© Deutscher Bibliotheksverband

Ein historischer Tag für uns: Wir sind als beste Bibliothek Deutschland ausgezeichnet worden und damit "Bibliothek des Jahres 2015". 

Unsere überglückliche Direktorin Hannelore Vogt gab die Wertschätzung postwendend an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weiter.

Diesen Preis haben wir uns alle gemeinsam verdient. Die Bibliothek ist nur so gut wie die Summe ihrer Mitarbeitenden. Es zählt nicht nur das Neue, sondern auch die tägliche Arbeit ist ein besonderer Baustein zu unserem Erfolg.

Dies bezog sie auch unmittelbar auf die Begründung der preisverleihenden Jury:

Der Mensch steht im Mittelpunkt.

Hannelore Vogt machte bei der von den Kolleginnen und Kollegen laut bejubelten Bekanntgabe des Erfolges deutlich, dass dies

nicht nur für die Angebote an unsere Kunden gilt, sondern auch für das Miteinander und die hohe Motivation, die ich hier so positiv erlebe.

Erfolgsfaktoren sind für sie kooperative, kreative, interkulturelle und unkonventionelle Denkansätze und der Mut als "First Mover" auch Fehler machen zu können. Hierarchieübergreifendes Arbeiten verbindet sich mit der Verteilung von neuen Aufgaben auf viele Schultern. Flankiert wird der Mitarbeitereinsatz durch von uns qualifizierte Ehrenamtliche und Fördervereine. Unser Bibliothekssystem ist interdisziplinär vernetzt mit Partnerinnen und Partnern im Bildungs-, Sozial- und Kulturbereich sowie der Technologie- und Kreativbranche. Finanziell unterfüttert wird unser Aktionsradios durch Drittmittel, Sponsorinnen, Sponsoren und Projektanträgen. Bundesweite öffentliche Resonanz erzielte unser "Makerspace" (mit seinem 3D-Drucker) - der erste in der deutschen Bibliothekslandschaft. Unmittelbar angenommen und immer schnell ausgebucht sind auch unsere Workshops der "Digitalen Werkstatt" und die des "Makerspace", alle ebenso richtungsweisend wie die Interaktionswand "Quellentaucher", die per Computer spielerisches Stöbern und Entdecken im Bibliotheksbestand ermöglicht. 

Bei der interkulturellen Sprach- und Leseförderung pflegen wir enge Kontakte zur multinationalen Kölner Bürgerschaft und über unsere vielfältigen Angebote für Zuwanderer ist Willkommenskultur fester Bestandteil der Arbeit in allen unseren Bibliotheken. 

Für Hannelore Vogt sind dies sind nur einige der Bausteine des Erfolgs, wobei sie den Stolz auf das Geleistete ebenfalls mit der kompletten Belegschaft und alle unseren Förderinnen, Förderern, Unterstützerinnen und Unterstützern teilen möchte.

Pressemitteilung und weitere Informationen

Pressemitteilung der Stadtbibliothek Köln und dem deutschen Bibliotheksverband e. V. vom 12. August 2015

Der Deutsche Bibliotheksverband (dbv) verleiht der Stadtbibliothek Köln den Preis "Bibliothek des Jahres 2015". Die Stadtbibliothek Köln erhält den einzigen nationalen Bibliothekspreis im Rahmen einer feierlichen Preisverleihung am Samstag, 24. Oktober 2015, am "Tag der Bibliotheken". Der Preis "Bibliothek des Jahres" wird in diesem Jahr zum sechzehnten Mal verliehen.

Mit der Stadtbibliothek Köln wird eine Bibliothek geehrt, die in den letzten Jahren mutig mit unkonventionellen Denkansätzen viele innovative Entwicklungen angestoßen hat. Die Stadtbibliothek Köln stellt den Menschen in den Fokus all ihrer Planungen und wandelt sich so zu einem unverzichtbaren Ort in der Stadtgesellschaft. Dies gelingt ihr nachhaltig trotz schwieriger Haushaltslage, ungünstigen räumlichen Verhältnissen und geringen Ressourcen unter anderem durch die sehr hohe Motivation der Mitarbeitenden und eine interdisziplinäre Vernetzung mit der Technologie- und Kreativbranche. In Zeiten des Umbruchs ergänzen aktivierende Kundenangebote den üblicherweise zu erwartenden Bibliotheksservice. Die Bibliothek setzt damit ihr neu entwickeltes Strategiekonzept bei klarer Zielgruppenorientierung sehr konsequent mit vielfältigen Angeboten um und kann so als Vorbild für andere Bibliotheken dienen.

Die Stadtbibliothek Köln wurde einstimmig ausgewählt aus einem exzellenten Bewerberfeld. Sie wurde für die Auszeichnung von der Sektion Großstadtbibliotheken im dbv (Sektion 1) sowie vom Landesverband Berlin im deutschen Bibliotheksverband vorgeschlagen. Die Jury spricht der Westdeutschen Blindenhörbücherei in Münster eine besondere Anerkennung für ihre langjährige engagierte Arbeit bei der Versorgung von Blinden und Sehbehinderten sowie körperlich eingeschränkten Personen mit Literatur aus. Die Bücherei feiert in diesem Jahr ihr 60-jähriges Bestehen.

