Jury würdigt erzählerische Brillanz und Leichtigkeit der in Wien geborenen Schriftstellerin

Die Jury des Heinrich-Böll-Preises hat die in Wien geborene Schriftstellerin Eva Menasse als Trägerin des diesjährigen Heinrich-Böll-Preises der Stadt Köln ausgewählt. Die Sitzung fand unter dem Vorsitz von Oberbürgermeister Jürgen Roters statt. Er informierte anschließend die Autorin, die sich zurzeit in Italien aufhält, über die Entscheidung der Jury. Eva Menasse ist hocherfreut über die Auszeichnung. Sie empfinde es als Ehre, aus dem Kreis der herausragenden Kandidaten als Preisträgerin ausgewählt worden zu sein, so die Schriftstellerin.

Die Begründung der Jury lautet:

Verschlungen, schwer berechenbar und nur aus der Ferne als Ganzes erkennbar - wie lässt sich das Leben, der Mensch, die Frage nach der Identität in einer Zeit der zunehmenden Fragmentierung des Lebens einerseits und der Reizüberflutung eines World Wide Web-Daseins andererseits überhaupt noch definieren, geschweige denn erzählerisch gestalten? Es ist dies die große Aufgabe, der die Schriftstellerin Eva Menasse in ihrem dritten Roman "Quasikristalle" nachgegangen ist und der sie meisterhaft Ausdruck verliehen hat.

Die 1970 in Wien geborene und in einer Familie mit christlichen und jüdischen Vorfahren aufgewachsene Eva Menasse hat sich von Beginn an als zeitkritische Autorin inmitten unserer Gesellschaft positioniert, dies zunächst noch essayistisch in ihrem Buch "Der Holocaust vor Gericht" über den Holocaust-Leugner David Irving.

Mit ihrem fulminanten Romandebüt "Vienna" bewies Menasse ihr großes erzählerisches Talent, indem sie eine Wiener Familie vor dem Hintergrund europäischer Geschichte mit viel Humor und scharfer Beobachtungsgabe durch die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts schickte. In einer Art liebevoller Gnadenlosigkeit seziert Eva Menasse ihre Romanfiguren, scheut vor Tabuthemen ebenso wenig zurück wie vor Überspitzung, Erhöhung, bitterböser Ironie und Sarkasmus und doch führt sie keine ihrer Figuren vor, geschweige denn verrät sie.

Dem Credo eines Heinrich Böll, das große Ganze im Kleinen zu zeigen, vom Rand her zu erzählen, das Einzelschicksal quasi über den Tanzboden der Geschichte zu führen, folgt Eva Menasse nicht nur, sie erweitert es auch. In ihrem formvollendeten dritten Roman "Quasikristalle" fügt sie der Frage nach der Rolle des Einzelnen im gesellschaftlichen Kontext als Antwort einen erzählerischen Kunstgriff hinzu, der dem Menschen im 21. Jahrhundert in seiner Suche nach neuen Lebensmustern und -entwürfen Ausdruck verleiht.

In den erzählerischen Versuchsanordnungen, durch die Menasse den Leser bei allem Ernst auch mit Leichtigkeit und Humor zu führen weiß, gelingt es ihr, sowohl aktuelle Themen aufzunehmen und auszuleuchten als auch die Verletzlichkeit und Zartheit der so schnell verstreichenden Lebenszeit ins Bewusstsein zu rufen. Dass wir alle Kinder unserer Zeit sind, bedingungslos miteinander verbunden und doch mit offenen Schnittstellen, ja Wunden, jener Struktur der Quasikristalle gleichen - Eva Menasse hat bravourös den sprachlichen Ausdruck dafür gefunden. Verortet in der Zeit, Schmerz, Schuld und die Schattenseiten des Lebens nicht leugnend, entwirft Eva Menasse ein berührendes und aufrüttelndes Gegenwartspanorama, wobei sie, ganz wie Heinrich Böll, dem Leben seine Größe belässt und ihren Protagonisten - bei aller Bloßlegung - doch ihren Glanz und ihr Geheimnis.

Der mit 20.000 Euro dotierte Preis wird am Freitag, 22. November 2013, 18:30 Uhr, im Historischen Rathaus der Stadt Köln verliehen. Der Jury gehörten neben Oberbürgermeister Jürgen Roters und Vertretern aus Rat und Verwaltung als Fachjuroren Marcel Beyer, Professor Dr. Günter Blamberger, Liane Dirks und Dr. Hajo Steinert an.

Stadt Köln - Amt für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit