Die Grabkammer von Weiden-Lövenich
Im Kölner Vorort Weiden-Lövenich lässt sich eine der schönsten und besterhaltenen römischen Grabkammer nördlich der Alpen besichtigen. Die Entdeckung der Grabkammer 1843 galt als Sensation.
Wichtiger Hinweis
Die Grabkammer kann wegen Renovierungsarbeiten zur Zeit nicht besichtigt werden!
Begegnung mit einer römischen Grabkammer
Heute ist die Grabkammer von einer Glaskuppel überdeckt. Begibt man sich über die Stufen zur Grabkammer hinab, steht man plötzlich dem Innenraum der Grabkammer gegenüber. Der unmittelbare Eindruck der antiken Sphäre ist stark. Denn die Grabkammer ist nicht leer, sondern mit Denkmälern römischer Zeit, zum Teil aus kostbarem Marmor, gefüllt. Da stehen ein großer, wannenartiger Sarkophag, links und rechts zwei Sessel aus Stein, die ein Korbgeflecht nachahmen.
Die Grabkammer selbst besteht aus einem Rechteck von 3,5 mal 4,5 Meter. Darüber spannt sich ein Tonnengewölbe. Die Höhe bis zum Gewölbeschluss beträgt etwas über 4 Meter. Die zum Teil recht großen Tuffquadern, mit denen der Bau sorgfältig errichtet ist, waren hauptsächlich mit Stuck verkleidet. In diese Stuckflächen hatte man wohl auch blaue und weiße Glasflüsse eingebettet, von denen sich eine Menge fand. Aufgegliedert ist die Kammer in drei große Hauptnischen und 29 kleine Nischen, die Aschenurnen geborgen haben.
Entdecken Sie die Vielfalt
Büsten aus hellem, rötlich gebändertem Marmor "… wie der Verstorbene sein Leben geführt hat, so lebt er im Totenreich weiter.“ Ein aufwendig verzierter Sarkophag Römische Kleinkunst als Teil der Grabkammer ÖffnungszeitenBüsten aus hellem, rötlich gebändertem Marmor
In der großen Hauptnische links sind die beiden weiblichen Büsten aufrecht stehend gefunden worden, die männliche Büste lag umgestürzt vor der großen Nische zur Rechten. Jetzt ist eine der weiblichen Büsten in der Nische zum Eingang gegenüber aufgestellt worden. Die Büste des Mannes ist unbekleidet und gibt einen Mann von etwa 40 bis 50 Jahren wieder.
Er trägt einen kurzen Bart auf der Oberlippe, an Kinn und Wangen, der sich an den Wangen zu kleinen Locken kräuselt. Das Haupthaar liegt ungescheitelt in dicken Strähnen dicht am Kopf an. Seine Gesichtszüge können als edel bezeichnet werden.
Der strenge, zu keinem Lächeln verzogene Mund lässt dann die ganze Würde des Mannes erkennen. Es ist der Pater familias, der sich seiner Verantwortung voll bewusst ist. Er hat für das Wohl seiner gesamten Familie zu sorgen und diese Sorge prägt sich in sein Gesicht ein. Fragen wir nach der Datierung dieses Kunstwerkes aus hellem, rötlich gebändertem Marmor, so müssen wir feststellen, dass die Pupillen gebohrt sind, ein Kriterium, das erst seit der Zeit des Hadrian (117 bis 136 nach Christus) auftaucht. Die Frisur deutet am ehesten auf die Zeit des Commodus (180 bis 192 nach Christus) hin. So werden wir die Büste des Mannes um 190 ansetzen dürfen.
Auch das Antlitz der Frauenbüste, die in der großen Nische linker Hand vom Eingang steht, blickt uns ernst entgegen; die Lippen sind geschlossen. Das in der Mitte gescheitelte Haar, das am Hinterhaupt zu einem dicken Knoten zusammengefasst ist, die schwach gebogenen Augenbrauen, die klaren Augen, die lange gerade Nase bilden ein ebenmäßiges Gesicht voller Harmonie. Es ist eine Frau, wie der Mann etwa 40 bis 50 Jahre alt, die sich ihrer Aufgabe als Hüterin der Familie bewusst ist. Sie hat nicht nur für die eigene Familie zu sorgen, sondern auch für das Gesinde und den Hausstand.
