Freitag, 18. 12. 2009, 12:18 Uhr

Mit Bergungsbauwerk die restlichen Archivalien retten

"In der Bewältigung der Katastrophe hat Köln Herausragendes geleistet"

Die Stadt Köln will mit Hilfe eines Bergungsbauwerks auch die letzten Archivalien des Historischen Archivs in Köln aus dem Einbruchtrichter holen. Der Stadtvorstand unter der Leitung von Oberbürgermeister Jürgen Roters hat sich jetzt für die Bergung innerhalb eines 22 mal 16 Meter großen, wasserdichten Bergungs- und Besichtigungsbauwerks ausgesprochen. Grundsätzlich hatte der Hauptausschuss des Rates grünes Licht für ein solches Bauwerk gegeben. Mit der jetzt ins Auge gefassten Variante wird ein Unterwasser-Aushub bis 10 Meter unter dem mittleren Grundwasserstand möglich. Die Bergung erfolgt seit dem Einsturz unter der Leitung der Kölner Berufsfeuerwehr. Sie wurde in den ersten Wochen von rund 1.800 Einsatzkräften anderer Feuerwehren, Rettungsdiensten sowie freiwilligen Helferinnen und Helfern unterstützt. Insgesamt wurden an der Einsturzstelle von allen beteiligten Organisationen bis heute circa 27.000 Einsatzstunden geleistet.

Die in der so genannten "Variante 2a" von mehreren geprüften Entwürfen zusammengefasste Vorgehensweise stellt sicher, dass alle für die Ursachenforschung notwendigen Untersuchungsmöglichkeiten gesichert sind und damit die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft unterstützt werden. Es werden noch ungefähr 5 bis 10 Prozent der insgesamt 30 Regalkilometer umfassenden Archivbestände in diesem Bereich vermutet. Nach dem jetzt vorgelegten Zeitplan könnten die restlichen Archivalien im Frühjahr 2010 aus dem Grundwasser geborgen werden.

Etwa 85 Prozent des Archivmaterials sind seit dem 3. März 2009 unterstützt durch freiwillige Helferinnen und Helfer geborgen, gesichert und einer ersten Behandlung unterzogen worden. 19 Archive sowie zahlreiche Archivarinnen und Archivare aus der gesamten Bundesrepublik haben in einer einzigartigen Hilfsaktion die Bestände vorübergehend aufgenommen. Ab 2010 werden die Archivalien in einem angemieteten Hochregallager in Köln-Porz untergebracht und anschließend in einem Restaurierungs- und Digitalisierungszentrum restauriert.

Bis zur Fertigstellung des neuen Historischen Archivs am Eifelwall wird die Verwaltung des Archivs in einem Gebäude am Heumarkt 14 untergebracht. Dort soll es dann auch wieder eine Ausstellung geben und einen digitalen Lesesaal. Die Mikrofilme des Archivs werden derzeit digitalisiert. Von den bisher geborgenen Archivalien weisen 35 Prozent schwerste Schäden auf, 40 bis 50 Prozent mittlere Schäden und 15 bis 25 Prozent leichte Schäden. Beispielsweise haben einige wertvolle Pergamenturkunden zum Teil nur leichte Beschädigungen, manche Siegel und Tonträger weisen schwere Schäden auf, und es gibt zahlreiche Einzelfragmente jeglicher Art.

Die Kosten der Restaurierungsarbeiten werden derzeit auf rund 350 bis 400 Millionen Euro geschätzt, der Gesamtschaden für die Stadt Köln wird auf eine halbe Milliarde Euro kalkuliert. Unabhängig von Schadensersatzforderungen an den noch durch die Staatsanwaltschaft zu ermittelnden Verursacher wird die erste Versicherungsleistung mit 61 Millionen Euro kurzfristig erwartet, eine Stiftung "StadtGedächtnis" wird durch die Stadt Köln vorbereitet. Der städtische Etat des nächsten Jahres weist außerdem zunächst 10 Millionen Euro für die ersten Restaurierungsarbeiten auf. Die Stadt Köln verhandelt derzeit mit Bund und Land über finanzielle Beiträge. Das Kölner Archiv gilt als das größte deutsche kommunale Archiv. Unter anderem besitzt das Kölner Stadtarchiv:

  • Rund 30 Regalkilometer Akten und Amtsbücher
  • 65.000 Urkunden ab dem Jahr 922
  • 1.800 Handschriften
  • 200.000 Karten und Pläne
  • 50.000 Plakate
  • 5.000 Tonträger, Filme und Videos
  • Mehr als 500.000 Fotos zu Kölner Ereignissen
  • Mehr als 800 Sammlungen und Nachlässe, darunter die des Komponisten Jacques Offenbach, des Schriftstellers Heinrich Böll und des Reichskanzlers Wilhelm Marx

Für den Wiederaufbau des Historischen Archivs hat die Verwaltung inzwischen verschiedene, parallel arbeitende Projektgruppen gebildet.

Zwischenbilanz

Es fällt schwer, angesichts der Dimension des Unglücks eine Zwischenbilanz zu den Maßnahmen, Folgen und zur Ursachenforschung zum Einsturz des Historischen Archivs in der gebotenen Kürze vorzulegen. Die Ursache und damit die Verantwortung für dieses Unglück und den Tod von zwei jungen Menschen ist noch nicht ermittelt und die Auswirkungen für die Menschen und das Gedächtnis dieser Stadt sind so tiefgreifend und vielschichtig, dass nüchterne Bilanzen nur einen Teil des Geschehens abbilden können. Denn man muss auch darstellen, dass in der Bewältigung der Katastrophe Köln Herausragendes geleistet hat. Die spontane und anhaltende Hilfsbereitschaft, das Können der Fachleute, der menschliche Zuspruch der betreuenden Helferinnen und Helfer, der unermüdliche Einsatz von Firmen, Organisationen und Freiwilligen, die Unterstützung, die Solidarität, die unmittelbar nach dem Unglück in Köln einsetzte und bis heute anhält - das ist das Herausragende in der Bewältigung des Geschehens. 

so Oberbürgermeister Jürgen Roters in einem Vorwort zu einem speziellen Jahresrückblick zum Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln.

Am 3. März 2009 stürzte das Historische Archiv der Stadt Köln als Folge unterirdischer Massebewegungen ein und sackte mit insgesamt 30 Kilometern Archivmaterial in den unterirdischen Trichter. Teile des Bauwerks kippten in das unterirdische Gleisbauwerk der im Bau befindlichen Nord-Süd-U-Bahn. Gleichzeitig stürzte ein benachbartes Wohngebäude in den Trichter und riss zwei Menschen in den Tod.

Unter Lebensgefahr hatten sowohl Bauarbeiter aus der Baugrube als auch der Haustechniker und die Aufsicht des Lesesaals des Historischen Archivs Besucherinnen und Besucher sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Archivs und auf der Straße befindliche Passanten vor dem absackenden Untergrund warnen können und hatten auf diese Weise über 30 Personen, die sich im Historischen Archiv befanden, und eine nicht bezifferbare Anzahl von Menschen auf der Straße das Leben gerettet.

Das Unglück forderte zwei Todesopfer, den 17-jährigen Auszubildenden Kevin und den 23-jährigen Geschäftsmann Khalil. Beide bewohnten das Nachbarhaus, das mit dem Archiv in den Trichter stürzte. 47 Haushalte aus den benachbarten Häusern, die wegen Standunsicherheit im Laufe der nächsten Stunden und Tage abgerissen werden mussten, verloren ihre Wohnungen. Wertvollste Dokumente, Urkunden, Siegel, Noten, komplette Privatarchive, Zeugnisse aus allen Jahrhunderten der 2.000 Jahre alten Stadt Köln vermischten sich mit dem Schutt der eingestürzten Wände, Dächer und Geröll und fielen teilweise bis in eine Tiefe von zehn Metern unterhalb der Grundwasseroberkante. Über 1.200 Kölner Schülerinnen und Schüler aus dem benachbarten Friedrich-Wilhelm-Gymnasium, der Kaiserin-Augusta-Schule und der Schule für Sehbehinderte des Landschaftsverbandes mussten kurzfristig in anderen Gebäuden untergebracht werden. Bürogebäude wurden zerstört, Bewohnerinnen und Bewohner eines benachbarten Altenheimes und weiter entfernt liegender Wohngebäude mussten übergangsweise ihre Räume verlassen und konnten erst Tage später wieder zurückkehren.

In einer Leitentscheidung des Krisenstabes entschloss sich die Stadt Köln, die Suche nach den damals Vermissten beiden Bewohnern des eingestürzten Wohngebäudes von Anfang an ohne Zeiteinbuße mit der Bergung des Archivmaterials zu verbinden und stellte damit die Rettungskräfte vor eine extrem hohe Anforderung. Diese Entscheidung wurde ermöglicht durch eine eigene hochqualifizierte Führungscrew im Rettungswesen, die auf Hilfskräfte aus der Region und der gesamten Bundesrepublik bei der Suche nach den Vermissten und der Bergung des Archivgutes zurückgreifen konnte.

Innerhalb weniger Stunden wurden die ersten Sicherungsmaßnahmen zur Stabilisierung der mit Archivalien vermischten Schuttberge eingeleitet und die Maßnahmen zum Bau von Notdächern begonnen. Von Beginn an wurden alle Rettungsmaßnahmen durch Spezialistinnen und Spezialisten, unabhängige Gutachterinnen und Gutachter sowie Beraterinnen und Berater begleitet.

Am dritten und am neunten Tag nach dem Einsturz des Archivs konnten die beiden vermissten Personen tot in dem Schuttberg und in dem inzwischen auf 9 Meter unter Straßenniveau abgegrabenen Schuttkegel geborgen werden.

1.800 freiwillige Helferinnen und Helfer nahmen teilweise weite Anreisen, unter anderem aus der Tschechischen Republik, den Niederlanden und Belgien, in Kauf, um die "Erstversorgung" der Archivalien zu unterstützen. Sie wurden von der Stadt in besonderen Unterkünften aufgenommen und versorgt.

Die Stadt Köln hat in einem offiziellen Empfang allen Helferinnen und Helfern sowie den Einsatzkräften für ihren beispiellosen Einsatz gedankt.

Hilfen für Geschädigte

Unmittelbar nach dem Einsturz des Stadtarchivs stellte die Stadt Köln allen Betroffenen jeweils eine persönliche Betreuerin oder einen persönlichen Betreuer zur Verfügung. Neben einer Soforthilfe wurden den Bewohnerinnen, Bewohnern, Eigentümerinnen und Eigentümern der beschädigten und eingestürzten Häuser sowie der angrenzenden Häuser und Gewerbebetriebe bis Ende Oktober rund 3,8 Millionen Euro Entschädigung ausgezahlt. Insgesamt 250 natürliche und juristische Personen haben ihre Ansprüche angemeldet, Schäden von rund 170 Personen konnten bereits abschließend reguliert werden. Entschädigungen wurden gezahlt für materielle Schäden, Einnahmeverluste, Umzugskosten, Verdienstausfälle, Auslagen, Mietdifferenzen zur bisherigen Wohnung und auch Schmerzensgeld.

Den Betroffenen stand vom 10. März bis zum 30. September mit Dr. Peter von Blomberg ein ehrenamtlicher und unabhängiger Ombudsmann als Unterstützung zur Verfügung. In seinem Abschlussbericht betont Dr. von Blomberg

die kluge und verantwortungsvolle Grundhaltung der Verantwortlichen und der Akteure bei KVB und Stadt

und hebt den engagierten persönlichen Einsatz aller Bediensteten vor Ort hervor. Ein plausibler

Mix aus Pauschalregelung und Sonderfällen und die getroffenen großzügigen Pauschalregelungen hätten nur wenige Bürger bewogen, anwaltlich eine höhere Entschädigung anzustreben.

so Dr. von Blomberg. Derzeit haben vier Parteien Klage eingereicht. Das entspricht 1,6 Prozent aller geschädigten Personen.

Die Suche nach neuen Wohnungen für die Geschädigten wurde massiv unterstützt vom städtischen Wohnungsversorgungsbetrieb mit seinem Betreuerteam, das insgesamt 426 Wohnungsangebote prüfte. Alle 47 betroffenen Haushalte sind inzwischen mit neuen Wohnungen versorgt. Teilweise wurden bis zu 26 vorgeprüfte Wohnungen den einzelnen Haushalten angeboten. Gerade bei der Wohnungsvermittlung wurde die sehr unterschiedliche Art der Unglückbewältigung durch die Betroffenen deutlich. Den Betroffenen wurde auch auf Wunsch psychologische Hilfe durch ein Spezialteam angeboten. Neben der Schadensabwicklung durch die KVB AG und die städtischen Hilfen spendeten Kölnerinnen und Kölner insgesamt 195.600 Euro für die Geschädigten, die inzwischen von dem eingerichteten Runden Tisch unter Beteiligung der Kölner Kirchen an die Betroffenen ausgezahlt wurden.

Handel und Gewerbe

Für die vom Einsturz betroffenen Gewerbebetreibenden konnte mit Hilfe der städtischen Wirtschaftsförderung ein Sonderkreditprogramm aufgestellt werden. Am 1. Juni 2009 nahm eine "Veedelsmanagerin" für das Severinsviertel ihre Tätigkeit auf. Sie unterstützt das Standortmarketing des Viertels sowie die Belange der gewerblichen Anlieger gegenüber Stadt Köln und KVB, forciert die für die Gewerbetreibenden wichtigen Aktivitäten rund um die Einsturzstelle, da die Einsturzstelle mit ihren Absperrungen trotz der zwischenzeitlichen Öffnung für den Fußgänger- und Radfahrverkehr das Geschäftszentrum rund um die Severinstraße in seiner Entwicklung beeinträchtigt. Derzeit prüft die Verwaltung eine Straßenführung westlich der Baugrube vor dem Friedrich-Wilhelm-Gymnasium. Eine Überfahrung der Unglücksstelle wäre nur durch eine teilweise Abdeckelung des unterirdischen Bauwerks und durch eine Sicherung des so genannten Verbruchtrichters im Süden der Unglücksstelle möglich.

Schulbetrieb

Während innerhalb weniger Wochen zwei der drei geräumten benachbarten Schulen (Kaiserin-Augusta-Schule und Schule für Sehbehinderte des Landschaftsverbandes Rheinland) wieder ihre Räume beziehen konnten, wird die provisorische Unterbringung des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums im geräumten Volkshochschul-Gebäude nach derzeitigem Kenntnisstand noch bis zum Schuljahresbeginn 2011/2012 andauern. Separate Gutachter haben sowohl die Bodenverhältnisse als auch die Statik des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums umfassend untersucht. Die abschließenden Standsicherheitsuntersuchungen haben keine Hinweise auf Auflockerungen, Anomalien oder Hohlräume, die auf den Unglücksfall Waidmarkt oder seine Folgen zurück zu führen wären, ergeben. Eine uneingeschränkte Standsicherheit des Gebäudes ist aus geotechnischer Sicht gewährleistet. Die Verwaltung hat vorgeschlagen, eine Generalsanierung der Schule in enger Kooperation mit der Schule, den Elternvertreterinnen und -vertretern swoie den Schülervertreterinnen und -vertretern durchzuführen. Erste Planungsgespräche haben bereits stattgefunden.

Für das Kaiserin-Augusta-Gymnasium wird in Absprache mit der Schule die Herrichtung für den Ganztagsbetrieb geplant, der sukzessive zum nächsten Schuljahr aufgenommen werden soll. Bisher eindeutig favorisierte Maßnahme ist eine Ausweitung des Schulgrundstückes nach Westen, um so den gestiegenen Raumbedarf zu decken.

Stadt Köln - Amt für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Inge Schürmann

Funktionen

Weitere Meldungen


Call-Center

0221 / 221 - 0 Call-Center der Stadt Köln
Mo bis Fr, 7 bis 19 Uhr