Rede der Oberbürgermeisterin anlässlich der Verleihung an Herta Müller

Sehr geehrte Frau Müller,
sehr geehrter Herr Merkle,
sehr geehrter Herr Professor Apel,
sehr geehrte Mitglieder der Jury,

besonders begrüßen möchte ich meinen Amtsvorgänger Herrn Roters mit seiner Frau, der als Oberbürgermeister Vorsitzender der Jury gewesen ist,

sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Scho-Antwerpes,
sehr geehrter Herr Bürgermeister Wolter,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich beginne an diesem für mich besonderen Tag mit etwas Symbolhaftem.

Die Umstände haben es mir ermöglicht, und ich gebe zu, es war auch eine Motivation zum Gesundwerden: Meine erste öffentliche Amtshandlung als Oberbürgermeisterin von Köln beginne ich mit der Überreichung des Heinrich-Böll-Preises an Herta Müller, einer großen Frau der Weltliteratur, einer großen Nobelpreisträgerin, einer großen unbeugsamen Persönlichkeit.

Sehr geehrte Frau Müller,
seien Sie herzlich mit Ihrem Ehemann willkommen in unserer Stadt, im Historischen Rathaus unter der Wolke von Hann Trier. Liebe Herta Müller, ehe wir Sie überhaupt hier in der Piazzetta geehrt haben, ist mit Ihnen längst eine andere geehrt: die Stadt Köln.

Und das ebenso Symbolhafte, diesen Termin heute entgegen den rücksichtsvollen amtlichen Planungen dennoch wahrzunehmen, ist das damit verbundene Bekenntnis zur Seele dieser Stadt, der Kultur.

Und dann gibt es noch etwas, etwas ganz Persönliches. Ich bin glücklich, endlich wieder unter vielen Menschen sein zu dürfen.

In Augenblicken wie den heutigen stelle ich alle meine jüngst erlittenen Eindrücke, die schneller kommen, als man es manchmal begreift, ganz bewusst in den Schatten – jedoch nicht in den der Vergessenheit. Denn man kann und darf im Kopf nicht verdrängen die Spuren des Hasses und des Fanatismus, wie er sich des Körpers bemächtigt und die Hand missbraucht, bereit zur Brutalität und Verletzung – geschehen noch viel schlimmer vor genau einer Woche in Paris.

Hass und Gewalt belügen! Herta Müller gibt einem ihrer Essays von 1990 die Überschrift "Lügen haben kurze Beine. Die Wahrheit hat keine."

Die Wahrheit steht aufrichtig. Wie heißt es in Köln: "Arsch huh". Und sie muss unmissverständlich auch gegen Vorurteile stehen, die auf ganz traurige Weise die moralische Überlegenheit gegenüber dem Fremden inszenieren wollen.

Herta Müller hat dies so beschrieben:

Meine Leiter ist weg. Die hat so gut untern Baum gepasst. Jetzt ist sie weg. Gestohlen, wo denn sonst. Die stehlen doch alles, seit die hier sind, kann man nichts mehr haben,

sagt die alte Frau. Sie meint die Asylsuchenden.

Meine Damen und Herren,

Respekt vor Unterschieden – auch die zwischen der Rede der Oberbürgermeisterin und der Laudatio, zwischen einer Literaturliebhaberin und dem Kenner, zwischen der Juristin und dem Wissenschaftler für Vergleichende Literaturwissenschaften, Herrn Professor Dr. Apel.

Ich beschränke mich daher auf einige Gedanken.

Ich bin sicher: Heinrich Böll wäre voller Freude, seinen Namen der Auszeichnung an Herta Müller zu leihen.

Andreas Platthaus, stellvertretender verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der FAZ und Mitglied der Jury des Heinrich-Böll-Preises, fragt:

Ist eine angemessene Würdigung von Herta Müller nach dem Literaturnobelpreis von 2009 überhaupt möglich?

Und er gibt uns die Antwort:

Herta Müller hat uns mit ihren literarischen Werken der letzten sechs Jahre mehr als genug Gründe für eine weitere Auszeichnung geliefert. Keine andere Autorin sei in ihrem Schaffen dem künstlerischen und kritischen Geist Heinrich Bölls so nahe.

Und in der Jury-Begründung zum diesjährigen Heinrich-Böll-Preis, der ja bekanntlich alle zwei Jahre vergeben wird, heißt es:

Der Grundtrieb des Böllschen Schreibens findet sich darin wieder: das Aufwachsen in einem repressiven Heimatland und dann das Erlebnis der Befreiung in einer neuen Gesellschaft – im Falle Bölls im selben Land nach 1945, im Falle Herta Müllers durch die Ausreise von Rumänien nach Deutschland.

Für Herta Müller war der Weg in das so freie Land Deutschland auch nicht auf Rosen gebettet:

Dass ich 1987 bei der Offenlegung meiner Biografie von der rumänischen Diktatur redete, machte die Beamten nervös. Als ich auf die Frage, ob ich mit meiner Haltung auch als Rumänin verfolgt gewesen wäre, mit Ja antwortete, schickte der Beamte mich zur Ausländerpolizei. Er konstatierte: entweder Deutsche oder politisch Verfolgte. Für beides zusammen gab es kein vorgedrucktes Formular,

erinnert sich Herta Müller.

Meine Damen und Herren,

was schätze ich an den Büchern Herta Müllers und Heinrich Bölls?

Vor allem deren Sensibilität und deren Detailgenauigkeit!

Das hat beide, Heinrich Böll und Herta Müller, davor bewahrt, ihre Wahrheiten in die Aufklärungs-Klischees zu pressen. Ja, Herta Müllers Literatur ist für uns alle verfügbar. Aber nicht allzu leicht.

Liebe Frau Müller, ich möchte Ihnen nun die Urkunde überreichen und Sie herzlich bitten, sich in das Goldene Buch der Stadt Köln einzutragen.

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