Festtag mit Empfang der Ehrengäste Seine Exzellenz Yakov Hadas-Handelsman, Botschafter des Staates Israel, und Botschafter a.D. Mordechay Lewy im Historischen Rathaus zu Köln

Vor 60 Jahren hatte die Mission des Staates Israel in Deutschland ihre Arbeit in Köln aufgenommen. Die Israel-Mission war eine Verwaltungseinrichtung Israels zur Abwicklung von Wiedergutmachungsleistungen. Grundlage war das Luxemburger Abkommen, woraufhin die Bundesrepublik Deutschland an den Staat Israel Waren als Aufbauhilfe leistete.

Zu diesem bedeutsamen Jubiläum hat Oberbürgermeister Jürgen Roters gemeinsam mit der Synagogen-Gemeinde Köln sowie der Botschaft des Staates Israel zu einem Festtag in Köln eingeladen.

Nach der feierlichen Enthüllung der Gedenktafel zur Israel-Mission am Jüdischen Wohlfahrtszentrum der Synagogen-Gemeinde Köln in Ehrenfeld empfing Roters die Ehrengäste im Historischen Rathaus zu Köln, wo sie sich in das Gästebuch der Stadt Köln eintrugen. Ganz besonders dankbar zeigte sich Roters dafür, dass auch fünf ehemalige Kölnerinnen und Kölner jüdischen Glaubens, die als Opfer des Nationalsozialismus seinerzeit das Land verlassen mussten, seiner Einladung zu diesem Empfang ins Rathaus gefolgt sind.

Im Anschluss daran fand in der Piazzetta des Historischen Rathauses eine Diskussion (Town Hall Meeting) zum Thema "Die Deutsch-Israelischen Beziehungen vor dem Hintergrund der Kölner Stadtgeschichte und der Städtepartnerschaft Köln - Tel Aviv-Yafo" statt. Auf dem Podium waren Roters, der israelische Gesandte Emmanuel Nahshon sowie drei Kölner Schülerinnen vertreten.

Die nachfolgend wiedergegebenen Reden und Vorträge würdigen dieses Jubiläum und spiegeln in eindrucksvoller Weise wider, wie eng und untrennbar die Kölner Stadtgeschichte mit den christlich-jüdischen und deutsch-israelischen Beziehungen verwoben ist.

Enthüllung der Gedenktafel "60 Jahre erste Mission des Staates Israel in Deutschland"

Ab Mai 1953 befand sich auf diesem Gelände der Synagogen-Gemeinde Köln die erste offizielle Mission des Staates Israel in Deutschland. Bis 1965 war die Mission an verschiedenen Kölner Standorten, bevor sie in die Botschaft des Staates Israel in Deutschland integriert wurde.

Die Reden

Rede von Abraham Lehrer, Vorstandsmitglied der Synagogen-Gemeinde Köln

© Yinon Shemaryahu
Abraham Lehrer, Vorstandsmitglied der Synagogengemeinde Köln

Kwod Harabanim, Sehr geehrter Herr Rabbiner Engelmayer, Schtrocks,
Kwod Ha'schagrir, sehr geehrter Herr Botschafter Hadas-Handelsman,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Roters,
geehrte Herren Botschafter a.D. Haas (1985-1990) und Spiegel,

Mitglieder des Deutschen Bundestages,
Mitglieder des Landtages,
Mitglieder des Rates und Vertreter der Kölner Parteien,

Stadtsuperintendent Domning,
liebe Frau Bartscherer, Vorsitzende des Katholikenausschusses,
Verehrte Vertreter aller anderen Kirchen und Religionsgemeinschaften, stellvertretend Frau Enayati, von der Bahai-Gemeinde,

Frau Hanna Sperling Vorsitzende des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Westfalen,
Herr Goldberg, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen,
die beiden Geschäftsführer des Landesverbandes Westfalen, Frau Prinz und Herr Johnen,
Vertreter der Jüdischen Nachbargemeinden,
Vertreter von Gescher La Massoret,

Alt-Bürgermeisterin Canisius und Professor Canisius,
für unsere Freunde vom NS-DOC Frau Becker Jakli,
Vertreter der Deutsch-Israelischen Gesellschaften,
unser Freund Dr. Ulrich Soenius von der IHK,
Professor Lämmer, Deutsche Sporthochschule Köln,
Herr Wiesselmann in Vertretung für Herrn Albers,
und zu guter Letzt meine Kollegen aus dem Vorstand und Gemeinderat der Synagogen-Gemeinde Köln,

liebe Freunde, liebe Gäste,

es freut mich sehr, dass Sie heute erschienen sind, um eines historischen Momentes zu gedenken. Vor 60 Jahren wurde hier in Köln in der Ottostraße der Grundstein der diplomatischen Beziehungen zwischen den Staaten Deutschland und Israel gelegt. Die nach der Shoa kaum für möglich gehaltene Diplomatie zwischen diesen beiden Ländern, die sich seitdem immer weiter verbessert hat, fand hier ihren Anfang mit der Israel-Mission, der ersten offiziellen Vertretung des Staates Israel in Deutschland.

Die offizielle Arbeitsaufnahme der Israel-Mission erfolgte im Mai 1953 und ging mit der Schließung des Konsulats in München einher. Mit Aufnahme ihrer Tätigkeit "hauste" die Mission zunächst für rund ein Jahr in diesen einfachen Räumlichkeiten, hier in der Ottostraße, dem vormaligen Jüdischen Krankenhaus. Die Außenwand, an der die Plakette gleich enthüllt wird, bestand bereits schon seinerzeit, sodass sie keinen besseren, authentischeren Platz hätte bekommen können.

Bis zum September 1959 war hier in der Ottostraße der Ort für die zurückgekehrten und hängengebliebenen Juden, sich zu treffen, gemeinsam zu beten und die Geschehnisse der Shoa ein wenig zu verarbeiten. Aber auch Hilfe für die notleidenden unter unseren Müttern und Vätern konnte man hier von seiner Gemeinde erhalten. So habe ich persönlich Kindheitserinnerungen an Gottesdienste und Chanukkafeiern in diesem Provisorium. Die Mitarbeiter der Mission haben so einige Male dazu beigetragen, einen Minjan - das Zehner Quorum für einen Gottesdienst - zu bilden, so berichtete mir Ernst Simons. Auch die Zusammenkünfte zu Purim und Chanukka waren Anlässe, an denen gemeinschaftlich gefeiert wurde. Seit der Einweihung der großen Synagoge in der Roonstraße sind bis heute im Block vorne rechts die ersten beiden Reihen mit Namensschildern "Botschaft des Staates Israel" beziehungsweise "Botschafter des Staates Israel" versehen. Immer wieder hat unser traditioneller Gottesdienst praktizierende Juden der Botschaft zu Shabbat oder den Feiertagen aus Bonn zu uns nach Köln geführt. Erst mit dem Umzug der Botschaft nach Berlin versiegte die Teilnahme von Mitarbeitern der Botschaft an unseren Gottesdiensten vollständig. Aber Juden sind sehr traditionsbewusst, also werden diese Schildchen wohl noch lange bleiben.

Was bedeuten aber diese Messingtäfelchen tatsächlich? Sie alle kennen den Satz "Die Juden in Deutschland haben eine besondere Beziehung zum Staat Israel". Er galt vor 65 Jahren, vor 45 Jahren, vor 25 Jahren, und auch heute noch hat er nichts von seiner Aussagekraft verloren. In Israel leben unsere Brüder und Schwestern, die uns absolut nicht gleichgültig sind. Innerhalb der Jüdischen Gemeinschaft Deutschlands gibt es unterschiedliche Positionen zur Politik einer Regierung dieser oder jener Couleur, aber der Staat als solcher steht nicht zur Debatte und ist kein Thema für Diskussionen. Israel war in der Vergangenheit Zufluchtsort für verfolgte Juden und wird es auch in der Zukunft immer bleiben. Als Beispiel seien hier die massiven Auswanderungswellen von Juden aus Frankreich oder der ehemaligen Sowjetunion genannt. Die Synagogen-Gemeine Köln, so kann ich als Vorstand versichern, und als Vertreter des Zentralrates der Juden kann ich sagen: die gesamte Jüdische Gemeinschaft in Deutschland steht unverbrüchlich an der Seite des Jüdischen Staates und wir unterhalten gute Kontakte nach Tel Aviv, Jerusalem oder anderen Orten in Israel. Viele unserer Mitglieder haben Verwandte, die dort leben. In den größeren Krisen macht man sich um seine Lieben Sorgen und es wird mitgefiebert, wie es den Angehörigen und Freunden ergeht. Daher ist der Nahe Osten mit seinen Fehlschlägen und kleinen Fortschritten immer ein interessantes Gesprächsthema.

So bereits auch vor 60 Jahren. Zunächst war die Israel-Mission lediglich eine Verwaltungseinrichtung des Staates Israel zur Abwicklung von Wiedergutmachungsleistungen. Grundlage für seine Einrichtung war das sogenannte "Luxemburger Abkommen" vom September 1952, auf Grund dessen die Bundesrepublik Deutschland an den Staat Israel Waren als Aufbauhilfe lieferte. Sie war eine dem israelischen Finanzministerium unterstellte "Handelsmission" (sogenannte Einkaufsdelegation) mit einem einzigen Auftrag, nämlich die Beschlüsse aus dem 1952 ratifizierten Abkommen verwaltungsmäßig zu begleiten. Erst nach langwierigen Verhandlungen führte die Mission dann auch eine Konsularabteilung, die dem israelischen Außenministerium unterstand.

Die Eröffnung der israelischen Mission in Köln im Jahr 1953 geschah unter der Leitung von Dr. Felix Eliezer Shinnar. Seine diplomatische Mission war die Aufrechterhaltung eines produktiven Dialogs mit der deutschen Regierung. Da die beiden Staaten erst 1965 diplomatische Beziehungen aufnahmen, besaßen die Mission und ihre Mitarbeiter zunächst offiziell keinen diplomatischen Status. Daher war Herr Dr. Shinnar kein "richtiger" Botschafter, wenngleich ihm von seiner Regierung der persönliche Rang eines Botschafters bereits verliehen war. Trotzdem war Shinnar von Beginn an um die Pflege guter Beziehungen bestrebt und legte immer großen Wert auf diplomatischen Umgang miteinander, sodass eine Art faktische Botschaft entstand.

Damit ebnete er den Weg für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel und nach der Auflösung der Mission im Mai 1965 für den ersten israelischen Botschafter Asher Ben-Natan. Vor diesem Hintergrund freut es mich umso mehr heute auch den derzeitigen israelischen Botschafter der Bundesrepublik Deutschland bei uns begrüßen dürfen, Herrn Hadas-Handelsman, der ohne diese positive Historie hier nicht stehen würde.

Köln war schon oft ein Ort, an dem historische Grundsteine für die Entwicklung Israels oder seinen Beziehungen zu Deutschland gelegt wurden (zum Beispiel der Schul- und Jugendaustausch mit Tel-Aviv oder die erste national-jüdische Vereinigung unter der Führung von Max Bodenheimer), so auch 1953 hier in der Ottostraße. Ich freue mich mit Ihnen, liebe Gäste - und insbesondere mit Ihnen, Herr Oberbürgermeister Roters als oberstem Vertreter unserer bedeutungsvollen Stadt - die Enthüllung der Plakette zu feiern.

Vielen Dank für Ihr Kommen!

Es gilt das gesprochene Wort.

Rede von S.E. Yakov Hadas-Handelsman, Botschafter des Staates Israel

© Israelische Botschaft Berlin
S.E. Yakov Hadas-Handelsman

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Roters,
sehr geehrter Herr Lehrer,
sehr geehrte Rabbiner,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

heute bin ich zu Ihnen aus der Botschaft des Staates Israel - aus der deutschen Hauptstadt Berlin - nach Köln gekommen. Und ich bin sehr gerne gekommen, an diesem Tag, an dem wir an etwas erinnern, das sechzig Jahre zurückliegt: an die Eröffnung der ersten offiziellen Vertretung des Staates Israel in Deutschland überhaupt - hier in Köln.

Heute kommt es uns fast selbstverständlich vor, dass wir stabile und vertrauensvolle diplomatische Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern haben. Doch Tage wie dieser zeigen uns, dass von Selbstverständlichkeit keine Rede sein kann. Das Ende des Zweiten Weltkriegs und das Ende der Shoa liegen erst 68 Jahre zurück. Gemessen an der Geschichte ist das eine sehr kurze Zeit. Durch die Shoa sind unsere Völker für immer miteinander verbunden. Und vor diesem Hintergrund vertiefen wir heute unsere Zusammenarbeit und Freundschaft, wir betonen unsere gemeinsamen Werte und Ziele und wir gestalten gemeinsam die Zukunft.

Mit der Enthüllung der Gedenktafel für die erste Mission des Staates Israel in Deutschland erinnern wir an den Beginn dieser Entwicklung. Wir erinnern daran, dass es noch im Schatten der Katastrophe der Juden in Europa möglich war - nach der Übernahme der moralischen Verantwortung für die Shoa durch die Bundesrepublik Deutschland und durch die Demonstration geistiger Stärke durch den Staat Israel als Repräsentant des jüdischen Volkes - in einen direkten Dialog zu treten.

