Im Dickicht der Gassen: Die Kölner Altstadt

Unmittelbar am Rhein gelegen, durch schmale Giebel und hohe Schieferdächer gekennzeichnet, behauptet sich im Kölner Stadtbild ein Quartier eigener Art, dessen unverkennbar historisch anmutender Charakter sogleich hervorsticht. Dicht geschart stehen sie um das mächtige Turmmassiv der ehemaligen Benediktinerstiftskirche Groß Sankt Martin mit seinem Trikonchos herum. Vor allem innerhalb des Kölner Rheinpanoramas, seit Jahrhunderten von Künstlern bevorzugte Schauseite der Flussmetropole, bezeichnet jenes Viertel bis heute die historische Mitte der Stadt.

Eines muss gleich zu Anfang zugegeben werden: Jener Teil des Kölner Stadtgebietes, der durch den Titel "Altstadt" gleichsam den Charakter besonderer Ursprünglichkeit zugesprochen bekommen hat, macht insgesamt nur einen Bruchteil jener Fläche aus, über die sich seit Ende des 12. Jahrhunderts bis in das beginnende Industrie-Zeitalter das Kölner Stadtgebiet erstreckte.

Der gewaltige Mauerring, mit dem sich die immer mächtiger werdende Kommune gegen den Einfluss der erzbischöflichen Stadtherren zu behaupten verstand, gab der städtebaulichen Entwicklung Kölns das bestimmende Maß.

Groß Sankt Martin
Pfarrkirche Sankt Brigida
Stapelhaus
Martinsviertel
Weinhaus zum Walfisch
Die Stadt rückt wieder an den Rhein heran

Wahrzeichen des Quartiers: Groß Sankt Martin

Die Besiedlung konzentrierte sich auf das Gebiet der alten römischen Stadt, die vom heutigen Flussbett ein Rheinarm trennte, der eine ideale Voraussetzung für einen Hafen bot. Die dazugehörigen Magazinbauten ("horrea") sind nach dem Kriege im Zuge des langwierigen, erst Mitte der achtziger Jahre beendeten Wiederaufbaus von Groß Sankt Martin archäologisch erforscht und für die Öffentlichkeit erschlossen worden.

Mit diesem städtebaulich wie baugeschichtlich herausragenden Sakralbau ist die Entstehung der heutigen Kölner Altstadt engstens verbunden. Das von Erzbischof Bruno in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts begründete, machtvolle Benediktinerstift war - in schroffem Gegensatz zu den Baugewohnheiten des Ordens - von Anfang an Mittelpunkt eines volkreichen Quartiers, das an die Stelle des römischen Hafens mit seinen Nutzbauten trat.

Nach einem großen Stadtbrand im Jahre 1150 entstand sukzessive die staufische Basilika mit ihrem großartigen Vierungsturm. Eine eingehende Vorstellung von der baulichen Gestalt des mittelalterlichen Rheinpanoramas und damit insbesondere der Kölner Altstadt vermittelt die wohl schönste Ansicht der Kölner Flussfront überhaupt, der berühmte Holzschnitt "Große Ansicht von Köln" von Anton Woensam aus dem Jahre 1531, also kurz vor dem Erlahmen der produktiven Kräfte der Kölner Kunst. Woensam schildert das auch zur Stromseite mauerbewehrte, spätmittelalterliche Köln mit größter Detailtreue.

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Die Pfarrkirche Sankt Brigida - Nachbarin von Groß Sankt Martin

Wie in Köln üblich, so hat auch die Stiftskirche Groß Sankt Martin gleichsam als Satelliten für die seelsorgerliche Betreuung der Anwohner eine Pfarrkirche in unmittelbarer Nachbarschaft besessen: Sankt Brigida. Mit diesem sich direkt an das südliche Seitenschiff schmiegenden Bau bildete die Stiftskirche eine für das reichsstädtische Köln höchst charakteristische "Kirchenfamilie", wie sie sich nur noch im Falle von Sankt Cäcilien und Sankt Peter erhalten hat.

1984 erwarb die Pfarrei Groß Sankt Martin eine barocke Holzfigur dieser irischen Äbtissin, die ihrer Armenfürsorge wegen besondere Verehrung genoss. Die Säkularisation der Stifte und Klöster hatte zur Folge, dass die großen Stiftskirchen für den Pfarrgottesdienst bestimmt, dafür die einst dafür errichteten, kleineren Pfarrkirchen jedoch abgetragen wurden. Im modernen Köln erinnern noch vielfach Straßennamen wie die Christophstraße oder An den Dominikanern an den einstigen Standort der Pfarr- und Ordenskirchen. Westlich von Groß St. Martin verweist das Brigittengäßchen auf die ehemalige Pfarrkirche des Hafenviertels. Auch die Stiftsgebäude, die sich nördlich der Kirche um den Kreuzgang gruppierten, wurden als Folge der Säkularisation niedergelegt.

Das schöne romanische Stufenportal an der Nordkonche bildete einst den Zugang vom Kreuzgang zur Kirche. Durch Ketten verbundene Steine erinnern an die Ausmaße dieser einst stattlichen Anlage. Ermöglicht wurde dies durch die heutige, seit den 70er Jahren bestehende, von Joachim Schürmann entworfene Bebauung. Sie trägt mit ihren reich gegliederten Fassaden sowie der vielgestaltigen Dachlandschaft ebenfalls diesem historischen Umstand Rechnung und säumt eine eigens frei belassene Fläche. Auf dem solcherart gewonnenen Platz steht seit 1980 eine von Elmar Hillebrand geschaffene Bildsäule, die den Stiftspatron zu Pferde mit dem Bettler zu seinen Füßen zeigt.

Der damit verbundene Brunnen spielt auf die dort einst stehende Brunnenkapelle des Benediktinerstifts an. Die Benediktuskapelle an der Nordkonche erinnert an den Gründer des Ordens und damit an eine der Schlüsselgestalten der abendländischen Zivilisation.

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Das Stapelhaus, Symbol der Handelsmetropole

Die wirtschaftliche Nutzung des Rheinufers war im Mittelalter keineswegs aufgegeben worden. Woensams Meisterwerk weiß anschaulich davon zu erzählen, nicht zuletzt von den gebräuchlichen Typen der Rheinschifffahrt. 1558 bis 61 wurde dem Chor von Groß Sankt Martin das "Stapelhaus" vorgelagert, ein langgestreckter, zinnengeschmückter Bau in spätgotischen Formen, dem ein zierlicher Turm einen typisch kölnischen Akzent gab.

Solche Gebäude waren auch für die Köln wesensverwandten flämischen Handelsmetropolen typisch, so für Antwerpen. Der Bau diente Lagerzwecken und erinnerte an das Kölner "Stapelrecht" des Mittelalters, das für die Stadt eine Einnahmequelle bedeutete. Das Martinsviertel war seit jeher Kaufmannsquartier. Verschiedenartig erneuert, fiel der Bau den Bomben des Krieges zum Opfer und erhielt in den 60er Jahren einen schlichten Nachfolgebau in angepassten Proportionen mit kölntypischem Walmdach. Vom Altbau erhalten hatte sich allein noch der zierliche Turm.

Veränderungen und Zerstörungen ist das bezeichnenderweise "Martinsviertel" genannte Quartier immer wieder ausgesetzt gewesen. Dennoch hat sich wie in keinem anderen Viertel Kölns hier immer wieder das Bewusstsein durchgesetzt, dass gerade hier die Charakteristika bürgerlichen Bauens wenigstens in großen Zügen erhalten bleiben müssten. Nicht zuletzt galt dies für den westlich anschließenden Alter Markt, der wie kein anderer Altkölner Platz Gegenstand künstlerischer Darstellung gewesen ist. Kölns unvergessener Volkssänger Willy Ostermann (1876-1936) hat als genauer Beobachter des kölschen Milieus die "Hüßjer all am Aldermaat" in ihrer "kölschen Eijenaat" beschrieben.

Nicht umsonst ist ihm mitten im Martinsviertel 1939 ein Brunnen gewidmet worden, dessen Zentrum eine 1974 neu eingefasste steinerne Stele mit stark plastischen Darstellungen aus dem Kölner Karnevalsleben bildet, die im Zentrum von Ostermanns Liedern stehen. Gleichfalls bezeichnend ist der benachbarte, 1938 eingerichtete Standort des Kölner "Hänneschen"-Theaters, eines Stockpuppentheaters, dessen Repertoire Stücke in heimischer Mundart umfasst.

Sie sind demselben Milieu verpflichtet wie Ostermanns Lieder. Kaum eine andere deutsche Stadt dürfte ein derart farbiges Lokalkolorit in Gestalt von volkstümlichen Liedern und Figuren aufzuweisen haben wie Köln. Noch in jüngster Zeit ist dieser folkloristische Charakter durch Denkmäler aus der Welt des Kölner Volkslebens unterstrichen worden.

Der Bauunternehmer Jupp Engels ließ im Schatten von Groß Sankt Martin die "Schmitzsäule" errichten, wo sich Ubiermädchen und Römer zum Stelldichein getroffen und somit den Keim für das künftige Köln begründet hätten - eine scherzhafte Anspielung auf die lange historische Kontinuität städtischer Zivilisation an diesem Ort. Nicht weit davon begegnen die Besucherinnen und Besucher den 1974 von Wolfgang Reuter geschaffenen Bronzefiguren von "Tünnes und Schäl", Gestalten des in sogenannten "Krätzcher", kleinen Geschichten fortlebenden Kölner Witzes. Kölns beliebtestem Volksschauspieler, Willy Millowitsch, wurde erst 1992 vor dem Hänneschen-Theater auf dem Eisenmarkt eine Sitzstatue errichtet.

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Das Martinsviertel während der Nationalsozialistischen-Zeit

Entsprechen solche populären Institutionen in harmonischer Verbindung mit ihrer baulichen Umwelt nur zu sehr dem Klischee der rheinisch-fröhlichen Mentalität, so verbindet sich ihre Entstehung beziehungsweise Neueinrichtung mit den dunkelsten Jahren der kölnischen und deutschen Geschichte, der NS-Diktatur. Sein jetziges Aussehen verdankt das Martinsviertel erst den Sanierungsmaßnahmen der dreißiger Jahre. Bereits zuvor waren die sanitären Bedingung unhaltbar und das Viertel zu einem Problemfall für die öffentliche Sicherheit geworden, so dass schon Oberbürgermeister Konrad Adenauer die Sanierung erwog. Nach seiner Verjagung aus dem Amt übernahm die NS-Verwaltung auch hier die Regie.

Ab 1935 erhielt das Viertel zwei neue Plätze, den Ostermannplatz und den Eisenmarkt. Eine "Traditionsinsel" sollte entstehen und für die megalomanen Planungen im Stadtzentrum entschädigen, deren Verwirklichung der Krieg verhinderte. Immerhin erhielten die verbliebenen Gassen eine Bebauung, die der Kölner Bautradition weitgehend entsprach: Putzbauten mit Giebel- oder Walmdach mit Fenstereinfassungen in Haustein. Vielfach wurden nach Art von "Spolien" barocke Türrahmungen, zum Teil mit Rocaillen geschmückt, eingebaut, gleichfalls die sogenannten "Grinköpfe", als groteske Fratzen gestaltete Widerlager für die Kranbalken der auch als Warenlager dienender Kaufmannshäuser.

In der Salzgasse erinnert das Relief des germanischen Helden Siegfried mit den Drachen an den Sieg des Gesetzes über das Verbrechen nach NS Auffassung an den ideologischen Hintergrund. So war bereits vor dem Kriege die historische Substanz stark geschmälert. Dies war auch dort der Fall, wo sie mit den NS-Machthabern unliebsamen historischen Erinnerungen verbunden war: So wurde das Geburtshaus des in Köln 1807 zur Welt gekommenen Abgeordneten der Paulskirche von 1848 und Opfers der Wiener Reaktion, Robert Blum, abgetragen. Eine Tafel an der tuffverkleideten Mauer zu Füßen des Ostchores von Groß Sankt Martin erinnert daran.

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Das "Weinhaus zum Walfisch": Zeuge einer unwiederbringlich untergegangenen Welt

Zu den Bereicherungen des Quartiers, die im Zuge dieser Sanierung  immerhin anzuerkennen sind, zählt in der Salzgasse das ehemalige "Weinhaus zum Walfisch", das von der Tipsgasse hierher transloziert wurde. Bis tief ins 17. Jahrhundert hinein waren hier noch spätmittelalterliche Formen gebräuchlich: Staffelgiebel und hohe Kreuzstockfenster, welche das aus ökonomischen Zwecken hoch und licht gehaltene Erdgeschoss erhellten. Die  Balkendecken erhielten öfter einen reichen Stucküberzug, die die Balkenstruktur sichtbar beließen, die sogenannte "Kölner Decke".

Nur noch sehr wenige originale Exemplare haben sich erhalten, gleichfalls die hölzernen Spindeltreppen, die einstmals für Kölner Kaufmannshäuser typisch waren. Das "Weinhaus zum Walfisch" vermittelt von dieser unwiederbringlich untergegangenen Welt noch eine einprägsame Vorstellung, die hier nicht zuletzt aus touristischen Gründen gepflegt wird. In der Salzgasse, der Lintgasse sowie am Buttermarkt hat die nach dem Kriege erneuerte Bebauung einige Reste originaler Häuser einbezogen.

Unmittelbar hinter dem Eingang zur Lintgasse findet sich sogar eine - im alten Köln gar nicht so seltene - Fachwerkfassade. Der Nutzung durch Kunstgalerien kommt dieses stilsichere Ambiente sehr entgegen, wie bei einigen Adressen zu bemerken ist. Zu den wenigen originalen Häusern zählt das "Haus Delft" von 1620, das sowohl zum Buttermarkt als auch zur Frankenwerft mit seinen Kreuzstockfenstern sowie dem erneuerten Zinnenkranz die konservative Grundhaltung des Alt-Kölner Bürgerhauses verdeutlicht. Allein die erwähnten Türrahmen lassen bisweilen eine genauere Datierung zu, so finden sich unter den wenigen originalen Bestandteilen auch reizvolle Rokoko- und Louis-XVI- Dekorationen.

Im Kriege teilte das Martinsviertel das Schicksal der gesamten Stadt; allein sein Mittelpunkt, die Kirche Groß Sankt Martin, wurde bis zur Unkenntlichkeit zerstört. Immerhin konnte ein guter Teil der in den dreißiger Jahren erneuerten Substanz wiederhergestellt werden, wiewohl der Alter Markt bis auf das charakteristische Doppelhaus "Zur Bretzel" und "Zum Dorn" als typischer Vertreter des Alt-Kölner Hauses aus dem späten 16. Jahrhundert vollständig verlorenging. Der nördlich gelegene Komplex des "Hauses Brügelmann", erbaut in den fünfziger Jahren unter Einbeziehung eines gründerzeitlichen Kaufhauses, wurde einer tiefgreifenden Umwandlung unterzogen und in seinem Wohnwert sowie der städtebaulichen Wirkung gesteigert.

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Die Stadt rückt wieder an den Rhein heran

In den achtziger Jahren unternahm die Stadt gleichfalls große Anstrengungen, die Anziehungskraft des Rheinviertels zu steigern, wovon die Untertunnelung der Frankenwerft der weitaus wichtigste und folgenreichste Eingriff war. Die Stadt rückte wieder dicht an den Strom heran und gewann durch die Anlage des Rheingartens einen bedeutenden Zuwachs an gärtnerisch wie künstlerisch gestaltetem öffentlichen Raum.
Dem hügelartig ansteigenden, durch Treppen erschlossenen Gelände zwischen Dom und Museum einerseits und dem Rhein andererseits gab der israelische Künstler Dani Karavan zusammen mit dem Landschaftsarchitekten Peter Lutz ab 1981 eine eigene ästhetische Form, die  er hebräisch "Ma'alot" (aufsteigend) nannte.

Eduardo Paolozzi entwarf für den Rheingarten ein eigens skulpturales Ensemble, das sich aus Bronze, Steinquadern, Pflastersteinen und Wasser zusammensetzt. All diese umfangreichen Planungen gingen einher mit der Anlage des neuen Museumskomplexes für die traditionsreichen Sammlungen der Stadt, verbunden mit dem Konzertsaal der Philharmonie.

Auf diesem Wege wurde erreicht, dass sowohl die Geschichte der Stadt, als auch sein aktuelles Kulturleben wieder in enger Verbindung zur althergebrachten Lebensader Kölns, dem Rhein, erfahren werden können.

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