Kallendresser, Kunibäätspütz und andere Kuriositäten
Wer über den Alter Markt spaziert und seine Blicke nicht nur über die Schaufensterauslagen schweifen lässt sondern sie ein wenig höher erhebt, wird mit zwei bemerkenswerten Ansichten konfrontiert: Vom Rathausturm herab streckt eine buntbemalte Fratze zu jeder vollen Stunde die Zunge heraus, und gegenüber zeigt unterhalb des Daches ein kleiner Kerl seine "bläcke Fott".
Platzjabbeck
Das Männergesicht mit Schlapphut und Bart, das einen aus weit aufgerissenen Augen ansieht wird "Platzjabbeck" genannt. Der Wortteil "beck" stammt von dem französischen "le bec. - der Schnabel, der Mund", das kölsche Wort Jappe bedeutet: den Mund aufreißen, zum Beispiel beim Gähnen, und Platz schließlich bezieht sich auf den Alter Markt, in dessen Richtung die Fratze ihren Mund aufreißt.
Entstanden ist der Platzjabbeck etwa 1445, wie Rechnungen des Rates belegen, knapp vierzig Jahre nach der Fertigstellung des Rathausturmes, der anlässlich des Sieges der Zünfte und Gaffeln von 1396 über die Geschlechter erbaut wurde. Die Zunge streckt er übrigens erst seit 1913 heraus. Dies spielt also bei der Frage nach der Bedeutung dieses Gesichtes keine Rolle. Es handelt sich daher wohl nicht, wie angenommen, um eine Verspottung des Kölner Rates. Sicher hätte er dies auch nicht aus eigener Kasse bezahlt und am eigenen Turm geduldet!
Eine mögliche Begründung für die jappende Fratze lässt sich in einer Sage über Karl den Großen finden: Er fordert nacheinander seine drei Söhne auf, ihren Mund weit zu öffnen. Gabaud (Goband) lehnt dies aus Respekt vor seinem Vater ab, Ludwig und Loenns befolgen den Wunsch des Vaters, der ihnen ein Stück Apfel in den Mund steckt und gleichzeitig jedem einen Teil seines Reiches übergibt.
Gabaud bereut seine Ablehnung, geht aber leer aus. Wer also zur rechten Zeit den Mund öffnet und nach dem Dargebotenen schnappt, gewinnt Macht und Einfluss.
Der Platzjabbeck steht als Symbol für die Erlangung der Herrschaft durch die Zünfte und Gaffeln. Es gibt in anderen Städten ähnliche Figuren, zum Beispiel am Jenaer Rathaus, wo der "Schnapphans" sogar nach einem goldenen Apfel schnappt.
Die originale Fratze verbrannte 1943, aber nach Wiederherstellung des Turmes wurde auch eine Nachbildung des Platzjabbeck unter der Uhr angebracht.
Kallendresser
Der "Kallendresser", gegenüber vom "Platzjabbeck", verdankt sein Fortleben nach dem Krieg Joseph (Jupp) Engels, einem Architekten und Kölner Original, dessen Engagement für Köln und für das Brauchtum dieser Stadt viele Spuren hinterließ. 1956 kaufte er das Grundstück am Alter Markt baute ein Haus, dessen Gestaltung sich sehr gut in die noch existierenden älteren Bauten einfügte, und erhielt deshalb den Kölner Architekturpreis.
1986 wurde das Gebäude sogar unter Denkmalschutz gestellt. Sein Erbauer gab ihm den mittelalterlichen Namen des früheren Hauses "Em Hanen". Bei den Ausschachtungen hatte man einen ebenfalls mittelalterlichen Torbogen gefunden. Engels tauschte ihn beim Eigentümer des Hauses Altermarkt 36-42 gegen die Rechte an der ehemals steinernen Figur des Kallendressers ein. Kein geringerer als Ewald Mataré gestaltete seine Nachbildung in grünpatiniertem Kupferblech.
Die Bedeutung des Kallendressers ist erheblich schwieriger zu ergründen als die des Platzjabbeck. Handelte es sich ursprünglich nur um ein bauliches Element ohne tieferen Sinn? Oder hat der Unbekannte recht, der ihn als Ausdruck bürgerlichen Hohns und Zorns auf den Rat beziehungsweise die Benediktiner der Abtei Groß Sankt Martin deutete? In deren Immunität hatte sich ein Verfolgter vor den Stadtknechten geflüchtet, wurde aber mit Erlaubnis der Mönche festgenommen. Welchen Sinn hätte aber dann die "Kall - Dachrinne?
