächsten Jahre wird daher sein, die eingelagerten Archivalien Stück für Stück zu sichten und in einer Datenbank so zu erfassen, dass ihre Zusammenführung in Köln sowie ihre Restaurierung möglichst schnell und professionell erfolgen können.
Restaurierung
Der Restaurierungsbedarf ist gigantisch. Mindestens 6.000 bis 6.500 Personenjahre sind erforderlich, um alle beschädigten Archivalien weitestgehend in Stand zu setzen. Wenn das Archiv in 30 Jahren wieder vollständig funktionstüchtig sein soll, müssen mehr als 200 Personen in ständigem Einsatz sein.
Ein neues, den Anforderungen angepasstes Restaurierungszentrum wurde daher schon rasch nach dem Einsturz geplant. Die Suche nach einer geeigneten Immobilie, die die hohen technischen Anforderungen und Sicherheitsansprüche erfüllte, erwies sich jedoch als langwierig. Sie ist aber mittlerweile abgeschlossen: In Porz-Lind entsteht derzeit eine moderne Restaurierungswerkstatt, die für alle sich aus den Kölner Schadensbildern ergebenden Anforderungen gerüstet sein wird. An die Restaurierung wird ein Magazinbereich angeschlossen sein, in dem Archivalien nach der Bearbeitung sicher gelagert werden können.
Erforderlich sind die Magazine und Werkstätten vor allem, um die Archivalien aus den Asylarchiven zusammenziehen und zu Partien zusammenstellen zu können, die dann entweder in der eigenen Werkstatt, oder durch auswärtige Anbieterinnen, Anbieter, Kooperationspartnerinnen und Kooperationspartner restauriert werden können.
Der auf den geborgenen Archivalien allgegenwärtige Betonstaub muss von jedem einzelnen Blatt entfernt werden, was bei dem Gesamtbestand von 30 Regalkilometern eine nie gekannte Herausforderung darstellt. Bei leichteren Schäden ist die Bearbeitung mit der Reinigung abgeschlossen. Dies wird jedoch nur bei circa 15 Prozent der Fall sein. Bei allen anderen Archivalien folgen die aufwändigen Arbeiten der Glättung, die Schließung von Rissen, die Ergänzung von Fehlstellen, die Fixierung von Siegeln, die Entfernung von mikrobiellem Befall, die Herstellung neuer Einbände, von Schutzverpackungen et cetera. Eine besondere Herausforderung stellen die fotografischen Bestände und audiovisuellen Medien dar, deren Trägerschichten sehr anfällig für mechanische und chemische Belastung sind.
Umfangreiche Informationen zur Restaurierung haben wir für Sie zusammengestellt:
Das Historische Archiv als Bürgerarchiv
Der Bauplatz für das neue Archivgebäude in Köln steht fest: Am Eifelwall/Ecke Luxemburger Straße. Damit wurde ein Standort gefunden, der Sicherheit vor neuen Katastrophen, wie zum Beispiel einem Rheinhochwasser, mit einer guten Anbindung sowohl an die Innenstadt als auch an die Universität vereint. Planung und Bauausführung werden aber noch mehrere Jahre benötigen. Bis dahin werden so viele Dienstleistungen wie möglich in provisorischen Liegenschaften angeboten.
Am Heumarkt 14 ist ein Gebäude bezogen worden, in dem ein digitaler Lesesaal, eine Ausstellungsfläche als "Schaufenster" des Archivs sowie die Verwaltung untergebracht sind. Darüber hinaus wird neben Restaurierung und Magazin in Porz-Lind ein Lesesaal eingerichtet, in dem die nach und nach wieder zur Verfügung stehenden Archivalien auch im Original vorgelegt werden können.
Das Historische Archiv wird seine Dienstleistungen weiter modernisieren. Der Neubau wird nicht nur sicher und funktional sein, er wird auch von Beginn an auf die Funktion des Stadtarchivs als Bürgerarchiv ausgerichtet sein:
Ein Archiv, das sich weit über die traditionellen wissenschaftlichen Benutzergruppen hinaus den Bürgerinnen und Bürgern, Vereinen und Verbänden, historischen Laien sowie der Politik öffnet. Es wird sich insbesondere der Bildungsarbeit sowie der Integration von Migrantinnen und Migranten in Kooperation mit den Schulen widmen. Für sie alle wird es Anlaufstelle für Fragen historischer Art sein.
Die traditionellen archivischen Aufgaben von Übernahme, Erschließung, Bewahrung und Nutzbarmachung von Archivalien werden dabei nicht vernachlässigt.







