Wie wohnen und arbeiten wir heute und morgen in unseren Städten?

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Dieser Frage widmete sich unsere vierteilige Veranstaltungsreihe "Kölner Perspektiven zu Wohnen und Arbeiten" in 2017.

Gemeinsam mit unseren Partnerinnen und Partnern - der Industrie- und Handelskammer zu Köln, dem Kölner KAP Forum-Architektur, Technologie, Design sowie dem Kölner Stadtanzeiger - haben wir international anerkannte Experten zum Gespräch nach Köln eingeladen, um aktuelle Strategien und Projekte anderer europäischer Großstädte kennenzulernen. Im Mittelpunkt standen die Fragen, wie sich die vielfältigen Ansprüche an Wohnen und Arbeiten in einer wachsenden Stadt in Einklang bringen lassen und welche Gestaltungsmöglichkeiten sich dafür bieten.

November 2017 - Thema Vorbilder für Köln

Nachdem in den ersten drei Beiträgen der Reihe die Städte Wien, Rotterdam und Brüssel ihre Strategien und Projekte zum Thema Wohnen und Arbeiten vorgestellt haben, ging es in der letzten Veranstaltung dieser Reihe um die konkrete architektonische Gestaltung. Die eingeladenen Architektinnen und Architekten präsentierten Beispiele, die anschaulich zeigen, wie sie Wohnen und Arbeiten gemeinsam gestalten und die als mögliche Vorbilder für die zukünftige Stadtentwicklung in Köln in Frage kommen.

Zum Abschluss der Veranstaltungsreihe "Kölner Perspektiven zu Wohnen und Arbeiten" stellten fünf renommierte Architektinnen und Achitekten Beispiele ihrer aktuellen Arbeit vor.

Den Anfang machte Finn Geipel, Professor an der Technischen Universität Berlin und Inhaber des Büros LIN Architekten Urbanisten, mit Sitz in Berlin und Paris. Der 2010 für seine Städtebauprojekte und Realisationen in Frankreich zum Chevalier de la Légion d'Honneur ausgezeichnete Architekt berichtet zunächst über das Metropolenprojekt du Grand Paris. Als eines von zehn internationalen Büros, wurden LIN Architekten 2008 durch Präsident Sarkozy beauftragt, diesen Raum in eine Metropole der Zukunft zu verwandeln. Geipel stellt zwei konkrete Projekte daraus vor: Zunächst "Quai Henri IV", ein neues Wohngebäude mit 160 Wohnungen auf einer der letzten Brachflächen an der Seine. Etwa 50 Prozent der Wohnungen sind Sozialwohnungen mit einem Quadratmeter-Preis von 3.200 Euro, gegenüber bis zu 30.000 Euro für Eigentumswohnungen im selben Gebäude. Das zweite Projekt wurde am südlichen Rande Paris, auf einem ehemaligen Industrie-Areal entwickelt. Im Rahmen der Konversion der ehemaligen Bremsenfabrik Freinville entsteht ein zukünftiges urbanes Ensemble, das sich durch eine Mischung aus Wohnen, Arbeiten und Einkaufen definiert. Insbesondere die Planung attraktiver Erdgeschosse, auch für gewerbliche Nutzung, ist neu in der Banlieue von Paris. Dann richtet Finn Geipel seinen Blick nach Deutschland.

In Bremen Süd verdichtet LIN Architekten und Urbanisten eine in den sechziger Jahren gebaute Wohnsiedlung. Dazu haben sie den "Bremer Punkt" entwickelt, ein serielles Pilotprojekt für städtebauliche Ergänzungen. Ermöglicht werden konnten sowohl eine flächenschonende Realisierung durch viergeschossigen Holzkuben als auch eine kurze Bauzeit durch Holzfertigbauweise.  

Anne Kaestle hielt den zweiten Vortrag. Die in Deutschland geborene Architektin führt in Zürich, Düsseldorf und Hamburg zusammen mit ihrem Geschäftspartner Dan Schürch das Büro Duplex Architekten. An Hand der mehrfach ausgezeichneten Projektentwicklung auf dem Hunzikerareal in Zürich erläutert sie, wie statt einer Siedlung ein Stück Stadt geschaffen werden konnte. Insgesamt 450 Wohnungen, Läden, Restaurants, Arbeits- und Künstlerateliers, Kinderkrippen und eine Gästepension sind im engen Dialog mit der Dachgenossenschaft "Mehr als Wohnen" entstanden. Plätze, Gassen und Grünflächen bestimmen die Qualitäten des öffentlichen Raums und fordern urbane Dichte. Eine spannungsreiche Abfolge der Außenräume sowie publikumsorientierte Nutzungen im Erdgeschoss beleben das Quartier. Die Besonderheit dieses Projekts liegt im Spannungsfeld von Geborgenheit und Privatsphäre auf der einen Seite und dem vielfältigen Gemeinschaftsangebot auf der anderen Seite. Dazu wurde eine ungewöhnliche Gebäude-Form entwickelt, liebevoll die "dicken Typen" genannt, die zu innovativen Grundrissen und vielfältigen urbanen Zwischenräume führt. Sie sagte es mit Georg Franck:

Die Fassade ist nicht nur die Außenwand des Innenraums, sondern auch die Innenwand des Außenraums.

Professor Luca Selva aus Basel war lange als Professor für Entwurf und Konstruktion an der Fachhochschule Nordwestschweiz tätig. Er führt das Büro Luca Selva Architekten, das stark im Wohnungsbau engagiert ist, auch im genossenschaftlichen Wohnungsbau. In seinem Vortrag "Von Basel lernen" informiert er, dass das Wachstum mittels zweier Strategien erfolgt: "Verdichten mittels Überformung" und "Behutsame Stadterneuerung". Insbesondere kleine Projekte können wichtige Beiträge zur Gestaltung des Wachstums übernehmen. An mehreren Beispielen wird gezeigt, wie sich neue Wohngebäude in enge Strukturen ehemaliger Industrieareale einfügen lassen. Am Beispiel eines Schulneubaus wird dargestellt wie durch Terrassierung und Heranrücken an bestehende Gebäude eine zwar ungewohnte, aber überzeugende Lösung gelingen konnte.

In Köln-Holweide ist Luca Selva am Umbau des Industrieareals der Kölner Baumwollbleicherei beteiligt. Die denkmalgeschützte Bausubstanz soll um sieben Neubauten mit insgesamt 250 Wohnungen erweitert und umgebaut werden.  

Julian Weyer, von Geburt Berliner und in Dänemark aufgewachsen, ist Partner des traditionsreichen Architekturbüros C. F. Møller. Weyer stellt in seinem Vortrag internationale Beispiele von Wohnhäusern vor: 25-stöckiges Hochhaus in Stockholm mit Holzkonstruktion und hellen, individuellen Wohneinheiten, einen Wohnturm in Antwerpen mit sehr individuellen Einheiten und Gewerbeflächen sowie den Umbau eines in reizvoller, ländlicher Landschaft freistehenden Kornsilos.

Wie Menschen in Zukunft wohnen werden ist ungewiss, noch ungewisser ist wie sie zukünftig arbeiten werden,

sagt Weyer. Schon jetzt sieht er einen Wandel: Konzerne wollen kein neues Headquarter, keinen traditionellen Firmensitz, sondern einen Campus, eine Stadt, ein Dorf. An Beispiel der neuen Zentrale der Firma Lego präsentiert er, wie sich Raum für Arbeiten, Wohnen und Freizeitbeschäftigungen mischen. Nach vielen Jahren der Funktionsmischung zielt die Stadtentwicklung vielerorts darauf ab, mehr Natur zurück in die Stadt zu bringen. Wie dies gelingen kann, wird am Beispiel eines bio-medizinischen Zentrums gezeigt: Durch die hohe Verdichtung in Form eines Hochhaus entsteht Platz für einen Park und eine öffentliche Promenade. Ein weiteres Projekt umfasst die Entwicklung eines neuen Uni-Campus in Odense, bei dem so dicht gebaut wird, dass 50 Prozent Fläche gespart werden konnten.  

Mads Birgens Kristensen ist einer von fünf Projekt-Direktoren des Büros COBE in Kopenhagen, das den Entwurf für den Umbau des Deutzer Hafens in Köln erstellt hat. Im Mittelpunkt des Vortrages steht jedoch der Kopenhagener Nordhavn. In den nächsten 40 bis 50 Jahren entsteht hier ein neuer Stadtteil. 40.000 Menschen werden zukünftig dort wohnen, und weitere 40.000 arbeiten. Eine neue U-Bahnlinie wird die Kanäle und Inseln des neu gestalteten Hafengebiets mit der vier Kilometer entfernten Innenstadt verbinden. Die neuen Quartiere sollen für Wohnen und Arbeiten so gemischt genutzt werden, dass sie Tag und Nacht belebt sind. Mads Birgens Kristensen präsentierte konkrete Beispiele des Vorhaben, wie zum Beispiel die Umgestaltung eines Silos: Große Höhenunterschiede in den 17 Stockwerken bieten Raum für 38 einzigartige Wohnungen, teils über mehrere Etagen, mit Etagenhöhen bis zu 7 Metern. Das Erdgeschoss bleibt für öffentliche Nutzung frei und auf dem Dach entsteht ein Aussichts-Restaurant.

Zum Schluss beantworteten alle Vortragenden eine Frage: "Was geben Sie Köln mit auf den Weg im Hinblick auf das Mischen von Wohnen und Arbeiten?" mit einem kurzen Statement:  

Finn Geipel: Baut nicht auf der grünen Wiese, sondern verdichtet vielmehr die Stadt im Inneren.

Anne Kaestle: Es geht immer um die richtige Balance von Einheit und Vielfalt, "Anything Goes" kann nicht das Ziel sein. Wir müssen Strategien suchen, um gegen diesen allgegenwärtigen heterogenen Einheitsbrei anzugehen, damit der Zwischenraum wieder ins Zentrum rückt. Dafür braucht es auch den Mut der Bauträger. Wenn jeder Einzelne auch nur 10 Prozent Neues wagt, werden wir uns als Ganzes in Zukunft enorm weiterentwickeln.

Luca Selva: Es gilt sowohl die großen Linien als auch die kleinen Dinge zu berücksichtigen, man muss den Blick offen halten für die kleinen Dinge.

Julian Weyer: Die Definition von Wohnen wird sich zukünftig ändern, die Definition von Arbeiten wird sich aber noch viel mehr ändern, also baut mit offenen Typologien.

Mads Birgens Kristensen: Macht flexible Pläne und reserviert Flächen für Wohnen und Arbeiten.  

Brigitte Scholz, Leiterin des Amtes für Stadtentwicklung und Statistik, dankte zum Schluss allen, die diesen Abend mit gestaltet haben, aber auch noch einmal den Partnern IHK zu Köln, KAP-Forum, Architecture and Urban Development und Kölner Stadtanzeiger, die die "Kölner Perspektiven 2017" ermöglicht haben.

Für das kommende Jahr kündigte sie die Fortsetzung der Veranstaltungsreihe an.

Oktober 2017 - Thema Brüssel

Ein "Bouwmeester" zu Gast in Köln – am 9. Oktober 2017 berichtete Kristiaan Borret über seine Arbeit in Brüssel. Als unabhängiger Baumeister der belgischen Hauptstadtregion gehört er keiner Partei an und ist auch nicht in die Hierarchie der Verwaltung eingebunden. Seine Aufgabe und die seines 13-köpfigen Teams besteht darin, gute Architektur anzuregen und die Qualität des Öffentlichen Raums zu verbessern.

Kristiaan Borret

Herausforderungen für die produktive Stadt  

Das ist eine große Herausforderung, betrachtet man allein die örtlichen Rahmenbedingungen: Als Hauptstadt der EU und von Belgien, NATO-Sitz und weiteren regionalen Regierungen ist Brüssel ein administrativer Hotspot mit über einer Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Erschwerend kommt hinzu, dass die Hauptstadtregion aus 19 Gemeinden besteht, darunter die Kernstadt Brüssel. Die 19 Gemeinden sind unabhängig und müssen sich zu gemeinsamen Planungen zusammenfinden.

Herausforderungen ergeben sich aber auch aus der Bevölkerungsentwicklung: Über eine Millionen Einwohnerinnen und Einwohner leben in der Region Brüssel und wie Köln wächst auch diese Region kräftig weiter. Die Bevölkerungsdichte ist dabei höher und deutlich gemischter als in deutschen Großstädten. Rund ein Drittel der Bevölkerung hat keine belgische Staatsangehörigkeit, zwei Drittel sind im Ausland geboren oder haben Eltern, die aus dem Ausland stammen und nur ein Drittel sind Belgier mit belgischer Herkunft.  

Eine weitere Besonderheit: In Brüssel leben viele einkommensschwache Bewohnerinnen und Bewohner innenstadtnah. Am Stadtrand und in den umliegenden Gemeinden wohnen die Besserverdiener, die täglich in die Innenstadt pendeln. Die historisch gewachsene Stadtstruktur ist mittlerweile vernarbt. Breite Verkehrsschneisen haben ganze Viertel auseinandergerissen; viele Großbauten der europäischen Verwaltung tun ihr Übriges. Die Region Brüssel arbeitet intensiv daran, einzelne Quartiere zu sanieren und aufzuwerten, Blockbinnenräume in Grünflächen zu verwandeln und historischen Baubestand gekonnt durch neue Architektur zu ergänzen.

Produktion gehört in die Stadt

Brüssel durchzieht ein innerstädtischer Kanal, dessen Ufer über weite Strecken Industrie- oder Gewerbegebiete sind. Borret sieht die Zukunft dieser großen Kanal- und Industrieareale nicht in einer Urbanisierung nach dem Vorbild der Londoner Häfen, des Hamburger Hafens oder des Kölner Rheinauhafens. Vielmehr ist er überzeugt, dass eben diese Produktionsstätten mitten in die Stadt gehören. Er fragt, warum beispielsweise eine Betonfertigung, die zentrumsnah in bester Lage direkt am Kanal liege, nicht genau dort bleiben solle? Zement und Sand würden umweltfreundlich per Schiff geliefert, die Wege zu den städtischen Baustellen seien nah. Und eine wachsende Stadt benötige eben diesen Beton.

Ein jüngst vom Bouwmeester zusammen mit den Inhabern eines Betonwerks durchgeführter Architekturwettbewerb zeigte eindrucksvoll, wie man Staub eindämmen und Lärmquellen reduzieren kann und wie man zugleich auf dem Werksgelände Raum gewinnt, der wiederum der Öffentlichkeit als Freiraum am Kanal zugutekommt. Der Gedanke, dass es nicht nur Architekturwettbewerbe für "schöne" Aufgaben wie Schulen, Museen oder Wohnungsbau gibt, sondern auch für die "schmutzige" Welt der Arbeit, ist für Kristiaan Borret zentral. Gut gestaltete Industrie-und Gewerbearchitektur soll das große Gebiet am Kanal als Ort der Produktion erhalten und zugleich als Teil von Brüssel lebenswert machen.

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von links: Jürgen Keimer, Kristiaan Borret, Arne Hilbert, Brigitte Scholz, Andreas Grosz, Kay Berges, Dr. Ulrich Soénius und Christian Hümmeler

Schlussfolgerungen für Köln

Kay Berges von der Gira Giersiepen GmbH & Co. KG und Arne Hilbert von Art-Invest Real Estate Management GmbH & Co. KG kommentierten Kristiaan Borrets Vortrag aus Kölner Sicht. Kay Berges gefielen vor allem neue Ideen bei der Realisierung von Naherholungsräumen auf kleinen Flächen, zum Beispiel in Innenhöfen. Arne Hilbert wies auf die ähnlichen Herausforderungen für Köln und Brüssel, etwa in der demografischen Entwicklung. Beide Kommentatoren meinten, dass auch Köln einen von Politik und Verwaltung unabhängigen Baumeister gut gebrauchen könnte. Die Umgestaltung des Hafen- und Industriegebiets am Kanal, der Brüssel durchquert, schien den Kommentatoren wegen seiner enormen Größe mit Kölner Verhältnissen schwer vergleichbar. 

Köln könne aber sicher davon lernen, wie dort Gewerbe stadtnah erhalten werde und wie die Stadtentwicklung weit in die Zukunft blicke, wenn etwa Flächen für zukünftige Produktionsstätten frei gehalten würden.

