Stadt lud Expertinnen, Experten, Tafel e. V. und Verbände zum fachlichen Austausch ein

Der Ausschuss für Soziales und Senioren der Stadt Köln beschäftigt sich seit einiger Zeit mit dem Anstieg der Angebote von Suppenküchen und insbesondere der Verteilung von kostenlosen Lebensmitteln an Bedürftige in Köln. Die Verwaltung wurde aufgefordert, die Entwicklung einer Positionsbestimmung in dieser Frage zu unterstützen.

Aus diesem Grund hat die Stadt Köln am Donnerstagabend, 27. Januar 2011, eine Fachtagung in den HöVi-Räumen der St. Theodor Kirche in Köln-Vingst veranstaltet. Das Thema lautete: "Entwicklung von Suppenküchen und kostenloser Ausgabe von Lebensmitteln". An der Tagung nahmen Vertreterinnen und Vertreter der Stadt Köln, der Wohlfahrtsverbände, des Vereins "Tafel e. V." sowie als externer Fachmann Professor Dr. Stefan Selke, Professor für Soziologie an der Hochschule Furtwangen University und Leiter der Forschungsgruppe "Tafel-Monitor", teil.

Nach der Begrüßung durch Pfarrer Franz Meurer eröffnete die Beigeordnete der Stadt Köln für Soziales, Integration und Umwelt, Henriette Reker, die Veranstaltung und wies einführend darauf hin, dass neben dem sicherlich guten und hilfreichen sozialen bürgerschaftlichen Engagement, das diese Angebote trage, auch die gesellschaftlichen Auswirkungen zu betrachten seien.

In seinem Fachvortrag machte Professor Selke deutlich, dass kostenlose Lebensmittelausgaben nicht das Problem struktureller Armut in Deutschland beseitigen würden:

Wir sollten uns als Gesellschaft nicht angewöhnen, über die Beifahrertür einzusteigen, wenn die Fahrertür klemmt.

Armutslinderung sei keine Armutsbekämpfung, so Selke.

Wissenschaftliche Untersuchungen würden belegen, dass es für viele Nutzerinnen und Nutzer der Tafel in Deutschland normal sei, die kostenlosen Lebensmittel zu bekommen. Es bestehe die Gefahr einer Parallelgesellschaft der Bedürftigen. Das Beispiel der Tafelbewegung in den USA zeige darüber hinaus, dass die Tafeln die Tendenz hätten, immer mehr zu expandieren, statt daran mitzuwirken, dass kostenlose Lebensmittelausgaben für Bedürftige überflüssig würden und sie sich damit als Ziel selbst abschaffen. Vor diesem Hintergrund empfahl der Soziologe, Tafeln nicht mit öffentlichen Geldern zu unterstützen. Mit staatlichen Akteurinnen und Akteuren solle der Dialog gesucht werden.

Karin Fürhaupter, 1. Vorsitzende der Kölner Tafel e. V. stellte die Arbeit ihres Vereins vor, der 1995 gegründet wurde. Mittlerweile seien 80 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer im Einsatz. Mit sieben Kühlfahrzeugen hole man aus Supermärkten, Bäckereien, Molkereien sowie von Herstellerinnen und Herstellern die Produkte, die nicht mehr verkaufsfähig seien und beliefere damit wöchentlich insgesamt rund 180 Einrichtungen wie Kitas, Jugendzentren, Schulen, Asylheime, Frauenwohnheime und Sozialhäuser, so die Vereinsvorsitzende. Was man an Lebensmitteln bekomme, sei nicht planbar, sondern hänge von dem täglichen Angebot ab. Die kostenlos ausgeteilten Lebensmittel seien Obst und Gemüse, Molkereiprodukte, Backwaren, Getränke, Fleisch und Wurst, Süßwaren, Konserven et cetera. Im Kölner Stadtgebiet würde die Tafel 21 Ausgabestellen anfahren. Die Arbeit der Tafel finanziere sich durch Einnahmen aus Spenden, Bußgeldern, Mitgliedsbeiträgen und Sachspenden. Der Verein wolle seine Tätigkeit ausdehnen und suche insbesondere einen neuen größeren Standort, kündigte Fürhaupter an.

Clemens Zahn vom Caritasverband für die Stadt Köln e. V., der für die Arbeitsgemeinschaft der Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege in Köln sprach, zeigte auf, dass die Zahl der Lebensmittelausgaben in Köln in den letzten Jahren auf insgesamt 30 angewachsen sei. Selbstkritisch müsse man feststellen, daran habe die freie Wohlfahrtspflege auch ihren Anteil. Der ehrenamtliche Einsatz der vielen Bürgerinnen und Bürger sei in jeder Hinsicht zu würdigen. Allerdings würden die Ausgaben die Lage der Bedürftigen zwar lindern, nicht aber verändern, so Zahn. Für die vielen Ehrenamtlichen sei es sehr belastend, den Erwartungen der Bedürftigen bei der Lebensmittelausgabe angemessen zu entsprechen. Die Ausgaben sollten keine Dauereinrichtungen werden. Die Zahl der Ausgabestellen ständig auszuweiten, sei eine Sackgasse, sagte der Caritas-Vertreter und forderte, dass Transferleistungen existenzsichernd sein müssten. Die Infrastruktur der Tafeln solle nicht öffentlich gefördert werden. Die bestehenden Lebensmittelausgaben seien unbedingt mit Beratungsangeboten zu koppeln, um an den Ursachen der individuellen Problemlagen anzusetzen.

Die Sozialraumkoordinatorin Claudia Greven-Thürmer und der Sozialraumkoordinator Klaus-Martin Ellerbrock berichteten aus ihrer praktischen Erfahrung, dass Lebensmittelausgaben zwar bürgerschaftliches Engagement und Vernetzung in den Stadtteilen förderten, die soziale Spaltung aber erhalten bleibe und die Gefahr einer Stigmatisierung "armer Stadtteile" bestünde. Sie empfahlen unter anderem vielfältige Beratungsangebote für Bedürftige.

Zum Abschluss dankte Ossi Helling, stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Soziales und Senioren der Stadt Köln, allen Ehrenamtlichen in dem Bereich der Lebensmittelausgaben und sprach ihnen Anerkennung und Lob aus. Die Tagung habe gezeigt, dass sich ihre Arbeit in einem Spannungsfeld befinde zwischen anerkennenswertem Einsatz und kritischer Überprüfung des Systems. Die Diskussion werde auch von der Politik weitergeführt, die Tagung habe dafür viele Anregungen gegeben.

Stadt Köln - Amt für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit