Wie kam er ins Rheinische Bildarchiv?

1925 präsentierte das Rheinland drei Monate lang seine politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung in der "Jahrtausend-Ausstellung der Rheinlande". Es wurden etwa 10.000 Objekte gezeigt.

Darunter befand sich in der Abteilung B, Raum 68 zum Thema "Post" auch ein Kupferstich aus dem Reichspost-Museum Berlin. Der 187 x 272 Millimeter große Kupferstich mit einem Postboten wurde etwa um 1650 von dem Nürnberger Verleger Paul Fürst (1606-1666) veröffentlicht. Die formatfüllende Figur in Stiefeln, Hut und Mantel mit Botenschild und Botenspieß läuft in Sonnenschein, Regen und Schnee durch eine weitläufige Flusslandschaft. Am Horizont ist die Kölner Stadtsilhouette mit dem Kran auf dem noch nicht fertig errichteten Kölner Dom zu sehen.

Das darunter abgedruckte Gedicht thematisiert freundlich-ironisch den harten Arbeitsalltag, aber auch gelegentliche Ausflüchte und Verfehlungen der Postboten:

© Rheinisches Bildarchiv RBA 156321, 2020
Bild 1: Kupferstich um 1650, Invertiertes Digitalisat des Planfilmnegativs

 

"Durch Windt und Schnee ich armer Held 
Bey Tag bey Nacht lauff durch das Feld  
Kein Hitz des Sommers mich auff helt  
Des Winters scheu ich keine Kelt  
Nach dem ich einem Bottschafft bring  
Empfaht man mich wol oder gring  
Viel Newes und der Zeitung vil  
Ein iedere von mir wissen wil 
Was soll dan thun ich armer knecht 
Damit man mich nicht halt für schlecht  
Mus ich also fein warm und heiß 
Schmiden auch das so ich nicht weiß 
Kan mich auch wol accomodieren  
Vnd sagen was man gern thut hören
Das Trinckgeld offt im Würtshauß bleibt 
Des Weib und Kindt sich wenig frewt 
Wen ich dan schon lang hab grunnen  
So ist nichts dan blosse Kost gwunnen."

Die Präsentation dieses Kupferstichs in der Ausstellung veranschaulichte die lange Tradition mobiler Informationsvermittlung in Köln und dem Rheinland. Der Katalog zur Jahrtausend-Ausstellung erläuterte zu den Exponaten:

Die größern rheinischen Städte unterhielten schon im Mittelalter einen Botendienst, der in beschränktem Umfange auch dem Handel zur Verfügung stand. Seit etwa 1500 bediente sich zum Beispiel Köln schon zur Beförderung von Briefen nach Italien des Hauses Taxis. Dieses trat im 16. Jahrhundert im Rheinland immer mehr als öffentliche Post auf, zumal eine der ersten und wichtigsten kaiserlichen Linien, die nach den Spanischen Niederlanden das Rheinland schneiden mußte. Infolgedessen wurden auch Köln und Frankfurt bedeutende Knotenpunkte der Post. […]

Zu den Exponaten gehörten Modelle von Postkutschen und Postautos, aber auch

Bilder von Boten, Briefträgern und Postbeamten seit dem 14. Jahrhundert.

Ausdrücklich wird dort auch dem Reichspostmuseum für die Ausleihe von Modellen, Bildern und Urkunden aus den eigenen Beständen anlässlich der Ausstellung gedankt und darauf hingewiesen, dass Oberpostrat Stenz aus Köln im Auftrag der Oberpostdirektion Köln an diesem Ausstellungsraum mitgearbeitet habe (vergleiche Katalog der Jahrtausend-Ausstellung der Rheinlande in Köln 1925 (Mai bis August). Hg. von Wilhelm Ewald und Bruno Kuske. Köln 1925 (2. ergänzende Ausgabe), Seite 675-677).

© Rheinisches Bildarchiv
Bild 2: Positivkarton mit aufgezogenem und beschriftetem Barytabzug von dem verlorenen Glasnegativ
© Rheinisches Bildarchiv
Bild 3: Barytabzug auf Karton vom Planfilmnegativ
© Rheinisches Bildarchiv
Bild 4: Repro-Planfilmnegativ hergestellt anhand des Positivkartons in Bild 2

Beziehungen und Abhängigkeiten

Das Rheinische Bildarchiv besitzt ein 13 x 18 Zentimeter großes Planfilmnegativ (Bilder 1 und 4) und zwei beschriftete Baryt-Abzüge von diesem Kupferstich (Bilder 2 und 3).

Der Nürnberger Kupferstich selbst ist eine Kopie eines Kölner Kupferstichs von dem Stecher Theodor Holtmann. Letzterer war um 1615 von dem Kölner Verleger Gerhard Alzenbach (um 1590 bis nach 1672) herausgegeben worden. Er war ebenso für die Jahrtausend-Ausstellung aus dem Reichspostmuseum ausgeliehen worden. Von dem Kölner Kupferstich besitzt das Rheinische Bildarchiv ebenfalls eine Reproduktion (Bilder 5 bis 7).

© Rheinisches Bildarchiv RBA 156313
Bild 5: Invertiertes Digitalisat vom Repro-Planfilmnegativ
© Rheinisches Bildarchiv
Bild 6: Positivkarton mit Barytabzug von Glasnegativ Pl. 674, 1926
© Rheinisches Bildarchiv RBA 156313
Bild 7: Repro-Planfilmnegativ, 1977

Von der Jahrtausend-Ausstellung ins Rheinische Bildarchiv

Auf welchem Weg sind aber nun die Fotos der beiden Kupferstiche ins Rheinische Bildarchiv gekommen?

Recherchen in den verschiedenen Bestandsschichten des Rheinischen Bildarchivs und im Berliner Museum für Kommunikation enthüllen Weitergabe und Verluste und wie die Ereignisse anhand von modernen Museumsobjektdatenbanken rekonstruiert werden können:

1925 waren sechs Fotografen von der Stadt Köln damit beauftragt worden, in der Jahrtausend-Ausstellung Raum- und Objektaufnahmen anzufertigen. Es entstanden rund 6.000 Fotografien, die den Grundstock des 1926 gegründeten Rheinischen Bildarchivs bildeten. Der Kunsthistoriker Joseph Boymann, Schüler des Marburger Universitäts-Professors und Gründer des Marburger Bildarchivs Richard Hamann, besuchte die Jahrtausend-Ausstellung und bewarb sich auf Einladung von Wilhelm Ewald, dem Direktor des Historischen Museums in Köln, als Leiter dieses neuen Bildarchivs.

Auswertung verschiedener Archivmaterialien – eine spannende Detektivarbeit

Boymann ordnete es nach der topographischen Systematik, die er im Marburger Bildarchiv kennengelernt hatte und aus der sich das bis heute gültige Kölner Spezialschema als Archivstruktur entwickelt hat. Der älteste erhaltene Barytabzug befindet sich in einer Serie auf hellgrauem Karton aufgezogener Positive, die die Jahrtausend-Ausstellung dokumentierte. Er gehörte höchstwahrscheinlich zu den ganz frühen Abzügen, die den Nutzern des Rheinischen Bildarchivs schon kurz nach der Bildarchivgründung im eigenen Lesesaal im Rheinischen Museum in Köln-Deutz vorgelegt wurden. Der Positivkarton, auf den er aufgezogen wurde, ist auf der Rückseite mit dem kleinen runden Stempel "Rheinisches Museum – Bildarchiv – Stadt Köln" versehen. Diesen Namen trug das Museum nur bis zu seiner Umbenennung in "Haus der Rheinischen Heimat" 1936. Unter dem Baryt-Abzug ist eine alte, inzwischen durchgestrichene Signatur Pl. 695 notiert, sowie die RBA-Nummer 156 321. Der Positivkarton weist oben in schwarzer Tusche auf die Herkunft des Kupferstichs hin: "Reichspost-Museum". Eine Recherche in der Digitalen Objektdatenbank der Nachfolgeeinrichtung dieses Museums, der Museumsstiftung Post und Telekommunikation in Berlin, liefert einen Treffer:

Der Kupferstich ist dort mit der Inventarnummer 4.2001.331 verzeichnet und beschrieben, genauso wie der Kölner Kupferstich, der als Vorbild diente (Inventar-Nummer 4.2001.314). Die Information, dass die beiden Kupferstiche 1925 nach Köln ausgeliehen worden waren, ist in den Berliner Objektakten nicht überliefert.

Kupferstich "Der Neue Allamodische Postbot", um 1650, Verleger des Originals Paul Fürst, Nürnberg, Hersteller unbekannt
Kupferstich eines Fußboten mit Botenschild und Bogenspieß, um 1614, Verleger Gerhard Alzenbach, Köln, Hersteller Theodor Holtmann

Der Nürnberger Postboten-Kupferstich wurde 1977 für den Microfiche-Katalog "Marburger Index – Inventar der Kunst in Deutschland", in den rund 300.000 Fotografien aus dem Rheinischen Bildarchiv aufgenommen wurden, ausgewählt. Zu diesem Zeitpunkt war das Glasnegativ Pl. 695 anscheinend nicht mehr verfügbar. Deshalb wurde der Barytabzug – erkennbar an der knapp angeschnittenen Aufschrift Pl. 695 – von dem um 1926 entstandene Positivkarton auf 13 x 18 Zentimeter Planfilm abfotografiert und als RBA 156 321 archiviert.

Dem entspricht schlüssig der Inventarbucheintrag in das Inventarbuch 31, das im RBA für die bildarchivinterne Fotoproduktion von Januar 1977 bis Januar 1978 genutzt wurde. Nun wurde diese zweite fotografische Reproduktion ebenfalls als Barytabzug auf Karton aufgezogen, mit Schreibmaschine beschriftet und in die Kategorie "öffentliche Dienstleistungen" in den Microfiche-Katalog eingearbeitet als Microfiche mi11614 (Feld G10) (Bild 8).

Anders als auf dem ersten Positivkarton, der noch für zwei Fotografien aus der Jahrtausend-Ausstellung gemeinsam genutzt worden war, zeigt der jüngere Positivkarton nur noch die Reproduktion des Postboten-Kupferstichs, beschriftet als "Postbote vor den Toren Kölns". Es fehlt überraschenderweise der Hinweis auf das Reichspost-Museum, das als Provenienz auf dem älteren Positivkarton noch angegeben war. Anscheinend ist das Wissen um die Provenienz des Kupferstichs bei diesem Vorgang verloren gegangen. Auf dem jüngeren Positivkarton wurde nur noch "unbekannt" eingetragen.  

Genese zweier fotografischer Reproduktionen im Rheinischen Bildarchiv zwischen 1926 und 2020

© Rheinisches Bildarchiv/Dr. Johanna Gummlich

Im Verlauf der Vorbereitungen für den Umzug des Rheinischen Bildarchivs in den Neubau am Eifelwall gemeinsam mit dem Historischen Archiv Köln wird das Positivarchiv von November 2019 bis Ende 2020 gereinigt, auf seine Sortierung kontrolliert und neu verpackt. Hierbei fiel die Doppelung der Positivabzüge auf und konnte hinterfragt werden. Aus den verschiedenen Informationsschichten ergibt sich nun am Beispiel eines Postboten als Überbringer von Informationen wieder ein schlüssiges Gesamtbild von den Beziehungen bildlicher Informationsträger – also zwischen erstem und zweitem Kupferstich, den frühen Repro-Fotografien und ihren Derivaten in Form von Positivabzügen, Microfiche und Digitalisaten.

Die Reproduktionen der beiden Kupferstiche sind in der Bilddatenbank des Rheinischen Bildarchivs erfasst unter

Der Neue Allamodisch Postbot, 1650, Positivabzug eines Kupferstichs, Rheinisches Bildarchiv rba_d053197
Fußbote mit Botenschild und Botenspieß, Kupferstich, Reproduktion, Rheinisches Bildarchiv rba_d053213_01

Dr. Johanna Gummlich