Vom Schauplatz der Industriegeschichte zum jungen Stadtquartier

Mitten in Köln liegt am rechten Rheinufer ein riesiges Industrieareal im Dornröschenschlaf. Nun wird es zu neuem Leben erweckt. Das Areal rund um den Mülheimer Hafen ist aufgrund seiner zentralen Lage für Kölns Stadtentwicklung von großer Bedeutung. Das weitgehend brachliegende Gelände, auf dem einst Kölner Unternehmen Industriegeschichte schrieben, wird zu einem urbanen Viertel zum Wohnen und Arbeiten umgestaltet.

© Foto Christin Seelbach/Skizze Bolles+Wilson GmbH&Co.KG

Damit verbunden ist der Bau neuer, in Teilen auch ungewöhnlicher Parks und Plätze, die sich wie Korsettstangen durch das Stadtquartier ziehen, es stabilisieren und den notwendigen Freiraum in einem neuen, dichten Stück Stadt bereitstellen.

In Zusammenarbeit mit dem Stadtplanungsamt und unter breiter Beteiligung der Öffentlichkeit haben zwei interdisziplinäre Planungsteams aus Architekten, Stadt-, Landschafts-und Verkehrsplanern ein umfassendes Entwicklungskonzept und einen städtebaulichen Rahmen für den Mülheimer Süden entworfen.

Dabei wurden unterschiedliche Instrumente des stadtplanerischen Repertoires zielgerichtet in einem neuen Planungsformat gebündelt.

 

Ort der Industriegeschichte

 

Es ist die Geschichte eines unvergleichlichen industriellen Aufschwungs, dem nach Jahrzehnten erfolgreicher Produktion der Niedergang folgte. Mächtige Industriehallen zeugen von der Vergangenheit des Mülheimer Südens, der mehr als ein Jahrhundert lang Standort weltweit agierender Industrie-und Gewerbeunternehmen war und teils noch ist. Vom rechtsrheinischen Köln ging die Motorisierung der Welt aus:

Nicolaus August Otto und Eugen Langen produzierten hier ab 1867 ihre Verbrennungsmaschinen. Als "Showroom" der weltweit ersten Motorenfabrik diente die Möhring-Halle, die 1902 in Stahlskelettbauweise errichtet wurde.

An anderer Stelle ist auf dem früheren Gelände der Waggonfabrik Van der Zypen & Charlier noch immer die Teststrecke der Wuppertaler Schwebebahn zu besichtigen. Die Deutz-Mülheimer Straße entwickelte sich mit ihren industriellen Backsteinbauten Anfang des 20. Jahrhunderts zu einer echten Fabrikstraße, wie es sie in Nordrhein-Westfalen heute kein zweites Mal mehr gibt.

Umbau mit Respekt gegenüber historischem Bestand

Das neue Hafenviertel soll durch Umformung des alten entstehen – mit Respekt gegenüber dem historischen Bestand.

Im Werkstattverfahren wurden daher die Chancen neuer Nachbarschaften aufgezeigt. Entsprechend dem Auftrag des Ratsausschusses für Stadtentwicklung entwarfen die Büros Bolles + Wilson (Münster) und kister scheithauer gross architekten und stadtplaner (Köln) gemeinsam mit KLA kiparlandschaftsarchitekten (Duisburg) ein umfassendes Entwicklungskonzept und ein robustes, zugleich jedoch flexibles städtebauliches Gerüst.

Eigentümerinnen, Eigentümer, ansässige Künstlerinnen und Künstler, Freischaffende, Gewerbetreibende wie auch zahlreiche Institutionen sowie Bürgerinnen und Bürger haben ihre Ideen und Anregungen in die Planungen eingebracht.

Ablauf und Ergebnisse des Werkstattverfahrens

Smart City Cologne

Neben der Kombination von alter Industriearchitektur und modernem Städtebau soll im Süden Mülheims auch nachhaltige Stadtentwicklung mit innovativen Konzepten aus den Bereichen Mobilität, Energie sowie der Informations- und Kommunikationstechnologie verbunden werden. "SmartCityCologne" heißt die Initiative, die einen bewussten Umgang mit Ressourcen zum Ziel hat. "Smarte" Technologien tragen dazu bei, die Lebensqualität und wirtschaftliche Dynamik zu erhöhen und ehrgeizige Klimaschutzziele zu erreichen.

Zahlen und Fakten

  • Plangebiet: rund 70 Hektar
  • Nutzung: 55 Prozent Gewerbe, Büro, Dienstleistung, Handel, Kultur und Soziales / 45 Prozent Wohnen (3.500 Wohnungen)
  • Freiräume: sechs begrünte Korridore und mehrere neue Plätze, insgesamt rund 100.000 Quadratmeter neue öffentliche Grün- und Freiflächen

Ein lebendiges Stadtquartier

Damit ein lebendiger Stadtteil entsteht, sollen sich unterschiedliche Nutzungen durchmischen. In den Neubauten könnten neben Wohnungen auch Büros entstehen. Für eine gewerbliche Entwicklung bieten sich die ehemaligen Industriegebäude, aber auch die Eisenbahnbögen an. Der kulturellen Nutzung könnten weitere Freiräume in den alten Hallen geboten werden, in denen auch Einzelhandel und Gewerbe wie auch besondere Formen des Wohnens denkbar sind. Da das Planungskonzept den Bau von bis zu 3.500 Wohneinheiten vorsieht, sind im neuen Stadtquartier auch Kindertagesstätten und Schulen sowie weitere soziale Einrichtungen geplant.

Rahmen verbindet Alt und Neu

Das Planungskonzept berücksichtigt die gewachsenen städtebaulichen Strukturen ebenso wie die Bedeutung der identitätsstiftenden Industriehallen. Die großmaßstäbliche, industrielle Bebauung der Vergangenheit wird durch neue, überwiegend vier-bis fünfgeschossige Blockrandbebauungen ergänzt, die das Gebiet untergliedern und an die "losen Enden" der Nachbarschaft wie der Stegerwaldsiedlung anknüpfen sollen. Auf diese Weise entstehen kleinräumliche Quartiere mit kürzeren Wegebeziehungen.

Die blockbildende Bebauungsstruktur schirmt ab vor dem Lärm der Großstadt und ihrer Verkehrswege, sie schafft private Innenhöfe als Oasen der Ruhe. Räumliche Schnittstellen - zum Beispiel an Straßenkreuzungen mit besonderen Sichtbeziehungen - werden durch einzelne höhere oder solitär stehende Gebäude akzentuiert. Das Rheinufer mit seinen teils als "Rheinboulevard" gestalteten Grün-und Freiräumen wird mit einer klaren städtebaulichen Kante betont.

Unterschiedliche Typologien von öffentlichen Freiräumen, urbane gepflasterte Wege und Plätze, parkartige Grünanlagen mit Aufenthaltsqualität und Freizeitwert, durchziehen das Viertel, das durch grüne "Korridore" an den Rhein angebunden wird.