Bauheben für das Herz aus Stahl

© Timm Bourry
Geschmückte Richtkrone hängt hoch oben in der Stahlkonstruktion der neuen Schaugewächshäuser

Das ist wohl unser exotischstes Projekt- und zwar sowohl in botanischer als auch in baulicher Hinsicht. Der Neubau der Schaugewächshäuser im Botanischen Garten ist ingenieurtechnisch hochkomplex. Und er wächst stetig in die Höhe: Nachdem im August 2020 mit dem Aufbau der opulenten Stahlkonstruktion, dem Herzstück des Neubaus, begonnen wurde, konnte nur rund zwei Monate später das Richtfest gefeiert werden. Der Stahlaufbau von Nutzpflanzen-, Tropen- und Wüstenhaus befindet sich in den letzten Zügen, sodass alle drei Pflanzenhäuser deutlich erkennbar sind. Im Nutzpflanzenhaus wurde bereits mit dem Einbau der Isolierverglasung begonnen.    

Aus drei im Werk des Stahlbauers in den Niederlanden vorgefertigten Elementen wurde der erste insgesamt 1,7 Tonnen schwere Stahlbogen gefertigt , der im August 2020 per Kran aufgerichtet und anschließend im Fundament befestigt wurde. Besucherinnen und Besucher konnten sich das fertige Gesamtbild nur annähernd vorstellen, aber die beeindruckenden Dimensionen zeichneten sich damals bereits deutlich ab.

Nach und nach wuchsen 54 Bögen zusammen, die aus jeweils drei einzelnen Elementen zusammengefügt wurden. Das Nutzpflanzenhaus erreicht nun eine Höhe von rund 8 Metern und wird mit dem großen Tropenhaus klimatisch zusammengefügt. Das Wüstenhaus hat ebenfalls eine Höhe von etwa 8 Metern. Es wird durch eine gläserne Trennwand klimatisch vom großen Tropenhaus getrennt.

© Thomas Banneyer
Nutzpflanzenhaus im Aufbau

Die dreiflügelige Anlage wurde durch das Planungsbüro Königs Architekten rund um zwei Naturdenkmäler geplant: um eine "Himalaya-Kiefer" im süd-östlichen Teils des Neubaus vor der künftigen neuen Orangerie sowie um die "Libanon-Zeder", die im denkmalgeschützten "Tropischen Hof" und damit genau zwischen den drei Flügeln des Neubaus stehen sollte. Tragischerweise ist die 150 Jahre alte Zeder in Folge von Gewittern mit heftigen Windböen und Starkregen umgestürzt. Sie hinterlässt nun eine große Lücke im planerischen Gesamterscheinungsbild der neuen Häuser. Eine Nachpflanzung eines oder mehrerer Bäume an selber Stelle bedarf aufgrund der besonderen Lage, der Bodenverhältnisse sowie der vorhandenen und zukünftigen klimatischen Bedingungen nun zunächst einer ausführlichen Planung. 

Spatenstich für den Neubau im November 2018

Oberbürgermeisterin Henriette Reker hat mit dem ersten, symbolischen Spatenstich im November 2018 den offiziellen Baubeginn eingeleitet. Mit dem nun beginnenden Rohbau werden die neuen Schaugewächshäuser nach eingehender Planung nun auch dreidimensional sichtbar. Planung und Bau werden rund 15,5 Millionen Euro kosten. In dieser Summe ist ein Risiko-Puffer von zehn Prozent enthalten wie er mittlerweile bei größeren Bauprojekten nötig ist.

Unterstützt wurden wir durch den Freundeskreis Botanischer Garten e. V.: Mit 380.000 Euro hat sich der Verein an den Planungskosten beteiligt und möchte auch die Anschaffung von Pflanzen, die bislang in Köln noch nicht zu sehen waren, sowie Ausstattungselementen unterstützen.

© Königs Architekten

Die neuen Schaugewächshäuser entstehen im Botanischen Garten an gleicher Stelle wie die vorherige Anlage und bei nahezu identischer Grundfläche. Sie sind jedoch fast doppelt so hoch. Die Gewächshäuser werden aus einem großem und einem kleinen Tropenhaus, einem Wüstenhaus samt tropischem Baumkronenweg sowie einem Wüstencanyon bestehen. Die Orangerie im Verbindungsgang zum bestehenden Subtropenhaus wird in den Rundgang integriert und bietet Platz für weitere Wechselausstellungen. Hier wird die bereits international prämierte Kamelien-Ausstellung erweitert.  