Nein, selbstverständlich war das nicht. Damals stand noch in jedem israelischen Reisepass der Vermerk: "Gilt für alle Länder mit Ausnahme Deutschlands". Es war für Israelis verboten, nach Deutschland zu reisen. Auch noch zu der Zeit, als die Israel-Mission in Köln eröffnet wurde. Der Anfang hier in Köln war schwer, doch es war ein Anfang. Israelis und Deutsche machten hier die ersten vorsichtigen Schritte auf einem Weg, der mich als Botschafter des Staates Israel letztlich heute wieder von Jerusalem über Berlin hierher an diesen Ort geführt hat. Die Mitarbeiter der Israel-Mission in Köln haben vor sechzig Jahren echte Pionierarbeit geleistet. Sie waren Wegbereiter für vieles. Auch daran werden wir denken, wenn im Jahr 2015 Deutschland und Israel den 50. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen feiern. Vielen Dank.

Es gilt das gesprochene Wort.

Rede von Jürgen Roters, Oberbürgermeister der Stadt Köln

© Synagogen-Gemeinde
Oberbürgermeister Jürgen Roters

Exzellenz, sehr geehrter Herr Botschafter Hadas-Handelsman,
sehr geehrter Herr Lehrer,
sehr geehrter Herr Gesandter Nahshon,
sehr geehrte Mitglieder der Synagogen-Gemeinde Köln,
sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Verwaltung,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

es ist ein wahrlich wunderbarer Anlass, der uns heute hier zusammenbringt: „60 Jahre erste Mission des Staates Israel in Deutschland" - wunderbar im doppelten Sinne des Wortes.

Denn es war ein Wunder, dass der Staat Israel sich bereits wenige Jahre nach der Shoah, im Mai 1953, entschied, in der Bundesrepublik Deutschland eine Mission einzurichten; diese war hier in der Ottostraße 85, mitten in Köln, am damaligen Zentrum der Synagogengemeinde und heutigen Sitz des jüdischen Wohlfahrtszentrums.

Und es ist wunderbar, wie freundschaftlich eng und vertrauensvoll sich seitdem die Beziehungen zwischen unseren beiden Völkern und Staaten entwickelt haben.

Die Geschichte zwischen unseren beiden Völkern ist nicht Vergangenheit. Sie bleibt Gegenwart. Wenn wir heute mit der Enthüllung einer Gedenktafel an die Einrichtung der ersten Mission des wenige Jahre zuvor gegründeten Staates Israel erinnern, blicken wir nicht nur zurück. Wir verabreden uns auch auf die vor uns liegende gemeinsame Zukunft, in der das Existenzrecht des Staates Israel in der internationalen Völkergemeinschaft hoffentlich bald so selbstverständlich sein wird wie das Existenzrecht jedes anderen Mitglieds der Vereinten Nationen auch.

Meine Damen und Herren,
in wenigen Städten sind die wechselvollen Beziehungen zwischen Christen und Juden, zwischen Deutschland und Israel so sehr in die Stadtgeschichte eingewoben wie in Köln.

Unsere Stadtgeschichte dokumentiert die Phasen des friedvollen und fruchtbaren Zusammenlebens ebenso wie die dunklen Phasen der Verfolgung und Vertreibung bis hin zum dunkelsten Kapitel: der Vernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland.

Auch dieses Gebäude zeugt davon. Am 19. Februar 1908 wurde es als israelitisches Krankenhaus und Altersheim eingeweiht. Von Anfang an war es offen für Menschen aller Konfessionen. Zeitweise war das Krankenhaus bis zu 80 Prozent mit nicht-jüdischen Patienten belegt. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten setzte dieser durch und durch menschlichen Geisteshaltung und Praxis ein jähes Ende. Wegen des unmittelbar einsetzenden antisemitischen Boykotts verlor das Krankenhaus binnen weniger Wochen fast die Hälfte seiner Patienten. Systematisch wurde es seiner wirtschaftlichen Grundlagen beraubt.

Im Juni 1942 beschlagnahmten die städtischen Behörden schließlich das Asyl komplett. Sie ließen es zwangsräumen, um die Patienten des städtischen Krankenhauses, das am Tag zuvor bei einem Bombenangriff zerstört worden war, hierher zu verlegen. Im Rassenwahn waren menschliche Leben als unterschiedlich lebenswert definiert worden.

Die Patienten wurden in Holzbaracken im Lager Müngersdorf untergebracht. Eine ausreichende medizinische Versorgung war dort praktisch nicht mehr möglich. Viele kranke und alte Menschen starben als Opfer dieser rassistischen Politik.

Im selben Monat erfolgte die erste große Deportation von Kölner Juden nach Theresienstadt. Unter den von den Nazis deportierten und ermordeten Juden waren auch zahlreiche Patienten, Bewohner und Mitarbeiter des Israelitischen Asyls.

Bereits wenige Wochen nach der Befreiung vom Nationalsozialismus wurde die Liegenschaft der jüdischen Gemeinde zurückgeben; sie hatte bis zur Wiedereröffnung der Synagoge an der Roonstraße hier in der Ottostraße ihren ersten offiziellen Sitz und gab zahlreichen jüdischen Überlebenden eine erste Notunterkunft.

Heute, so können wir mit Stolz sagen, zählt das Jüdische Wohlfahrtszentrum wieder zu den innovativsten jüdischen Sozialeinrichtungen und die jüdische Gemeinde zu den größten in Deutschland.

Meine Damen und Herren,
in zwei Jahren feiern wir das 50-jährige Jubiläum der Aufnahme offizieller diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland. Selbstverständlich auch in Köln.

Denn viele der Grundsteine für diese Beziehungen wurden in Köln gelegt. Zahlreiche Kölner Persönlichkeiten, insbesondere auch junge Menschen, haben dazu wichtige Beiträge geleistet. Im Vortrag, den Herr Lewy im Rahmen des Empfangs im Rathaus halten wird und auf den ich mich ebenso sehr freue wie auf das Town Hall Meeting mit Herrn Gesandten Nahshon und Kölner Schülerinnen und Schülern am Nachmittag, werden wir dazu sicherlich noch mehr erfahren und ausführlicher sprechen können.

Bleibt mir zum Schluss zu danken:

Zuallererst Ihnen, sehr geehrter Herr Botschafter Hadas-Handelsman, dafür, dass Sie die Initiative ergriffen haben, mit einer Gedenktafel an die Anfänge der diplomatischen Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern zu erinnern. Ich danke Ihnen auch dafür, dass Sie einmal mehr nach Köln gekommen sind, um diesen geschichtsträchtigen Moment mit uns persönlich zu feiern.

Mein Dank gilt auch Ihnen, sehr geehrter Herr Lehrer, sowie dem gesamten Vorstand und allen Mitgliedern der Synagogengemeinde dafür, dass Sie diese Initiative von Anfang an mit so großem Engagement unterstützt haben.

Es gilt das gesprochene Wort.

Empfang im Historischen Rathaus zu Köln mit Eintragung ins Gästebuch der Stadt

Begrüßung Oberbürgermeister Jürgen Roters

Exzellenz, sehr geehrter Herr Botschafter Hadas-Handelsman,
sehr geehrter Herr Lehrer,
sehr geehrter Herr Lewy, sehr geehrte Frau Lewy,
sehr geehrte Mitglieder der Synagogen-Gemeinde Köln,
sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Verwaltung,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

nachdem viele von Ihnen bereits an der feierlichen Enthüllung der Gedenktafel teilnehmen konnten, die an die Einrichtung der ersten Mission des Staates Israel in der Bundesrepublik Deutschland vor 60 Jahren erinnert, freue ich mich, Sie nun auch hier im Historischen Rathaus zu Köln begrüßen zu können. Ganz besonders freue ich mich, dass Sie, sehr geehrter Herr Botschafter Hadas-Handelsman, ein weiteres Mal den Weg nach Köln gefunden haben. Herzlich willkommen in Köln!

Meine Damen und Herren,

hier in Köln nahmen die diplomatischen Beziehungen zwischen dem noch jungen Staat Israel und der ein Jahr jüngeren Bundesrepublik Deutschland im Mai 1953 ihren Anfang. Zwölf Jahre lang war Köln Sitz der offiziellen Repräsentanz des Staates Israel - von 1953 bis zur Aufnahme offizieller diplomatischer Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern am 12. Mai 1965 und der Eröffnung der israelischen Botschaft wenige Monate später in Bonn.

Wer hätte damals zu träumen gewagt, wie freundschaftlich, wie eng und vertrauensvoll sich die Beziehungen zwischen unseren beiden Völkern und Staaten nach dem Zivilisationsbruch der Shoah entwickeln würden?

Viele junge Israelis zieht es heute nach Berlin. Wieso gerade nach Berlin, könnte man fragen, wieso gerade an den Ort, von dem aus die Völkermordverbrechen der Nazis geplant und gesteuert wurden? Auch wenn ich es natürlich viel lieber sähe, dass junge Israelis nach Köln statt Berlin reisen, so sehr wird es uns gemeinsam freuen, wie selbstverständlich solche Kontakte inzwischen geworden sind.

Hierzu passt, dass der Kölner Tom Franz im Januar dieses Jahres mit einem urkölschen Gericht im israelischen Fernsehen den Kochwettbewerb "Masterchef" gewann: Mit koscheren Reibekuchen wurde er in seiner neuen Heimat zum Star. Sein Herz für Tel Aviv und Israel hatte Tom Franz als 15-Jähriger bei einem Schulaustausch entdeckt.

Dass ein Schulaustausch solche überdauernden Früchte trägt, hätten wohl auch die beiden Schuldezernenten Johannes Giesberts und Shaul Levin kaum zu hoffen gewagt, als sie im Jahr 1960 den Schulaustausch zwischen Köln und Tel Aviv begründeten - den ersten Schul- und Jugendaustausch zwischen einer deutschen und israelischen Stadt überhaupt. Heute Nachmittag werden wir darüber mit Kölner Schülerinnen und Schülern ausführlicher sprechen können.

Die Beispiele zeigen:

Die Geschichte zwischen unseren beiden Völkern ist nicht Vergangenheit. Sie bleibt Gegenwart. Aber sie trennt nicht, sondern verbindet uns. Besonders dankbar bin ich in diesem Zusammenhang darüber, dass auch fünf ehemalige Kölnerinnen und Kölner, die als Opfer des Nationalsozialismus seinerzeit unser Land verlassen mussten, heute meine Einladung zu diesem Empfang angenommen haben. Als Zeitzeugen sind vier von ihnen momentan Gäste des Lern- und Gedenkortes Jawne. Sie alle verbindet die Flucht mit einem der Kindertransporte. Ich begrüße Sie sehr herzlich, liebe, verehrte Frau Henny Franks, Lore Robinson und Margot Showman ebenso wie Sie, sehr geehrter Herr Ernest Kolman. Wie schön, dass zeitgleich auch Sie, liebe, verehrte Frau Ruth Fluss, mit Ihrer Familie in Köln zu Besuch sind. Ich freue mich sehr, dass ich Sie ebenso wie Sie, liebe Henny Franks, heute wiedersehe - und das schon ein Jahr, nachdem Sie meine Gäste hier in Köln waren.

Meine Damen und Herren,

ich habe es schon heute Vormittag gesagt und wiederhole es hier gerne noch einmal: Wenn wir heute an die Eröffnung der ersten Israel-Mission in Deutschland vor 60 Jahren erinnern, blicken wir nicht nur zurück; wir verabreden uns auch auf die vor uns liegende gemeinsame Zukunft, in der das Existenzrecht des Staates Israel in der internationalen Völkergemeinschaft hoffentlich bald so selbstverständlich sein wird wie das Existenzrecht jedes anderen Mitglieds der Vereinten Nationen auch.

In zwei Jahren, meine Damen und Herren, feiern wir das 50-jährige Jubiläum der Aufnahme offizieller diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland - selbstverständlich auch in Köln.

Denn viele der Grundsteine für diese Beziehungen wurden hier in Köln gelegt. Die Kölner Stadtgeschichte ist in vielerlei Hinsicht ein Spiegelbild der wechselvollen Geschichte zwischen Christen und Juden sowie Israelis und Deutschen.

Köln ist bekanntlich Sitz der ältesten, schriftlich dokumentierten jüdischen Gemeinde nördlich der Alpen. Über viele Jahrhunderte war die Stadt ein Zentrum deutsch-jüdischer Kultur und Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts Sitz wichtiger zionistischer Organisationen. Erinnert möchte ich nur an Max Bodenheimer und David Wolffsohn, die 1983 den Kölner Verein zur Förderung von Ackerbau und Handwerk Palästina gründeten; dieser sammelte auch die ersten Gelder für die Gründung Tel Avivs.

Das vom ersten Zionistischen Weltkongress 1897 verabschiedete Basler Programm beruhte im Wesentlichen auf Bodenheimers Kölner Thesen. Wolffsohn hatte für den Kongress das Logo entworfen, das nach der Gründung des Staates Israel 1948 zur Nationalflagge werden sollte: der blaue Davidstern.

Mit berechtigtem Stolz können wir also sagen, dass Kölner Persönlichkeiten der Gründungsidee des Staates Israel wichtige Impulse gaben. Die engen städtepartnerschaftlichen Beziehungen zwischen Tel Aviv-Yafo und Köln halten dieses Erbe lebendig und tragen es weiter.

Köln ist stolz auf seine 2000-jährige Geschichte. Köln ist stolz auf seine römischen, germanischen und christlichen Wurzeln. Köln ist stolz, von Anfang an die Heimat von Menschen vieler Herkunftsländer und damit entsprechend weltweit vernetzt zu sein. Unsere Museen zeugen davon.

Wie stark Köln von Anfang an auch und gerade von Menschen jüdischen Glaubens geprägt wurde, ist in den gegenwärtigen Erzählungen leider wenig präsent. Die Vernichtung der europäischen Juden durch das NS-Regime hatte den Erzählfaden zerschnitten. Und es scheint, als wären wir noch immer eher dabei, unserer gemeinsamen geschichtlichen Bande zu suchen und langsam wiederzufinden.

Umso mehr freue ich mich, dass sich die Stadt Köln und der Landschaftsverband Rheinland dazu entschieden haben, den Bau des lang geplanten Jüdischen Museums endlich Wirklichkeit werden zu lassen. Dies findet direkt vor unserem Rathaus statt, denn hier, an diesem Ort, war über viele Jahrhunderte das Zentrum jüdischen Lebens in Köln.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Archäologische Zone und das Jüdische Museum nicht nur ein touristischer Anziehungspunkt par excellence werden; sie werden uns hier in Köln und der Region auch einen wesentlichen Teil unserer eigenen Geschichte und Identität wiederentdecken und bewahren lassen.

Im Vortrag, den Herr Lewy gleich halten wird und auf den ich mich ebenso sehr freue wie auf das Town Hall Meeting mit Herrn Gesandten Nahshon und Kölner Schülerinnen und Schülern heute Nachmittag, werden wir über diese unsere gemeinsame Gesichte sicherlich noch mehr erfahren und ausführlicher sprechen können.

Ich möchte nun Sie, sehr geehrter Herr Botschafter Hadas-Handelman, und Sie, sehr geehrter Herr Lewy, sowie Sie, sehr geehrter Herr Lehrer, bitten, sich ins Gästebuch der Stadt Köln einzutragen.

Es gilt das gesprochene Wort.

Festrede S.E. Yakov Hadas-Handelsmann, Botschafter des Staates Israel

© Israelische Botschaft Berlin
Porträt S.E. Yakov Hadas Handelsman

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Roters,
sehr geehrte Rabbiner,
lieber Motti Lewy,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Israel-Freunde,

vor einigen Wochen haben wir unsere Bibliothek in der Botschaft aufgeräumt. Und dabei fanden wir einige Bücher mit interessanten Stempeln. In einem stand zum Beispiel: Israel-Mission, Köln. Und direkt darunter: Botschaft des Staates Israel, Bonn-Bad Godesberg.

Heute stehen diese Bücher in der Bibliothek der israelischen Botschaft in Berlin. Sie sind mit uns durch Deutschland gereist. Sie könnten Geschichten erzählen. Und sie sind Teil der Geschichte der deutsch-israelischen Beziehungen.

Meine Damen und Herren,

es freut mich sehr, dass wir heute gemeinsam hier in Köln eine Gedenktafel für die erste Mission des Staates Israel in Deutschland einweihen. Für uns ist es wichtig, an diesen historischen Moment vor sechzig Jahren zu erinnern. Ganz besonders, da der Ort des Geschehens Köln ist.

Die Stadt Köln, mit ihrer jahrhundertelangen Geschichte reich an jüdischem Leben und jüdischer Kultur - aber auch als Ort von Entrechtung, Verfolgung, Zerstörung und der Ermordung der jüdischen Bevölkerung.

Köln hat heute ein Besuchsprogramm für ehemalige jüdische Bürger, die in den Jahren des Naziterrors aus der Stadt fliehen mussten. Auch heute sind einige von ihnen unter uns. Der Oberbürgermeister hat Sie namentlich begrüßt. Auch ich freue mich sehr, dass Sie heute hier sind.

Meine Damen und Herren,

hier in Köln begann nur acht Jahre nach dem Ende der Shoa die Pionierarbeit der ersten israelischen Vertretung in Deutschland - der Israel-Mission. Die Gespräche damals waren nicht einfach. Die Atmosphäre war wohl manches Mal nahe am Gefrierpunkt. Und bedenken Sie, dass damals noch in jedem israelischen Reisepass der Vermerk stand: "Gilt für alle Länder mit Ausnahme Deutschlands." Es war für Israelis verboten, nach Deutschland zu reisen. Auch noch zu der Zeit, als die Israel-Mission in Köln eröffnet wurde.

Der Anfang hier in Köln war schwer, doch es war ein Anfang. Und schauen Sie, wo wir heute sind! Von hier aus nahm die Entwicklung der deutsch-israelischen Beziehungen ihren Lauf.

Am Beispiel von Köln lässt sich gut darlegen, was die deutsch-israelischen Beziehungen heute ausmacht. Der persönliche Einsatz von Menschen in Köln und Tel Aviv führte dazu, dass beide Städte schon im Jahr 1960 eine Jugendbegegnung organisierten - fünf Jahre bevor es offizielle politische Beziehungen gab. Aus diesem Jugendaustausch ging dann im Jahr 1979 die Städtepartnerschaft Köln - Tel Aviv-Yafo hervor. Wie wir wissen, ist es über all die Jahre eine sehr lebendige Städtepartnerschaft geblieben!

Meine Damen und Herren,

die persönlichen Begegnungen zwischen den Menschen in unseren beiden Ländern sind das, was zählt - sei es nun im Bereich Kultur, Sport oder Wissenschaft. Oder im Rahmen des Jugendaustauschs oder einer Städtepartnerschaft.

Damit es diese Begegnungen gibt, brauchen wir engagierte Menschen. Ich möchte die Gelegenheit nutzen um Ihnen allen, die hier versammelt sind, für Ihren Einsatz und Ihr Engagement in den vergangenen Jahrzehnten herzlich zu danken!

Auch in Zukunft müssen wir die Bürger und die Organisationen, die sich im Sinne der deutsch-israelischen Begegnung und der Freundschaft engagieren, weiter unterstützen.

Am wichtigsten ist es, die junge Generation in beiden Ländern mit einzubeziehen. Es ist ihre Aufgabe, nicht zu vergessen, die Gegenwart zu gestalten und die Zukunft gemeinsam zu planen.

Wenn ich an die Feiern zum fünfzigsten Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel im Jahr 2015 denke, bin ich sicher, dass auch von Köln wichtige Impulse ausgehen werden.

Denn auch wenn wir am heutigen Tag gemeinsam zurückblicken in die Vergangenheit - so blicken wir doch gleichzeitig mit Optimismus und Elan in die Zukunft.

Vielen Dank.

Es gilt das gesprochene Wort.

"Von Jerusalem nach Köln und zurück - Meilensteine einer bewegten Beziehung" Vortrag von Mordechay Lewy, Botschafter a.D.

© ROMANO SICILIANI
Mordechai Lewy, Botschafter des Staates Israel a.D.

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Roters,
sehr geehrter Herr Botschafter Hadas-Handelsmann,
sehr geehrter Herr Lehrer,

heute waren wir Zeugen der Enthüllung einer Tafel die Erfreuliches zu zelebrieren hatte. Wir gedachten des Anfangs einer wunderbaren Freundschaft, auch wenn die ersten Schritte traumatisch belastet waren. Seitdem haben sich die Beziehungen zu einem engen, ja intimen Verhältnis fortentwickelt. Wer hätte es damals gedacht? Ich möchte heute vier für Köln relevante Meilensteine beleuchten, die unsere historische Perspektive bereichern. Beginnend mit den Anfängen der Jüdischen Präsenz in Köln werde ich dann Köln als frühzionistische Hochburg umschreiben. Drittens wird die diplomatische Arbeitsumgebung der Israel-Mission skizziert und, last but not least, werde ich den Beitrag Kölns zur Annäherung würdigen.

Von Jerusalem nach Köln:
Ein Dekret Kaiser Konstantins aus dem Jahre 321 (nach Christus), das an die Stadträte in Köln gerichtet war, bezeugte die früheste jüdische Präsenz in Köln. Dieses Dekret war aber damals nicht als Wohltat gedacht. Den Juden zu erlauben, in den Stadtrat aufgenommen zu werden, bedeutete, Sie in die Pflicht zu nehmen, da man Sie damit finanziell belastete. Bei der herrschenden Stadtflucht, die dieser Epoche eigen war, mussten Stadträte aus ihrer eigenen Tasche die fehlenden Einnahmen decken. Stellen sie sich vor, Stadträte von heute müssten Ähnliches tun.

Wir wissen nicht genau, wo sich die damalige Synagoge, die Mikwe und der Friedhof befanden. Materielle Überreste wurden noch nicht gefunden. Vermutlich waren sie nicht in der Nähe der mittelalterlichen Synagoge. In der Spätantike brauchten Juden keinen Schutz der Obrigkeit, sie genossen die römische Bürgerschaft und damit auch Rechtsgleichheit. Bei meinem letzten Besuch des Römisch-Germanischen Museums wunderte ich mich, wie diese frühe jüdische Präsenz übergangen wurde, vor allem in der Sektion, die der religiösen Vielfalt in Köln gewidmet ist. Ein Faksimile des Dekrets ließe sich unschwer erstellen. Woher die Juden nach Köln kamen ist unklar. Vermutlich kamen sie aus dem Mittelmeerraum und letztendlich aus dem Lande Israel. Die eigentliche Verbannung aus Jerusalem fand erst ab dem Jahr 135 (nach Christus) statt, also weniger als 200 Jahre davor. Die Verbindung zu Jerusalem aus dieser Zeit ist eigentümlich im Kölner Ritus des jüdischen Versöhnungstags überliefert. Nach dem Schlussgebet Ne'ila wurde ausnahmsweise nur in Köln der Shofar (Widderhorn) viermal geblasen. So wird uns im Gebetskompendium Machsor Vitry berichtet. Der Stil des vierfachen Blasens stammt nämlich aus Jerusalem und ist möglicherweise über den italienischen Ritus nach Köln gelangt.

Köln als Hochburg des Frühzionismus und die Rückkehr nach Zion:
Wenn man an Frühzionismus in Köln denkt, kommt man an dem Philosphen Moses Hess nicht vorbei. Moses Hess genießt das einmalige Privileg, nacheinander Frühkommunist, Frühzionist und dann Frühsozialist gewesen zu sein. Hess ist zwar in Bonn geboren, aber mit vierzehn Jahren nach Köln gezogen. Dort hatte er im Jahr 1841 gemeinsam mit Karl Marx die "Rheinischen Blätter" gegründet, und nach ihrer Schließung setzte er sich nach Paris ab, wo er weiterhin die meiste Zeit seines Lebens als Essayist tätig war. Hess besann sich nach 1848 seines Ursprungs und meinte, dass in der Erfüllung der Zehn Gebote das soziale Ethos der Menschheit verwirklicht werden könne. Grundbedingung wäre aber, dass das Jüdische Volk in seine Urheimat nach Zion zurückkehren könne. Hess war der erste Denker, der Juden nicht vornehmlich als Religionsgemeinschaft, sondern als Volksgemeinschaft begriff. Ferner sah er sehr früh den Assimilationsprozess als einen Versuch, der zum Scheitern verurteilt war. In 1862 veröffentlichte er sein Buch "Rom und Jerusalem - Die letzte Nationalitätenfrage" Es wurde nur in jüdischen Kreisen in Osteuropa beachtet. Hess schloss sich später der sozialdemokratischen Bewegung Ferdinand Lassales an. Er starb in Paris 1875, wurde aber in (Köln-)Deutz in der Familiengruft bestattet. Hess wurde als verdiente Persönlichkeit der Stadt Köln im zweiten Obergeschoss unter den Kölner Ratsturmsfiguren aufgenommen. An seiner Brust ist eine Tafel mit den Grundsätzen der Französischen Revolution "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit"eingemeißelt. 1961 wurden seine sterblichen Überreste von Deutz überführt und auf dem Friedhof des ersten Kibbuz in Kinneret am See Genezareth beigesetzt. Vom dritten Obergeschoss des Ratsturms blickt auf uns ein weiterer Verdienter Kölner: Max Bodenheimer. Er hat gemeinsam mit David Wolffsohn 1897 in Köln die erste zionistische Vereinigung in Deutschland gegründet. Beide waren (Theodor) Herzls engste Weggefährten. Bodenheimers Gebeine sind nicht überführt worden, denn er wanderte nach Palästina aus und starb dort 1940. Eine Plakette zu seinem Gedenken wurde in der Richmodisstrasse 6, unweit des Neumarktes, angebracht, denn unter dieser Adresse hatte Bodenheimer als Frühzionist gewirkt. David Wolffsohn begleitete Herzl gemeinsam mit Bodenheimer nach Palästina, um Kaiser Wilhelm II. zu treffen. Später wurde Wolffsohn von 1907 bis 1911 Präsident des Zionistischen Weltkongresses. Sein Büro befand sich in Köln am Sachsenring. Wolffsohns Gebeine wurden 1952 von Deutz nach Jerusalem überführt und neben Herzls Grab beigesetzt. Angesichts der Unentschlossenheit der Berliner Juden, seine Ideen zu unterstützen, schrieb Herzl an Bodenheimer

Köln wird die Hauptstadt des deutschen Zionismus sein.
Und sie ist es geblieben bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges. Auch die Gebeine des Heidelberger Mathematikprofessors Hermann Schapira wurden von Deutz nach Jerusalem überführt. Schapira war derjenige, der die Schaffung des KKL (Jüdischer Nationalfonds) und der hebräischen Universität vorschlug. Er starb ein Jahr danach, aber seine utopischen Ideen wurden Wirklichkeit. Es spricht für Kölns führende Rolle als Zentrum des Frühzionismus, dass die Gebeine dieser vier Persönlichkeiten nach Zion überführt wurden.