Das aber entspricht der Auffassung von der Familie in der Antike, denn die Sklaven und Freigelassenen gehörten mit dazu. Ebenso einfach wie die Haartracht ist die Kleidung der Frau; sie trägt eine Tunika und darüber einen Überwurf. Eine ähnliche Frisur wurde von der Kaiserin Julia Domna bevorzugt, der Gemahlin des Septimus Severus (193 bis 211 nach Christus), der auf die Regierungszeit des Commodus folgte. Aber auch schon die Gattin des Commodus, Crispina, trug das Haar in der gleichen Art, so dass wir bei dieser Frauenbüste zu derselben Datierung gelangen wie bei der Büste des Mannes: um 190 nach Christus.
Vergleichen wir die beiden Büsten in der Grabkammer von Weiden, so fällt uns die Ähnlichkeit auf, nicht nur im Material und der Art der Behandlung, sondern auch die Ähnlichkeit der Gesichter untereinander. Hieraus können wir mehrere Schlüsse ziehen. Einmal könnte es derselbe Meister sein, der die beiden Kunstwerke geschaffen hat. Hierauf deutet nicht zuletzt auch die Gleichzeitigkeit der Arbeiten hin.
Dann wollte der Künstler vielleicht ein Ehepaar darstellen, den Gutsherrn mit seiner Frau, ein Patrizierehepaar, das hier, westlich von Köln, sein Landgut besaß. Nach dem Marmor zu urteilen, ist es kein einheimischer Künstler gewesen, sondern ein Mann, der in Rom selbst gearbeitet hat. Möglicherweise hat der Gutsherr die beiden Büsten in Auftrag gegeben, damit sie nach seinem und seiner Frau Tode in der Grabkammer aufgestellt werden sollten.
Ganz anders wirkt die dritte Büste in der Weidener Kammer, die jetzt hinter dem großen Sarkophag in der Hauptnische aufgestellt ist. Man darf sich jedoch nicht dadurch täuschen lassen, dass das Haar niedrig gehalten ist und nur einige Wellenlocken in der Nähe der Stirn in den Marmor gearbeitet sind. Die jetzt sichtbaren Rillen auf dem Scheitel waren ursprünglich nicht zu sehen, sondern von einer Stuckdecke bedeckt, und dienten dazu, diese Stuckdecke zu halten. Das Haar war demnach in Stuck nach Art einer Perücke ausgeführt. Außer dem zu niedrig gehaltenen Haar macht der halb geöffnete Mund einen ungünstigen Eindruck.
Die zweite Frauenbüste kann nicht, wie manche Forscher angenommen haben, die Tochter unseres Ehepaares sein; vielmehr fällt ihre Entstehungszeit schon in die Regierungsjahre des Kaisers Hadrian (117 bis 136 nach Christus), sie ist also wesentlich älter.
"… wie der Verstorbene sein Leben geführt hat, so lebt er im Totenreich weiter.“
Neben den Büsten erregen die beiden Sessel aus Kalkstein die Aufmerksamkeit. Es sind Stühle, die Sesseln aus Korbgeflecht nachgebildet sind. Die Bodenleisten sind wie Sitzflächen oder die Lehnen genau so sorgfältig ausgearbeitet wie die Armstützen; ja, es fehlen nicht einmal die gepolsterten Kissen. Wir haben in Köln - und natürlich nicht nur hier - noch andere Denkmäler, die derartige Korbsessel zeigen.
Da sind in erster Linie Grabsteine zu erwähnen, auf denen zumeist Frauen auf solchen Korbstühlen sitzend dargestellt werden, dann aber auch ein Glasgefäß, das in einer Form geblasen ist und ein Äffchen mit einer Hirtenflöte (syrinx) blasend auf einem Korbsessel wiedergibt. Aber wie das Totenmahl auf den Grabsteinen in unzähligen Malen gezeigt wird, so müssen wir uns die Weidener Szene vorstellen: Die großen Nischen sind wie eine Kline (Ruheliege mit aufgebogenem Kopfende) gehalten, auf der der Lebende seine Mahlzeit einnimmt.
In Weiden sind sogar die Beine solcher Klinen in Marmorrelief angedeutet. Und wie der Verstorbene sein Leben geführt hat, so "lebt" er im Totenreich weiter. Zu den Klinen gehört der Sessel, auf dem seine Gemahlin zu sitzen pflegte. Die Vorstellung ging in der Römerzeit sogar so weit, dass der Tote am Mahl der Lebenden teilnimmt; er ruht dabei auf einer gewohnten Kline, während seine Angehörigen, seine Frau und seine Sklaven bei ihm weilen.