September 2017 - Thema Rotterdam

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Mattijs van Ruijven bei seinem Vortrag

Innovation als Treiber der Stadtentwicklung

Am 11. September 2017 war Mattijs van Ruijven, Leiter der Stadtentwicklungsplanung der Stadt Rotterdam zu Gast bei den "Kölner Perspektiven zu Wohnen und Arbeiten". In seinem Beitrag beschrieb er, wie gute Architektur, ein attraktiver öffentlicher Raum und neue Wege in der Verkehrsplanung Schritt für Schritt für eine gemischte, attraktive und lebenswerte Stadt sorgen sollen.

Ins Thema stieg er mit einem Rückblick ein: Nach der Zerstörung im zweiten Weltkrieg gab es in Rotterdam den Wunsch, aus der alten Hafenstadt eine moderne, "amerikanische" Stadt mit breiten Straßen und Hochhäusern zu machen.

So entstand in den 1950er Jahren das moderne Rotterdam als Stadt mit monofunktionalen Quartieren, mit der ersten Fußgängerzone der Welt und der ersten U-Bahn der Niederlande. Auch der Hafen wuchs enorm, seine Fläche ist um ein Vielfaches größer als die Fläche der Innenstadt. Im folgenden Jahrzehnt protestierte die Bevölkerung dann sowohl gegen die nun als kalt und "ungemütlich" empfundene neue Stadt als auch gegen die rückständigen Lebensbedingungen in den von den Bomben verschonten Vierteln. Die Stadt reagierte mit der niederländischen Variante des sozialen Wohnungsbaus, indem die Wohnungs- und Stadtentwicklungspolitik der folgenden Jahre auf die Bedürfnisse der einfachen, oft ungelernten Hafenarbeiter zugeschnitten war.  

Viele junge Menschen, ein hoher Anteil von Einwohnerinnen und Einwohnern mit ausländischen Wurzeln und vergleichswiese viele Arbeitslose: Das macht Rotterdam heute aus, der Bedarf an günstigem Wohnraum in der Stadt ist weiterhin gegeben. Mit verschiedenen Maßnahmen zielt die Stadt jetzt auf eine ausgewogene Bevölkerungsstruktur: Investitionen in gute Architektur, in attraktive öffentliche Räume, in mehr Grün und mehr Platz für Fußgängerinnen und Fußgänger. Um die Attraktivität der Stadt zu erhöhen, arbeiten Stadtentwicklung und -marketing Hand in Hand. Große Events wie der Start der Tour de France 2010 sollen medienwirksam und weltweit für die Stadt werben. Städtebauliche Nachverdichtung geschieht in Rotterdam sowohl über große Stadtentwicklungsprojekte, wie "Kop van Zuid", aber auch über viele kleine Einzelmaßnahmen, zum Beispiel durch das "klein & fijn"-Projekt, das an der Nutzung von Baulücken und kleineren Flächen ansetzt.

Eine Stadt für Fußgängerinnen, Fußgänger und Radfahrerinnen, Radfahrer

Auch die Verkehrsplanung soll die Stadt attraktiver machen. Dazu gehört, die Autostadt in eine Stadt für Fußgängerinnen und Fußgänger sowie den Radverkehr zu wandeln. Als die niederländische Bahn den Hauptbahnhof von Rotterdam neu plante, hat die Stadt gleichzeitig den Vorplatz gründlich umgestaltet. Nun öffnet sich vor dem neuen Hauptbahnhof ein breiter Platz zur Innenstadt. Große Unternehmen haben mittlerweile die Vorteile der guten Verkehrsanbindung sowie des vorbildlich gestalteten öffentlichen Raumes erkannt und ihre Zentralen bewusst an den Hauptbahnhof verlegt.  