Wir realisieren einen Entwurf des Kölner Planungsbüros Königs Architekten. Es hat eine dreiflügelige Anlage samt Erlebnisrundweg ansteigend bis auf eine Höhe von 5,50 Metern in das Blätterdach sowie eine bogenförmige Dachform entworfen. Bevor der Baubeginn erfolgen konnte, mussten wir 5.000 Pflanzen auslagern, Bestandsbauten abbrechen sowie die Betriebsgarage und eine Wasseraufbereitungsanlage an anderer Stelle neu bauen.

Das Schaugewächshausensemble bekommt eine Stahl- und Glaskonstruktion in parabelförmigen Bögen. Speziell sind vor allem die Isolierverglasung mit Verbundsicherheitsglas, die integrierte UV-transparente Folie, der stützenfreie Innenraum sowie die geringen Stahlquerschnitte. Eine weitere technische Besonderheit ist "eine intelligente Mess- und Regelanlage zur Steuerung der sehr unterschiedlichen Anforderungen an die Klimabedingungen". Diese liegen in dem Nutzpflanzen- und Tropenhaus bei etwa 20 bis 25 Grad Celsius und 80 Prozent Luftfeuchte sowie im Wüstenhaus bei mindestens 12 Grad Celsius sowie 20 bis 50 Prozent Luftfeuchte.

Erzeugt wird dieses Klima mittels einer Heizungsanlage (CO2-neutrale Fernwärme) sowie Lüftungsklappen, die sowohl auf dem Dachfirst als auch auf der seitlichen Glaskonstruktion verteilt werden. Hinzu kommt eine Hochdruck-Befeuchtungsanlage, die für Verdunstungskälte sorgt, wie sie in den Tropen üblich ist.

© Königs Architekten

Die Innen- und die Außenlandschaft werden 2021 in Angriff genommen. 2022 soll die Anlage nach baulicher Fertigstellung an den Botanischen Garten übergeben werden. Maßgeblich für den Zeitpunkt des Wiedereinzugs der Pflanzen sind die Jahreszeiten. Die tropischen Gewächse können wir nur im Sommerhalbjahr von Mai bis September wieder zurück transportieren, die Wüstenpflanzen nur von April bis Oktober. Dann benötigen die Pflanzen eine mehrmonatige Anwachsphase. Parallel wird der Botanische Garten das neue didaktische Konzept für den Rundgang mit entsprechenden Elementen einrichten.

Historie und Zukunft

Die Flora mit dem sanierten Festhaus aus dem Jahr 1864 und der Botanische Garten von 1914 sind seit 1920 vereint. Die Tropenhäuser und ein Wüstenhaus wurden nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1950er Jahren in damals moderner Form wieder aufgebaut. Jedoch haben die neuen Schaugewächshäuser, die nun entstehen, nicht mehr viel mit ihren Vorgängerbauten gemein. Waren die allerersten historischen Pflanzenhäuser im 19. Jahrhundert meist dem Zutritt der "besseren Gesellschaft" vorbehalten, so wird die neue Anlage wie schon die bisherigen Häuser Erholung, Erlebnis und Bildung für alle Kölnerinnen und Kölner bieten.

Mit Faktenwissen, das bei der Bewältigung aktueller und kommender Herausforderungen - Stichworte: Klimawandel und nachhaltiges Wirtschaften - besonders wichtig ist.

90 Prozent der Pflanzenvielfalt wächst in den Tropen und Subtropen. Sehr viele alltäglich genutzte Produkte stammen aus tropischen Pflanzen und Plantagen, von Früchten über Palmöl bis zu Pflanzen für medizinische Zwecke. Zu ihrer nachhaltigen Produktion kann jeder beim Einkauf beitragen. Dazu bedarf es allerdings eines "Globalen Lernens" für Alle, das der Botanische Garten mit seinem neuen pädagogischen Konzept seinen rund 1,5 Millionen Besucherinnen und Besuchern (bisherige Zahlen) in dem Neubau näher bringen möchte. In der "Grünen Schule Flora" gewinnen Gäste und Schüler künftig sinnliche Eindrücke und praktische Einblicke in tropische Lebenswelten und gemeinsame Klimaziele. Hier kooperiert der Botanische Garten mit Kölns Klimapartnerstadt Yarinacocha in Peru.

Baubeginn mit dem symbolischen Spatenstich am 30. November 2018