Die Israel-Mission:
Der Weg Zions nach Köln nach der Shoa gestaltete sich viel schwieriger. Er ist untrennbar vom Wiedergutmachungsabkommen von 1952. Offiziell hieß die erste Israelische Vertretung in der Bundesrepublik "Israel-Mission". Paragraph 12 des Vertragswerkes hat ihre Errichtung verankert. Zunächst schlug Deutschland Israel vor, eine Handelsmission zu errichten. Gedacht wurde an eine offizielle diplomatische Vertretung niederen Ranges, die keine Aufnahme von vollen diplomatischen Beziehungen bedeutete. Als Präzedenzfall wurde die Handelsmission Finnlands in Köln genommen. Israel aber schlug vor, eine Körperschaft des öffentlichen Rechts zu errichten, die eine Vertretung namens Handelsmission eröffnen sollte. Die Deutschen hegten den Verdacht, dass Israel alles versuche, den Anschein einer staatlichen Präsenz auf deutschem Boden zu vermeiden. Nur später stimmte Israel zu, den Staat offiziell als Auftraggeber der Israel-Mission erscheinen zu lassen. Dennoch gab es keine Nationalfahnen auf dem Verhandlungstisch. Schiffe unter deutscher Flagge durften in israelischen Häfen nicht einlaufen. Warum fiel die Wahl des Sitzes der Mission zugunsten Kölns aus? Es wurde spekuliert, ob es ein Reverenzakt gegenüber Konrad Adenauer war, schließlich war sein Sohn Max zu jener Zeit Oberstadtdirektor. Ich gehe davon aus, dass Herzls Definition von Köln als zionistische Hauptstadt kaum den Ausschlag gegeben hat. Vielmehr war der Sitz in Köln nah genug am politischen Geschehen in Bonn. Dadurch wurde aber der Eindruck vermieden, eine offizielle diplomatische Vertretung zu führen. Der Israel-Mission wurden von der Bundesregierung Rechte, Vorrechte und Courtoisien gewährt, wie bei jeder diplomatischen Vertretung. Die Mission war die einzige Stelle, die "den Einkauf von Waren und die Beschaffung von Dienstleistungen gemäß den Bestimmungen des Abkommens" tätigen durfte. Das israelische Finanzministerium war federführend. Das Außenministerium spielte eine marginale Rolle. Es durfte mit seinem Personal die Konsularabteilung besetzen. Der damalige deutsche Finanzminister (Fritz) Schäffer war angesichts der finanziellen Verpflichtungen, die die Bundesrepublik eingegangen ist, kaum zu begeistern. Es spricht für die staatsmännische Haltung Adenauers, dass er sich trotz den internen Zwängen nicht von seiner Überzeugung beirren ließ und die Ratifizierung anstrebte, die auch positiv ausfiel. Die Mission begann im April 1953 ihre Tätigkeit. Sie wurde zuerst für rund ein Jahr in den Räumlichkeiten des ehemaligen Jüdischen Krankenhauses in der Ottostraße 85 untergebracht. Dass dieses Haus noch existiert, davon konnten wir uns heute Vormittag überzeugen. Nach einem zeitweiligen Umzug im Frühjahr 1954 in einen Neubau am Habsburgerring, entschloss man sich ein eigenes Haus zu bauen. Die Stadt Köln mit Oberbürgermeister Ernst Schwering (und seinem Nachfolger Theo Burauen) und Oberstadtdirektor Dr. Max Adenauer an der Spitze war zuvorkommend, um die Anfänge der Bautätigkeit zu erleichtern. Dieser viergeschossige funktionsgerechte Neubau war den Bedürfnissen besser angepasst. Er lag in der Subbelratherstraße 15 und diente als Sitz der Misson von Mai 1955 bis zu ihrer Abwicklung 1966. Er wurde später verkauft, und 2002 folgte der Abriss. Seit 2006 steht an seiner Stelle das Colonius Carré. Die Israel-Mission war mit etwa 125 Personen, davon 65 Israelis, eine der größten Vertretungen Israels im Ausland zu ihrer Zeit. In den ersten Jahren wurde der israelische Stab angewiesen, "jede Fraternisierung zu vermeiden", wie es Botschafter Yochanan Meroz beschrieb. Die israelischen Kinder der Missionsangehörigen gingen in ein Internat in Holland, oder in das Lyzeum der belgischen Garnison in Köln. Diese Regelung entsprach der damaligen Stimmung, jegliche Annäherung an Deutschland, offiziell und persönlich zugleich, zu vermeiden. Israels erster und einziger Leiter der Israel-Mission war Dr. Felix Shinnar. Er war in Stuttgart geboren und schwäbelte sogar mit Bundespräsident Heuss. Als Wirtschaftsexperte und später als Chef der Verhandlungsdelegation, war er offenbar die berufene Person, die Israel-Mission aufzubauen, da es deren Aufgabe war, die Buchstaben des Vertrages in Taten umzusetzen. Während seiner Amtszeit hat sich das wirtschaftliche und politische Klima grundlegend verändert. Israel wollte die Kontakte auf die technische Abwicklungsebene einschränken. Für die Bundesrepublik wäre 7 Jahre nach der Shoa die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen das beste Entrée zur Rückkehr in die Weltgemeinschaft gewesen. Daher wurde Shinnar alljährlich zum Neujahrsempfang des Bundespräsidenten in die Redoute in Bonn eingeladen. Zwingend war es nicht. Als eine nicht diplomatische Vertretung wurde er in der Protokollliste in der Rubrik "Andere Vertretungen" mit dem Leiter der Finnischen Handelsmission geführt. Gemeinsam säumten sie die lange Empfangsreihe, aber immerhin auf dem diplomatischen Parkett. Keiner konnte erwarten, dass sich mit dem bald danach einsetzenden "Wirtschaftswunder" die wirtschaftliche Potenz der Bundesrepublik so steigern würde. Demgegenüber verschlechterte sich Israels sicherheitspolitische Situation seit 1955, als (Gamal Abdel) Nasser massive Waffenlieferungen vom Ostblock erhielt. Auf der Suche nach neuen Freunden gewann Ben Gurions pragmatische Linie gegenüber Deutschland die Oberhand. Im Jahr 1956 fragte Shinnars Staatssekretär Hallstein im Auswärtigen Amt diskret, ob man nicht an einer Gegenseitigkeit interessiert wäre und eine deutsche Mission in Israel eröffnen wolle. Das Auswärtige Amt hat sich gewunden, da es schon eine Vorahnung hatte, welcher Druck von der arabischen Seite kommen würde. Die "Hallstein Doktrin" hatte Vorfahrt, und man wollte nichts riskieren, was einer Anerkennung der Deutschen Demokratischen Republik förderlich wäre. Der deutsche Außenminister (Heinrich) von Brentano beschied den israelischen Vorstoß damit, dass er eine deutsche Vertretungsebene durch eine Mission nicht als angemessen empfand. Deutschland strebe volle diplomatische Beziehungen mit Israel an, und diese werden zum geeigneten Zeitpunkt in der Zukunft auch kommen. Auffallend ist es, dass um diese Zeit Shinnar von der israelischen Regierung den persönlichen Rang eines Botschafters erhielt. Die Mission trat auch jährlich in die Öffentlichkeit mit dem Empfang zum Unabhängigkeitstag. Die Aufgaben der Mission wurden zunehmend politisch. Das israelische Außenministerium nominierte 1959 einen seiner begabtesten Berufsdiplomaten, Yohanan Meroz, gegen den Willen von Shinnar als stellvertretenden Missionschef, um die politische Dimension der Arbeit mitzugestalten. Shinnar konnte und hatte es auch als einen Versuch verstanden, seine politische Kompetenz zu schmälern. Meroz bewertete seine Zeit in der Mission als gescheiterten Versuch und bat nach einem Jahr um Rückkehr nach Jerusalem. So sehr Shinnar seine Aufgabe als Vollstrecker des Abkommens blendend durchführte, galt er in Jerusalem als politisch-diplomatisch unerfahren. Er galt auch als schwierig in seiner Menschenführung. Bis zum Abschluss seiner Amtszeit 1965 musste sich Shinnar mit drei politisch heißen Kartoffeln befassen. Die eine war der Eichmannprozess, der 1961 stattfand. Die zweite war die Hilfe von deutschen Flugingenieuren bei der ägyptischen Raketenentwicklung. Israel sah seine Sicherheit unmittelbar gefährdet und bat Shinnar im August 1962, ein Schreiben von Shimon Peres an seinen Kollegen Franz Josef Strauss zu übermitteln. Kürzlich hat das Israelische Staatsarchiv den Wortlaut des Briefes freigegeben. Peres schrieb:

Ich halte es als meine nationale und persönliche Pflicht dich direkt und in aller Dringlichkeit über die entstehende Situation hinzuweisen. Weder du noch wir sind an der Öffnung der heilenden Wunde interessiert und es zu einer Tragödie von unerahnten Ausmaßen und schrecklicher Bedeutung werden zu lassen. Israel ist ein Relikt von einem ganzen Volk. Wir meinten, dass Israel sich in Sicherheit wähnen konnte und das neue Deutschland alles in seiner Möglichkeit veranlassen wird um zu der Sicherheit Israels beizutragen, sei es durch positive Hilfe und sei es durch die Entmutigung ihrer Feinde.
Das dritte Thema kam kurz vor Abschluss seiner Amtszeit. Infolge einer undichten Stelle sickerten Einzelheiten von Deutschlands Waffengeschäften mit Israel durch. Staatsekretär (Karl) Carstens schlug Shinnar vor, Israel für die vereinbarten aber noch nicht gelieferten Rüstungsgüter finanziell Kompensation zu leisten. Israel bestand auf weitere Lieferungen. Carstens wies auf die daraus resultierenden Schwierigkeiten für die Deutschlandpolitik (sprich Anerkennung der Deutschen Demokratischen Republik durch die arabischen Staaten) hin und den Grundsatz, keine Waffen in Spannungsgebiete zu liefern. Die deutsche Nahostpolitik war dabei, einen Schiffbruch zu erleiden: Sowohl die Anerkennung der Deutschen Demokratischen Republik nicht verhindern zu können, wie auch einem massiven Druck der öffentlichen Meinung ausgesetzt zu sein, endlich diplomatische Beziehungen mit Israel aufzunehmen. Maßgebliche Parlamentarier und führende Sektoren des öffentlichen Lebens wie DGB, deutscher Städtetag aber auch Medien brachten es zur kritischen Masse, die das Auswärtige Amt zur Aufnahme der vollen diplomatischen Beziehungen bewogen hat. Dieses neue Kapitel gehörte aber nicht mehr zur Israel-Mission, sondern betraf die Israelische Botschaft, die sich zunächst in der Mission etablierte, aber bald danach in der Ubierstraße in Bad Godesberg ihren Sitz bezog.

Kölns Beitrag zur Annäherung an Israel:
Nicht zuletzt möchte ich den Anteil der Kölner Bürger und ihrer Stadtväter würdigen, die mit Bedacht und Ausdauer die Öffentlichkeit für jüdische und israelische Belange in den entscheidenden Jahren sensibilisiert haben. Im März 1958 wurde die Kölner Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (CJZ) gegründet. Im September 1959 wurde die Synagoge in der Roonstraße wiedereingeweiht. Die Kölner Bürger wurden herausgefordert, als an dem darauffolgenden Weihnachtsabend diese Synagoge mit Hakenkreuzen beschmiert wurde. Die eine Initiative kam aus den Kreisen der eben gegründeten Kölner CJZ: Autoren wie Heinrich Böll, Paul Schallück und Wilhelm Unger; der Kulturdezernent Kurt Hackenberg, der Verleger des DuMont Buchverlages Ernst Brücher und der Buchhändler Karl Keller gründeten die Bibliothek "Germania Judaica" - eine einzigartige Bibliothek zur Geschichte und Kultur des Judentums, Zionismus und Israels. Sie umfasst über 80.000 Bücher und ist mittlerweile eine der größten ihrer Art in Europa. Die Stadt Köln und das Land Nordrhein-Westfalen haben die Kosten jahrelang gemeinsam getragen. Seit einigen Jahren trägt sie die Stadt allein, und so wurde die Germania Judaica in die Zentralbibliothek eingegliedert. Die zweite Initiative war die Ankurbelung des Jugendaustausches zwischen Köln und Tel Aviv. Zum Jahreswechsel nahm der Schuldezernent Johannes Giesberts an einer Reise der Kölnischen CJZ nach Israel teil. Unter dem Eindruck der Nazischmierereien suchte er Kontakt mit seinem Kollegen in der Tel Aviver Stadtverwaltung, Dr. Shaul Levin. Gemeinsam mit Levin kam er zum Ergebnis, dass die Begegnung junger Deutscher und Israelis die wirkungsvollste Methode sei, Antisemitismus vorzubeugen. Beide wurden so zu den Wegbereitern des deutsch-israelischen Jugendaustausches. Beide sind auch Namensträger eines Giesberts-Lewin-Preises, der von der Kölner CJZ jährlich vergeben wird. Im Auftrag der Stadt Köln hat das Stadtmuseum die richtungsweisende Ausstellung "Monumente Judaica" erstellt. Sie wurde genau vor 50 Jahren am 15.10.1963 feierlich eröffnet. Die Städtepartnerschaft zwischen Köln und Tel Aviv-Yafo besteht offiziell seit 1979. Die Partnerschaft wurde seitens Kölns früher vorgeschlagen. Die Tel Aviver Braut ließ aber bis 1979 auf sich warten. Sowohl die Stadt Köln wie auch ihre Bürger haben emsig am Netz der Beziehungen gestrickt. Sie alle haben am Sicherheitsnetz mitgeknüpft, damit mögliche Krisen im Annäherungsprozess weich aufgefangen werden. Und das ist heute ein Grund zum zelebrieren.

Vielen Dank für das Zuhören.

Es gilt das gesprochene Wort.