Rotterdam gehört zur "Holland Metropolitan Region", der Metropolregion im Westen der Niederlande zusammen mit Städten wie Amsterdam, Den Haag und Utrecht mit insgesamt 7,6 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Die Universitäten der Metropolregion spezialisieren sich beispielsweise so, dass sie gemeinsam eine attraktive Einheit bilden. Schnelle Verkehrsverbindungen bewirken, dass man beispielsweise in Amsterdam arbeitet und im (noch) preisgünstigeren Rotterdam wohnt. Mattijs van Ruijven sagte in diesem Zusammenhang, dass es für alle Seiten nützlich wäre, auch die Verbindungen zwischen den Ballungsräumen in Nordrhein-Westfalen zu überdenken und zu beschleunigen.

Next Economy

In Rotterdam müssen neue Arbeitsplätze geschaffen werden: Dazu zielt die Stadt Rotterdam auf einen Wandel von der alten, fossilen Industrie hin zu einer neuen, nachhaltigen Industrie. Dazu zählen die Schaffung von attraktiven Arbeitsplätzen sowie der Mix von Wohnen und Arbeiten im selben Gebäude, die Ermöglichung von "shared offices", also Gemeinschaftsbüros und die Belebung der Erdgeschosse. Auch die Rückeroberung des Straßenraums für Fußgängerinnen, Fußgänger und  Radverkehr sowie Investitionen in Grünflächen sollen die Stadt attraktiver machen. Als gelungenes Beispiel nennt van Ruijven die neugestaltete Markthalle im Zentrum Rotterdams, den am Hafen gelegenen Innovation District oder die Umgestaltung eines Universitätscampus.

Der wirtschaftliche Strukturwandel führe auch dazu, dass Areale frei werden und zu neuen, urbanen Quartieren umgestaltet werden können. Die Einbindung dieser neuen Gebiete in die Stadt mache wiederum Investitionen in die Infrastruktur notwendig. So ist die 1996 gebaute Erasmus-Brücke Teil eines Plans, um die südlichen Stadtteile gut an die Innenstadt anzubinden und attraktiver zu machen.

Ausblick

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von links: Peter Berner, Mattijs van Ruijven, Brigitte Scholz, Andreas Röhrig, Jürgen Keimer und Dr. Ulrich Soénius

Zwei Experten, Andreas Röhrig, Geschäftsführer von "moderne Stadt", der Kölner Gesellschaft zur Förderung des Städtebaues und der Gemeindeentwicklung, und Peter Berner, Architekt und Geschäftsführender Gesellschafter des Planungsbüros ASTOC kommentierten den Vortrag abschließend aus Kölner Sicht.

Für Andreas Röhrig war vor allem die hohe Arbeitslosenquote Rotterdams bei gleichzeitig hohen Beschäftigtenzahlen in der Innenstadt überraschend. Rotterdam versuche entgegenzusteuern und gezielt höhere Einkommensgruppen in die Stadt zu holen. Das sei eine ganz andere Problemlage als in Köln, wo es zur Verdrängung der unteren Einkommensgruppen durch steigende Mieten komme. Die Stadt Köln setzt hier mit verschiedenen Instrumenten an, zum Beispiel mit dem kooperativen Baulandmodell oder einer Milieuschutzsatzung.

Er fände es gut, wenn Köln von Rotterdam lernte, Experimente zu wagen, wie das im Vortrag gezeigte Open Street Programm, bei dem Straßen zu bestimmten Zeiten für den Autoverkehr gesperrt werden. Auch sei es wichtig, Infrastruktur als Teil der Stadtentwicklung von Beginn an mitzudenken, wie das bei der Erasmus-Brücke geschehen sei. Das könne für die Entwicklung am Deutzer Hafen (S-Bahn-Anbindung oder die im Masterplan Innenstadt vorgesehene Fußgänger-und Fahrradbrücken) von großer Bedeutung sein.

Am Ende lobte Peter Berner, der selbst einmal im Rotterdamer Planungsamt gearbeitet hat, dass die Rotterdamer nicht müde werden, Neues auszuprobieren. Diese Kreativität und Phantasie führten dazu, dass sich die Stadt ständig weiterentwickelte und erneuere.

Juni 2017 - Thema Wien

Für die Auftaktveranstaltung konnte der Wiener Planungsdirektor Thomas Madreiter gewonnen werden. In seinem Vortrag ging es um die seit vielen Jahrzehnten erfolgreiche soziale Wohnungspolitik der Stadt Wien sowie um die Seestadt Aspern, eines der größten Stadtbauprojekte Europas.

Österreichs Hauptstadt ist ein echter Einwohnermagnet: Allein in den letzten 15 Jahren ist Wien um rund 300.000 Menschen angewachsen. Die Stadt führt trotz dieser Herausforderung in Sachen Lebensqualität und Wohlfühlen nach wie vor die internationalen Rankings an. Um zu erfahren, welche Rolle die Stadtentwicklungspolitik dabei einnimmt, war am 19. Juni 2017 Wiens Planungsdirektor Thomas Madreiter als Redner eingeladen. In der Auftaktveranstaltung der Reihe "Kölner Perspektiven 2017" berichtete er über Wiens Zukunftsstrategien zu Wohnen und Arbeiten.

 

© A. Popelka/G. Produschka, Vortrag Madreiter, 19. Juni 2017

Gemeinsame Stadtentwicklung

Die Stadt Wien begreife sich nicht in erster Linie als Ansammlung von Häusern, Infrastruktur und technischen Einrichtungen, sondern als soziales Konstrukt, unterstrich Madreiter. Das Selbstverständnis der Zivilgesellschaft habe sich in den letzten Jahren stark geändert, Planen könne nur unter Mitwirken der Bevölkerung erfolgreich sein. Ziele wie die Reduzierung des Individualverkehrs, die Erhöhung des Anteils an ÖPNV-Nutzerinnen und Nutzern sowie des Rad-und Fußverkehrs entsprächen dem Wunsch der Wiener Bevölkerung.

Strategische Stadtentwicklungskonzepte haben in Wien Tradition. Der Entwicklungsplan von 1984 etwa wird kontinuierlich im Dialog mit der Bevölkerung weiterentwickelt. Seine Hauptideen, etwa die Zentrenstruktur oder die Siedlungsachsen, werden weiterverfolgt.

Der aktuelle Stadtentwicklungsplan umfasst Themenfelder wie Stadterneuerung, Flächenmobilisierung, Mobilitätsvielfalt und grüne Freiräume. Madreiter hob auch die Bedeutung organisatorischer Prozesse für die Stadtentwicklung hervor. So ist ein Modell in Wien äußerst erfolgreich: Für die einzelnen Bezirke gibt es zentrale Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner innerhalb der Stadtverwaltung, eine direkte Kontaktmöglichkeit für die Wienerinnen und Wiener.

Ressourcenschonende Stadtentwicklung

Trotz des Bevölkerungswachstums will Wien nachhaltig wirtschaften. Ziel ist es, das Stadtwachstum und den Ressourcenverbrauch zu entkoppeln. Obwohl seit der Jahrtausendwende 300.000 Einwohnerinnen und Einwohner mehr in Wien leben, hat sich der PKW-Anteil am Wiener Verkehr in absoluten Zahlen verringert. Prozentual ist der motorisierte Individualverkehr von über 32 Prozent im Jahr 2009 auf 27 Prozent im Jahr 2016 gesunken. Bis 2025 soll der Anteil nur noch bei 20 Prozent liegen. Wenn mehr Menschen Bus und Bahn fahren, erfordere das hohe Investitionen, etwa in den U-Bahnbau, berichtet Madreiter. Aber Investitionen seien eben hier auch ein realer Mehrwert für die zukünftige Stadtentwicklung.

Die Unternehmensberatung Roland Berger hat in ihrem "Smart City Index" jüngst Wien neben Chicago und Singapur auf Platz eins von 87 Städten gesetzt. "Smart City", so Thomas Madreiter, bedeute für Wien nicht möglichst viel technologische Innovation. Vielmehr strebe die Stadt einen Dreiklang aus Ressourcen (Energie, Mobilität, Infrastruktur, Gebäude), Innovation (Bildung, Wirtschaft, FTI Forschung, Technologie, Innovation) und Lebensqualität (Soziale Inklusion, Gesundheit, Umwelt) an. "Smart" könne dabei auch sehr traditionell aussehen, etwa in Form einer gewachsenen Stadt mit attraktiven Plätzen und alten Häusern.