Es könnte sich aber auch um einen Hinweis auf die Sitten früherer Zeiten handeln, als die Hausbewohner nur auf dem Hof eine Toilette hatten. Sollten diejenigen, die unter dem Dach wohnten, aus Bequemlichkeit einen anderen Weg gewählt haben? Schließlich sei noch an das Gedicht des Mundartautors Gustav Wodarczyk erinnert, der an eine Auseinandersetzung zweier junger Männer um ein hübsches Mädchen glaubte.
Der eine wohnte im Haus des Mädchens unter dem Dach und nahm seinem Rivalen in Manier des Kallendressers den Wind aus den Segeln. Übrigens fehlt dem heutigen Kallendresser leider die Dachrinne.
Jupp Engels, der 1991 starb, gründete auch den Kallendresser-Orden, dem er als Ordensmeister und Oberkallendresser vorstand. Aufgenommen werden nur Menschen, die sich um die Kölner Brauchtumspflege besonders verdient gemacht haben.
Tünnes und Schäl
Auf der Rückseite des Hauses "Em Hanen", im Brigittengäßchen, begegnet der Spaziergänger den beiden wohl populärsten Gestalten Kölns: Tünnes und Schäl. Den Anstoß zur Schaffung dieser Bronzefiguren gab ebenfalls Jupp Engels, Wolfgang Reuter führte den Auftrag 1974 aus. Besonders die Nase des Tünnes übt große Anziehungskraft auf die Menschen aus, sie ist schon ganz blank und abgegriffen. Eine Bronzeplakette am Gitter des Hauses erklärt dem Neugierigen: "Hier im Hanenhaus logieren Tünnes und Schäl bei ihrem Freund Jupp Engels. Eine weitere erinnert an Ewald Mataré der 1965 starb.
Die "Schmitz-Säule"
Ebenfalls auf der Rückseite näher zur Kirche Groß Sankt Martin hin befindet sich eine quadratische, über vier Meter hohe Säule, deren Geschichte auf vier Inschriften am Sockel abzulesen ist. Zunächst wird darauf hingewiesen, dass an diesem Ort in antiker Zeit eine vom Rhein umflossene Insel lag, auf der sich die römischen Legionäre mit den Ubiermädchen trafen, den Urahnen der Familie Schmitz. Dann ist der Name des Monuments gefallen: die Schmitz-Säule! Er steht auf einer zweiten Sockelseite zusammen mit der Hochwasser-Marke des Rheins von 1784.
Der Kölner Bürger, der diese Säule stiftete, war natürlich Jupp Engels. Denn auf seinem Grundstück wurden die verwendeten Steine ausgegraben, die von dem hier angelegten römischen Hafen stammten. Dies erzählt die dritte Inschrift. Die vierte erinnert an ein weltbewegendes Ereignis, das im gleichen Jahr stattfand, in dem das Denkmal fertiggestellt wurde, nämlich 1969. Neil Armstrong betrat als erster Mensch den Mond und war dabei 389 994 Kilometer und 100 Meter von unserer Schmitz-Säule entfernt. Es gibt wohl keinen Nachnamen, der auf so ungewöhnliche Weise zu Ehren gekommen ist. Engels hat die Schmitz-Säule der Stadt Köln zum Geschenk gemacht.
Der "Saufang"
Im Stadtmuseum ist der "Saufang" zu besichtigen. Diesen erstaunlichen Namen trägt die angeblich älteste Glocke Kölns, die aus dem 9. Jahrhundert stammen soll. Sie wurde nicht gegossen, sondern aus drei Eisenblechen zusammengenietet. Mit ihr, deren Klang eher an Kuhglocken und nicht an das Geläute des Domes erinnert, ist natürlich auch eine Sage verbunden. Diese erzählt, dass die Glocke bereits vor der Zeit des Bischofs Kunibert (Mitte des 7. Jahrhunderts) entstanden ist.
Jedoch wurde sie ungeweiht im Kirchturm aufgehängt und läutete daher nicht. Als mehrere Männer gleichzeitig versuchten, sie zum Klingen zu bringen, stürzte sie in einen benachbarten Sumpf, wo sie Jahre später von einem Schwein ausgegraben wurde. Kunibert weihte den Saufang und übergab ihn der Kirche Sankt Cäcilien. Seitdem läutete sie bei Gewittern, beim Tod eines Stiftsmitgliedes und am Tag des Bischofs Kunibert.
Der Kunibertsbrunnen
Bemerkenswertes und Kurioses findet der aufmerksame Besucher auch in einigen Kirchen. Wer die Krypta der romanischen Kirche Sankt Kunibert betritt kann dort in einen Brunnen hinuntersehen, bei dem es sich wahrscheinlich um ein altes heidnisches Fruchtbarkeitsheiligtum handelt. Um ihn ranken sich gleich zwei Erzählungen.
Zum einen sollen durch ihn die beiden Heiligen mit Namen Ewald nach ihrer Ermordung angeschwemmt und anschließend in der Kirche begraben worden sein. Auf diese Weise wollte man wohl dem heidnischen Denkmal einen christlichen Gehalt geben. Zum zweiten gilt der "Kunibäätspütz" als Kinderborn, und sein Wasser soll gegen Unfruchtbarkeit helfen, wenn die Frau es in einer Vollmondnacht trinkt.
Die Babies sitzen am Grund des Brunnens, wo es hell und warm ist, zusammen mit Maria, die mit ihnen spielt und sie mit Brei füttert. Selbstverständlich gibt es auch ein "Kunibäätspützeleed" (Kunibertsbrunnenlied), das davon erzählt, wie der Storch den Kölnern ihre Kinder aus diesem Brunnen holt. Im Fußboden des Chorraumes befindet sich eine runde Abdeckplatte, die auf die Lage des Brunnens hinweist.
Die "Blutsäule"
Gehen wir nach Sankt Gereon und betreten das Dekagon, das den römischen Ovalbau umgibt, der Legende nach von Sankt Helena erbaut wurde. Dort finden wir in einer Nische den Rest der sogenannten "Blutsäule". Sie soll dort gestanden haben, wo die thebäischen Soldaten ermordet wurden und mit ihrem Blut bespritzt worden sein. Daher befahl Helena ihre Eingliederung in die Kirche. Im Laufe der Zeit entfaltete sie ungeahnte Kräfte und wurde im Mittelalter zur Schwursäule, die zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden konnte.
Ihr bekanntestes Opfer ist der Sage nach Theuderich II., ein merowingischer Herrscher und Nachkomme Chlodwigs, der im Zuge der Machtkämpfe 612 seinen Bruder Theudebert II. besiegte und sich in Sankt Gereon von den Ripuariern huldigen ließ. Plötzlich verspürte er einen Stich. Er hatte jedoch keine Wunde, sondern nur einen roten Fleck. Trotzdem starb er kurze Zeit später. Die Menschen sahen darin ein Gottesurteil, das von der Säule ausgegangen war. Nur wenige trauten sich noch in ihre Nähe. Es fanden sogar Wallfahrten zu ihr statt, und man schwor bei "der schrecklichen Säule von Sankt Gereon".
Sie erweckte auch die Neugier der Franzosen, die sie nach Paris schaffen wollten, wo ein Museum mit Ausstellungsstücken aus den eroberten Ländern gegründet werden sollte. Doch auf dem Transport ging die Säule zu Bruch. Einen Teil soll Wallraf in seine Sammlung aufgenommen haben, ein anderer als Grenzstein verwendet worden sein. Er wurde 1925 nach Sankt Gereon zurückgebracht und ist heute noch zu bewundern. Über ihm ist eine Inschrift angebracht, die in Latein knapp die Geschichte der gefürchteten Blutsäule erzählt.
Die "Sankt Mariensrippe"
In einer weiteren romanischen Kirche, in Sankt Maria in Kapitol, stoßen wir auf die "Zint Märjensrepp", die "Sankt Mariensrippe". Im südlichen Seitenschiff, wo auch die Holztüren aus dem Jahr 1065 stehen, sind die Knochenteile oberhalb des alten Beichtstuhles an der Wand befestigt. Wer vor ihnen steht, wird sich erstaunt fragen, wie die Bezeichnung "Zint Märjensrepp" zustande gekommen ist. Denn der größte der vier Knochen misst mehr als ein Erwachsener.
Der Name leitet sich jedoch nicht direkt von der Gottesmutter Maria ab, sondern von der Eigentümerin, der Kirche Sankt Maria im Kapitol. Die Herkunft dieser unerwarteten Sehenswürdigkeiten ist unbekannt. Im Allgemeinen wird angenommen, dass es sich um die Knochen eines Wals handelt, der sich in grauen Vorzeiten im Rhein verirrt hatte. Gefunden wurden sie angeblich in der Gegend um den Heumarkt.
Der "kleine Tod"
Abschließend soll noch auf eine Kuriosität moderner Herkunft hingewiesen werden. Wer über die Cäcilienstraße geht, kann sehen, dass der berüchtigte Sprayer von Zürich, Harald Nägeli, selbst vor der "Verzierung" romanischer Kirchen nicht zurückschreckte. Er sprühte 1980 auf den zugemauerten Westeingang der Kirche Sankt Cäcilien eine Figur seines über ganz Köln verteilten Totentanzes, mit dem er gegen die fortschreitende Umweltverschmutzung protestieren wollte. Dieser "kleine Tod" steht heute unter Denkmalschutz.

