NS-Dokumentationszentrum zeichnete Geschichte der Familie auf

Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegte am 30. November und 1. Dezember 2010 weitere 48 Stolpersteine in Köln. Zum Teil reisten Verwandte aus Israel und den USA an, auch einige Patinnen und Paten nahmen teil. Die Orte verteilen sich über die ganze Stadt, von Porz nach Rodenkirchen, von der Innenstadt über Sülz nach Nippes und Mülheim.

Für das jüdische Ehepaar Julius und Rosalie Nathan ließ Demnig in der Brüsseler Straße 104 zwei Stolpersteine im Bürgersteig ein. Das NS-Dokumentationszentrum konnte Ende der 1980er Jahre mit den Söhnen Herbert und Rudolf Nathan Kontakt aufnehmen und Interviews mit ihnen führen. Die Brüder stellten dem NS-Dokumentationszentrum viele Dokumente und Fotos der Familie zur Verfügung.

Geschichte der Familie Nathan

Julius Nathan, geboren 1882 in Mainz, arbeitete als kaufmännischer Angestellter. In erster Ehe war er mit Rosalie Rosendahl, geboren 1879 in Gangelt bei Aachen, verheiratet. Das Ehepaar hatte zwei Söhne: Herbert, geboren 1912 und Rudolf, geboren 1915.

Die Familie lebte in der Brüsseler Straße in einfachen, bürgerlichen Verhältnissen.

Die Söhne besuchten die städtische jüdische Volksschule in der Lützowstraße und absolvierten nach dem Schulabschluss eine kaufmännische Lehre. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten Anfang 1933 wurde die Situation der Familie rasch sehr schwierig, da Julius Nathan und seine Söhne als Juden kaum noch Arbeit fanden.

Die Brüder schlossen sich jüdischen Jugendvereinen an und planten ihre Emigration. Herbert konnte 1937 nach Palästina auswandern. Rudolf gelang die Auswanderung zunächst nicht.

Während des Pogroms im November 1938 wurde er verhaftet und in das KZ Dachau verschleppt. Kurz darauf entlassen, emigrierte er wenig später nach Dänemark. Als die deutschen Truppen das Land besetzten, flüchtete er nach Schweden. Nach Kriegsende kehrte er nach Dänemark zurück und lebte dort bis zu seinem Tod.

© Stadt Köln/NS-Dokumentationszentrum

Julius und Rosalie Nathan, die zunehmend verarmten, war eine Auswanderung aus finanziellen Gründen und aufgrund einer Erkrankung von Rosalie Nathan nicht möglich. 1939 begannen die NS-Behörden mit der Zusammenlegung der jüdischen Bevölkerung in bestimmten Stadtvierteln und in Häusern, die jüdische Eigentümerinnen oder Eigentümer hatten.

In Zusammenhang mit dieser Ghettoisierung wurden in mehreren Häusern sogenannte "jüdische Altersheime" eingerichtet, in die man alte und kranke Menschen zwangsweise einwies.

© Stadt Köln/NS-Dokumentationszentrum

Für die meisten von ihnen war es die letzte Wohnung vor der Deportation. Julius Nathan übernahm - vermutlich Ende 1939 - die Betreuung der Bewohnerinnen und Bewohner des "jüdischen Altersheims" Lützowstraße 39.

Rosalie Nathan starb im Juli 1941 im jüdischen Krankenhaus in Ehrenfeld. Im März 1942 heiratete Julius Nathan die jüdische Krankenschwester Else Lachs, geboren 1895 in Hochkirchen bei Düren. Bereits im Oktober und Dezember 1941 hatten die NS-Machthaber etwa 3.000 jüdische Frauen, Männer und Kinder aus Köln in die Ghettos Litzmannstadt und Riga deportiert.

Wahrscheinlich waren darunter auch Bewohnerinnen und Bewohner des "Altersheims" Lützowstraße 39. Julius und Else Nathan lebten 1942 im Ghettohaus St.-Apern-Straße 29-31. Von dort verschleppte man sie im Sommer/Herbst 1942 in das Ghetto Theresienstadt, später weiter in das KZ Auschwitz. Dort wurden sie ermordet.

Das einzige Foto des "jüdischen Altersheims"

Zu den Bildern, die die Söhne der Nathans dem NS-Dokumentationszentrum zur Verfügung gestellt haben, gehört auch ein Foto, das Julius und Rosalie Nathan inmitten der Bewohnerinnen und Bewohner des "Altersheims" Lützowstraße 39 zeigt.

Die Aufnahme stammt aus der Zeit zwischen Ende 1939 bis Anfang 1941 und ist bisher das einzige Foto, auf dem die Bewohnerinnen und Bewohner eines der "jüdischen Altersheime" zu sehen sind. Alle abgebildeten Frauen und Männer wurden verschleppt, sofern sie nicht vor Beginn der Deportationen verstorben waren.