© Stadt Wien, Vortrag Thomas Madreiter, 19. Juni 2017

Wohnen und Arbeiten in Wien

Die Wohnbauoffensive Wien sieht eine Steigerung des Wohnbauvolumens ab 2017 um 30 Prozent vor. Von den geplanten 13.000 neuen Wohnungen sollen 9.000 sozial gefördert sein. In den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, dass neue Wohnungen nicht nur auf neu ausgewiesenen Flächen entstehen. Vielmehr stecke das größere Potenzial im Bauen im Bestand, im Füllen von Lücken, im Umbauen oder Aufstocken bisheriger Wohngebäude. An manchen Wiener Standorten werden gewerbliche Mischgebiete gefördert. Hier müssen je zur Hälfte Flächen für Wohnen und Arbeiten zur Verfügung gestellt werden.

Auch in Wien spielt die Umnutzung von Flächen, die sogenannte Konversion, eine Rolle: Auf dem Gelände des ehemaligen Nordbahnhofs sollen zum Beispiel bald 20.000 Menschen wohnen. Den ursprünglichen Plan von 1994 hat man inzwischen angepasst. Aus einer klassischen Blockrand-Bebauung ist für einen Teil des Areals eine an den Rändern dichtere und teils höhere Bebauung, die eine große Freifläche entstehen lässt und zugleich die Erschließungskosten senkt, geplant. Dass Pläne im Zeitverlauf geändert und angepasst werden, ist für Thomas Madreiter selbstverständlich, und dass das in Abstimmung mit der Bevölkerung passiere, auch.

Eine Herausforderung in neuen Wohngebieten sind oft die sogenannten "Sockelzonen": Es geht um Erdgeschosse ohne Geschäfte oder Kleinbetriebe, die Siedlungen schnell öde wirken lassen. In Wien gibt es Konzepte zur Belebung und Bewirtschaftung dieser Bereiche, die fast wie in einem Einkaufszentrum zentral gemanagt werden. Madreiter berichtete von der sogenannten "Drittel-Lösung": Ein Drittel der Erdgeschosse werden für Gewerbe und Dienstleistungen geplant, ein Drittel sind bei Bedarf für gewerbliche Nutzungen vorgesehen und ein Drittel für Wohnen.

Dass die Belebung der Erdgeschoss-Zonen funktioniert, zeigt die Seestadt Aspern. Das derzeit größte Stadtentwicklungsprojekt Wiens entsteht in den kommenden zwanzig Jahren in mehreren Etappen. Wien erprobt hier in Kooperation mit privaten Investorinnen und Investoren auch Energieeffizienz-Modelle. Dabei gehe es nicht nur um die technische Machbarkeit, sondern auch um die soziale Akzeptanz der Technik, so Madreiter. Auch hier zeigt sich die Smart City Wien als Pionier.

© Stadt Köln
von links: Dr. Ulrich S. Sóenius, Kathrin Möller, Andreas Grosz, Thomas Madreiter, Brigitte Scholz und Jürgen Keimer

Von Wien lernen

Was kann Köln aus diesem Prozess für sich und seine Entwicklung mitnehmen?

Kathrin Möller, GAG-Vorstand, zeigte sich im Anschluss beeindruckt von der Wiener Definition des Begriffes "Smart City" und davon, dass die Prozesse vom Menschen aus betrachtet werden und nicht nur von der technischen Seite. Dr. Ulrich Soénius, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK zu Köln, gefiel vor allem die Wiener Steuerung von Prozessen, also die Stadt zusammen mit Wirtschaft und Bevölkerung zu steuern. Beide fanden es vorbildlich, dass es in der Verwaltung "Kümmerer" für ein Projekt, für ein Planungsgebiet gibt, die als Ansprechpartner für verschiedene Themenstellungen fungieren, etwa beim Flächenmanagement.

Kathrin Möller beschrieb, dass sich in den neuen Kölner Quartieren wie Deutzer Hafen, Parkstadt Süd oder Mülheimer Hafen viele Möglichkeiten böten, auch aufgrund veränderter Arbeitsprozesse, Wohnen und Arbeiten zu mischen. Auch Dr. Soénius sieht die echte Chance, in den drei neuen Kölner Stadtgebieten innovative Ideen umzusetzen.

Rückblick 2014 bis 2016

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