Ein aufwendig verzierter Sarkophag aus der konstantinischen Dynastie
Der Weidener Sarkophag besitzt solch mächtige Ausmaße, dass er eine Wand benötigt vor der er aufgestellt werden kann. Die Rückwand des Sarkophags verfügt über keinen Reliefschmuck. Das ist wohl nur so zu erklären, dass der Steinsarg ursprünglich in einem Gebäude oberhalb der Grabkammer gestanden hat. Als dann das Gewölbe der Kammer einstürzte, ging auch der Sarkophag in Trümmer und konnte nur mühsam zusammengesetzt werden. Auf einen Bau oberhalb der Grabkammer lassen auch die beiden Säulenstümpfe aus rotem Sandstein schließen, die rechts und links hinter dem Sarkophag in den Ecken, allerdings umgekehrt, mit dem Kapitell nach unten stehen.
Der Sarkophag ist wannenförmig, etwa 1,75 Meter lang und 87 Zentimeter hoch. Auf der Schauseite halten in der Mitte des Reliefs zwei geflügelte Viktorien in langen, wehenden Gewändern ein Medaillon. Dargestellt sind die Brustbilder eines Ehepaares, das in dem Steinsarg bestattet werden sollte. Vermutlich kam auch der Weidener Sarkophag wie die aufgestellten Porträtbüsten aus Italien.
Unterhalb des Medaillons befindet sich eine Kelterszene: Drei Eroten treten in einem wannenartigen Trog, der mit zwei Löwenköpfen verziert ist, überquellende Trauben. An die Viktorien schließen sich zwei nur mit einem um den linken Arm geschlungenen Mantel (chlamys) bekleidete Knaben an, die links den Sommer und rechts den Winter personifizieren.
Der Weidener Sarkophag ist in der Bildkomposition von so starker Bewegung erfüllt, dass seine Entstehung wohl erst in die konstantinische Zeit zu setzen ist. Die Datierung würde auch gut zu der Münzreihe passen, die in der Grabkammer gefunden worden ist. Sie reicht von Vespasian über Tetricus, Claudius Gothicus und Maximianus bis zu Konstantin dem Jüngeren, also etwa vom Jahre 70 bis zur Mitte des 4. Jahrhunderts. Der Sarkophag dürfte eines der spätesten Kunstwerke in der Weidener Grabkammer sein.
Römische Kleinkunst als Teil der Grabkammer
An Stücken der römischen Kleinkunst sind außer den erwähnten Münzen folgende Arbeiten gefunden worden: eine qualitätvolle Statuette aus bläulichem Chalzedon, die eine Matrone wiedergibt und die wohl als Messergriff gedient hat; ein Abguss der Statuette befindet sich in dem Eingangsraum oberhalb der Kammer, aber diese Imitation wird dem Original aus dem herrlichen, durchschimmernden Edelstein in keiner Weise gerecht; das Stück ist im Besitz der ehemals Staatlichen Museen Berlin, Antikenabteilung. In dem Schaukasten im Vorraum zur Grabkammer ist auch ein Abguss eines Elfenbeinplättchen von einem Schmuckkasten ausgestellt. Wir sehen eine sich schmückende Venus, die in den Spiegel schaut und deren Gewand auf die Hüften heruntergeglitten ist. Ferner bemerken wir den Abdruck einer Silberschale mit Rosette und Kerbschnittmuster in der Mitte.
In der Grabkammer von Weiden empfindet man nicht nur das erhebende Erlebnis einer antiken Grabkammer, sondern auch einen Eindruck vom täglichen Leben der Römer.
Denn die Kammer ist so eingerichtet, als sei sie ein Speiseraum (triclinium), ausgestattet mit drei Klinen, den Lagerstätten zum Einnehmen der Speisen und zwei Sesseln, die so gearbeitet sind, als ob sie aus Korbgeflecht bestünden. In der Grabkammer wurde das Totenmahl abgehalten, und der Tote nahm an dem Mahl teil.
So gewährt die Weidener Grabkammer nicht nur einen Einblick in das Totenreich, sondern zugleich in die Welt der Lebenden zur Römerzeit
Öffnungszeiten
Informationen zur Besichtigung finden Sie auf den Seiten des:
