Sechs Monate nach dem Archiveinsturz
Stiftung, Benutzerzentrum, Restaurierungszentrum und Archivneubau geplant
Vor genau sechs Monaten, am 3. März 2009, stürzte das Historische Archiv der Stadt Köln ein. Zwei Menschen starben in den Trümmern mitgerissener Wohnhäuser. 36 Anwohnerinnen und Anwohner verloren durch den Einsturz ihre Wohnung. In dem Trümmerfeld auf der Severinstraße wurden Archivgüter aus 1.000 Jahren Kölner Geschichte verschüttet. Das "Gedächtnis Kölns", so lautete anfangs die Befürchtung, könnte für immer vernichtet worden sein.
Oberbürgermeister Fritz Schramma:
Der Archiveinsturz war eine tragische menschliche und kulturelle Katastrophe für Köln. Doch noch in der Trauer darüber entstand der Wille, dieses Unglück gemeinsam zu meistern. Dank der unermüdlichen Arbeit der vielen Einsatzkräfte vor Ort, der mehr als 1.500 Einsatzkräfte der Feuerwehren, des Technischen Hilfswerkes und der Hilfsorganisationen und der mehr als 1.800 freiwilligen Helfer aus dem In- und Ausland, gelang es in den nächsten Monaten, über 85 Prozent der Archivalien zu bergen, den Menschen, die ihre Wohnung verloren haben, wieder Lebensmut und ein neues Zuhause zu geben. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal allen Beteiligten mein herzliches Dankeschön für diesen immensen Einsatz aussprechen.
Um die Restaurierung der geborgenen Archivgüter finanzieren zu können, schlägt Oberbürgermeister Fritz Schramma dem Rat in seiner Sitzung am 10. September 2009 vor, die Verwaltung zu beauftragen, eine Stiftung zugunsten des Historischen Archivs zu gründen:
Der Rat soll sich bereit erklären, in die zu gründende Stiftung ein Stiftungskapital von zwei Millionen Euro sowie eine Spende von drei Millionen Euro einzubringen; auch als Signal an andere potentielle Stiftungsgründer, insbesondere das Land NRW und die Bundesrepublik, sich ebenfalls zu beteiligen.
Kulturdezernent Professor Georg Quander:
Um die Bestände des Historischen Archivs zu restaurieren, werden große Summen benötigt, schätzungsweise bis zu 350 Millionen Euro. Mit den Geldern der Stiftung können wir solch eine "Mammutaufgabe" in den nächsten Jahrzehnten angehen. Bisher wurden für ausgewählte Stücke dankenswerterweise Restaurierungs-Patenschaften übernommen, ein wunderbares Signal aus der Bürgerschaft! Doch das reicht bei weitem nicht aus. Zukünftig wollen wir deshalb mit einer Stiftung arbeiten. Ausschließliches Stiftungsziel soll dabei die Restaurierung, Zusammenführung und Digitalisierung der Archivalien sein, ausdrücklich nicht die Finanzierung eines Archivneubaus.
Zur schnellen Aufnahme der Restaurierung und Digitalisierung ist die Wiedererrichtung der Abteilung für Bestandserhaltung, Restaurierung und Digitalisierung in einer Bestandsimmobilie in Köln geplant. Im kommenden Jahr sollen außerdem digitalisierte Archivalien in einem Benutzerzentrum zur Verfügung stehen, ein erster Schritt hin wieder zu einer "normalen" Nutzung der Kölner Archivschätze.
Im Jahr 2015 hoffen wir dann, das neu zu bauende Archiv in Betrieb nehmen zu können. Es soll die restaurierten und zusammengeführten Bestände im sichersten und modernsten Kommunalarchiv Europas beherbergen. Über den Standort soll der Rat auf seiner Sitzung am 10. September 2009 entscheiden,
so Kulturdezernent Professor Georg Quander weiter.
Archivleiterin Dr. Bettina Schmidt-Czaia ergänzt:
Wir haben zur Bewältigung der vielen neuen Arbeiten ein eigenes Projektbüro‚ Wiederaufbau des Historischen Archivs, eingerichtet. Es kümmert sich in sieben Projektgruppen um Aufgaben wie Zusammenführung der Bestände, Restaurierung und Konservierung, Digitalisierung, Nachlassgeber und Depositare sowie Neubau und Provisorisches Archiv.
Seit dem 1. September 2009 steht außerdem ein Fachbeirat der Stadt Köln beratend zur Seite. Den Vorsitz hat der Präsident des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen, Professor Dr. Wilfried Reininghaus übernommen. In dem 16-köpfigen Gremium sitzen Vertreterinnen und Vertreter des Verbandes deutscher Archivarinnen und Archivare (VdA), der Bundeskonferenz der Kommunalarchive beim Deutschen Städtetag, der Arbeitsgemeinschaft Stadtarchive beim Deutschen Städtetag NRW, der großen Archive in Köln, der Landschaftsverbände Westfalen-Lippe und Rheinland, Vertreter der Archive anderer Bundesländer, wie Sachsen und Baden-Württemberg, und aus dem benachbarten Ausland, Niederlande. Ebenso sind vertreten der Fachbereich Restaurierung der Fachhochschule Köln, die Historischen Seminare der Universitäten Bonn und Köln und die Deutsche Forschungsgemeinschaft.
Zur Restaurierung der beschädigten Archivalien sind schätzungsweise 6.300 sogenannte Personenjahre nötig. Anders ausgedrückt: 200 Restauratorinnen und Restauratoren würden etwa 30 Jahre brauchen, um diese Aufgabe zu bewerkstelligen. Nadine Thiel, Leiterin der Restaurierung:
Die Archivalien sind zum Teil in einem sehr dramatischen Zustand. Jedes einzelne Objekt braucht einen individuellen Maßnahmenkatalog, je nachdem ob es sich zum Beispiel um ein altes gebrochenes Wachssiegel oder eine zerknitterte Urkunde handelt.
Die Stadt Köln ist darauf angewiesen, dass sich auch auswärtige Restauratorinnen und Restauratoren an den Maßnahmen beteiligen.
Bereits fertig restauriert sind unter anderm ein Friedensvertrag von 1256 zwischen Konrad von Hochstaden und dem Bischof Simon von Paderborn sowie ein Band mit alten Abrechnungen aus dem Jahr 1453. Hier hat der Restaurator Marcus Janssens vom Stadtarchiv Neuss Amtshilfe geleistet.
Zahlen, Daten und Fakten zu Archiv und Bergung
Im eingestürzten Historischen Archiv lagerten unter anderem:
- rund 30 Regalkilometer Akten und Amtsbücher
- 65.000 Urkunden ab dem Jahr 922
- 1.800 mittelalterliche Handschriften und Evangeliare
- 1.384 Bände Rechnungen auf Hadernpapier
- 10.000 Testamente
- Protokolle des Stadtrates seit 1320
- über 150.000 Karten und Pläne
- 50.000 Plakate
- 2. 500 Tonträger, Filme und Videos
- mehr als 500.000 Fotos zu Kölner Ereignissen
- über 800 Sammlungen und Nachlässe, darunter die des Komponisten Jacques Offenbach, des Schriftstellers Heinrich Böll und des Reichskanzlers Wilhelm Marx
- mehr als 60 Nachlässe Kölner und rheinischer Architekten, beispielsweise Wilhelm Riphan und Karl Band, Pläne, Modelle, Akten.
Seit fast einem halben Jahr laufen die Arbeiten zur Bergung und Erstversorgung. Mittlerweile sind circa 85 Prozent des Archivgutes geborgen worden - der größte Teil davon über dem Grundwasserspiegel, circa 38 Meter über NN.
10 Prozent lagern noch unter dem Grundwasserspiegel, bei 5 Prozent ist mit einem Totalverlust zu rechnen. Im Juli wurden zudem Archivalien unterhalb des Grundwasserspiegels bis circa 36-37 m über NN mit einem Bagger geborgen. Dabei sind 116 Gitterboxen, das heißt circa 580 laufende Meter Archivgut geborgen worden. Geborgenes Archivgut wurde bis zum 31. August 2009 erstversorgt, also gereinigt, registriert, getrocknet oder eingefroren und eingelagert in 20 Asylarchiven zwischen Schleswig und Freiburg.
- 35 Prozent schwerste Schäden
- 50 Prozent schwere und mittlere Schäden
- 15 Prozent leichte Schäden
Geborgenes Archivgut bedeutet nicht automatisch gerettetes Archivgut, denn das, was aus dem Einsturzbereich geholt wurde, weist unterschiedlich starke Schäden auf:
Sämtliches Archivgut muss gereinigt werden, auch wenn äußerlich keine schwerwiegenden Schäden erkennbar sind (alkalischer Beton-Staub).
Von dem eingefrorenen Archivgut (circa 500 Gitterboxen, nahezu 2,5 laufende Kilometer) wurden bereits etwa 80 Gitterboxen durch den Landschaftsverband Westfalen-Lippe und 4 Gitterboxen durch den Landschaftsverband Rheinland gefriergetrocknet.
Die derzeit noch unter dem Grundwasserspiegel liegenden Archivalien (10 Prozent des Gesamtbestands) umfassen neben Nachlässen von Kulturschaffenden (wie Heinrich Böll) und sonstigen Deposita (Kölner Männer-Gesang-Verein) Architektennachlässe inklusive Plänen (beispielsweise Wilhelm Riphahn, Erich Schneider-Wessling) sowie städtische Überlieferung (unter anderem Personenstandsregister).
Zur Bergung dieser Archivalien wird eine Bohrpfahlwand östlich der Schlitzwand des Gleiswechselbauwerks der U-Bahn zu errichten sein, um die mit der Bergung beschäftigten Einsatzkräfte zu schützen (Erdrutschgefahr an den Trichterwänden).
Die Bohrpfahlwand wird auf 28 Meter über NN herabgetrieben, was ausreichen wird, um alle Archivalien zu bergen. Anfang August hat der Hauptausschuss zugestimmt, ein solches Entlastungsbauwerk zu errichten. Bei konservativer Schätzung wird die Bergung in 15 Monaten beendet sein. Im optimalen Fall kann in sechs Monaten mit der Bergung begonnen werden. Die Kosten werden bei circa 4 Mio. EURO liegen.
Die Erstversorgung kann als Erfolgsgeschichte angesehen werden. Sie fand mit der Unterstützung aus der gesamten Fachwelt statt: Mehr als 1.800 Helferinnen und Helfer aus dem In- und Ausland waren im Einsatz. In Köln kam sogar zweimal eine sogenannte "Blue Shield-Mission" zum Einsatz. Das ist eine Organisation im Auftrag der UNESCO, eine Art Rotes Kreuz für Kulturgüter. Die niederländischen Fachkollegen haben die Organisation der Mission übernommen und zweimal einen erstklassigen Einsatz gewährleistet.
Weitere Daten zur Halbjahres-Bilanz:
Die Stadt Köln hat für die Betroffenen eine umfangreiche Betreuung unmittelbar nach dem Unglück sichergestellt. Allen Betroffenen stand ein individueller Betreuer und Assistent zur Seite, der alle behördlichen, wirtschaftlichen und persönlichen Angelegenheiten regelte und unterstützte. Ein von der Stadt Köln initiierter Ombudsmann vertritt auch heute noch die Interessen der Geschädigten.
Insgesamt 27 Haushalte mit 36 Personen haben ihre Wohnungen durch den Einsturz des Historischen Stadtarchivs verloren. Hinzu kommen weitere 20 Haushalte aus dem direkten Umfeld der Unglücksstelle, die noch konkrete Umzugswünsche haben. 36 der insgesamt 47 Parteien sind inzwischen in ihre neuen Wohnungen eingezogen. In drei weiteren Fällen sind die Aussichten positiv. Bei den verbleibenden acht Haushalten wird die Vermittlung aus unterschiedlichen Gründen noch dauern.
Bisher haben rund 225 natürliche und juristische Personen ihre Ansprüche angemeldet. Insgesamt wurden bisher rund 3,1 Mio. Euro Entschädigung gezahlt.
Neben einer Vielzahl von Sachspenden sind auf einem von der Stadt Köln eingerichteten Spendenkonto insgesamt knapp 162.000 Euro eingegangen. 137.500 Euro wurden in zwei Auszahlungsrunden an die Geschädigten verteilt. Der Restbetrag wird in Kürze zusammen mit den 52.000 Euro, die auf einem Straßenfest in der Severinstraße gesammelt wurden, verteilt.
Gewerbetreibende, die von dem Einsturz betroffen sind, können bis zum 30. September 2009 einen durch das Wirtschaftsdezernat der Stadt Köln angeregten Sonderkredit beantragen und eine extra eingestellte Veedelsmanagerin wird in den nächsten drei Jahren die Entwicklung des Severinsviertels betreuen.
Die Severinstraße ist ebenso wie der Waidmarkt als Sackgasse nutzbar. Für die Fußgängerinnen und Fußgänger sowie die Radfahrerinnen und Radfahrer konnte vor wenigen Tagen ein erster provisorischer durchgehender Fußgängerweg geöffnet werden.
Innerhalb von drei Tagen richtete die Stadt ihr Volkshochschulgebäude mit 6.000 Quadratmetern Nutzfläche für das vom Einsturz des Archivs betroffene Friedrich-Wilhelm-Gymnasium her. Das Schulgelände und das Gebäude des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums werden zurzeit umfangreich untersucht. Eine abschließende schriftliche Bewertung der Standsicherheit liegt noch nicht vor, aktuell ist die Sicherheit der Gebäude aus geotechnischer Sicht gewährleistet. Die Verwaltung strebt die Wiederaufnahme des Betriebs zum Schuljahresbeginn 2011 / 2012 nach einer Generalsanierung des Gebäudes an. Bis dahin wird der Unterricht weiter in dem leerstehenden VHS-Gebäude am Neumarkt und in den Außenstellen Hohe Pforte und Georgstrasse stattfinden. In Kürze kann die Sporthalle des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums wieder genutzt werden.