Die Jury unter Vorsitz des dbv-Präsidenten Hans-Joachim Grote hob besonders hervor, dass

die Kölner Bibliothek ihre Rolle als Quartierstreff und als kreative Begegnungsstätte exzellent erfüllt. Sie ist ein Treffpunkt mit Wohlfühlambiente und verdeutlicht, welch wichtige Rolle die Bibliothek auch als öffentlicher Raum in jeder zukünftigen Stadtgestaltung und -entwicklung spielen sollte,

so Grote in der Jurysitzung.

Bibliotheken vermitteln Schlüsselqualifikationen der Bildung und Kultur für breite Bevölkerungskreise. Die Stadtbibliothek Köln hat sich dazu in den vergangenen Jahren als Innovations- und Lernort innerhalb der Stadt positioniert. Das kreative eigene Tun und das gegenseitige Lernen und Lehren stehen im Vordergund, die Bibliothek als Vermittlerin zu offenem Wissen und qualitätsvoller Information vernetzt dabei die Interessenten. Sie betreibt ihre Leseförderung zielgruppenorientiert, handlungsfeldorientiert und mit messbaren Ergebnissen. Kooperation, Offenheit und Partizipation sind die der Programmarbeit zugrundeliegenden Werte. Der Stadtbibliothek gelingt es so als eigene Marke deutlich in Erscheinung zu treten und neue Zielgruppen anzusprechen.

Die enorme Steigerung der Nutzungszahlen um 60 Prozent seit 2008 durch die Umsetzung des neuen Konzepts, die andernorts nur mit einem Neubau gelingt, zeigt, welches Potential in Bibliotheken schlummern kann. Durch ihr innovatives und schlüssiges Konzept gelang es der Bibliothek auch, die Generalsanierung der Zentralbibliothek auf den Weg zu bringen.

Alle nominierten Bibliotheken wurden von den Jurymitgliedern nach folgenden Kriterien bewertet:

  • die Qualität und Innovation der bibliothekarischen Arbeit
  • ihre Zukunftsorientierung
  • ihre nachhaltige Wirkung
  • ihre attraktiven Serviceleistungen
  • ihre medienwirksame Öffentlichkeitsarbeit
  • ihr internationales Engagement
  • ihre lokale, regionale und internationale Vernetzung
Unser Blog: Bibliothek des Jahres 2015
Weitere Informationen auf der Seite des Deutschen Bibliotheksverbands
Imagebroschüre
PDF, 3231 kb

Gert Scobel - Laudatio "Bibliothek des Jahres"

Was ist eine Bibliothek?
Das ist einfach. Bibliothek? Eine Ansammlung von Büchern. Aber das ist falsch, grundfalsch. Eine Bibliothek ist keine Ansammlung. Das wäre so, als würde man die Frage "Was ist ein Mensch?" beantworten mit "Eine Ansammlung von Zellen." Ein Zell-Haufen. Bibliotheken sind keine Buch-Haufen oder Bücher-Berge. Ansammlungen und Haufen fehlt das, was man früher einmal die Seele nannte.

Haben Bibliotheken Seelen?
Ich glaube, dass Bibliotheken einen Sinn, eine große Bedeutung, eine Funktion und auch so etwas wie eine eigene Spiritualität haben, die über den bloßen Umgang mit Büchern hinausgeht. Das ist nicht zuletzt meine eigene Erfahrung mit der wunderbaren Stadtbibliothek Köln, die für mich, obwohl ich hier nicht wohne, zu einem Ankerpunkt in Köln geworden ist.

Keine Ansammlung also. Wenn überhaupt dann ist eine Bibliothek eine Sammlung von Büchern. Das ist ein großer Unterschied. Denn eine Sammlung ist geordnet. Eine Ansammlung ist ein Haufen. Eine Sammlung folgt einer Idee, einem Plan. Also lautet unsere Frage nach der Seele der Bibliothek: Was ist die Ordnung einer Bibliothek? Aber die Antwort ist wenig ergiebig. Ordnung nach Sachgebieten, Alphabet, Kennzeichen, Zahlen. Alberto Manguel, Lektor, Übersetzer, Literaturdozent und in Buenos Aires Vorleser des berühmten und erblindeten Schriftstellers, Lyrikers und Büchernarrs Jorge Luis Borges, auf den ich noch zu sprechen komme, schreibt: "Allein durch das Wissen, dass die Anordnung der Bücher einer Bibliothek Regeln gehorcht, wie auch immer diese beschaffen sein mögen, gewinnen sie eine Identität, noch ehe wir die erste Seite aufschlagen." Problematisch wird es, wenn wir die Ordnung ändern und damit alles neu sortieren müssen. Aber weiter als dieses Ordnungsproblem selbst, das letztlich nur logischer und logistischer Natur ist, führt die eine andere, philosophischere Frage, die eng mit der nach der Ordnung verbunden ist. Jede Ordnung folgt einer Idee. Die Ordnung einer Bibliothek spiegelt damit eine bestimmte Weltsicht wider. In China beispielsweise ordnete man die Bestände der kaiserlichen Bibliothek nach folgenden, durch farbliche Umschläge kenntlich gemachten Kategorien: kanonische, also klassische Texte; geschichtliche Abhandlungen; Philosophie und alles andere, meist vermischte literarische Werke. Die Ordnung der Bücher war dabei ebenso kosmologisch wie bürokratisch, weil sie der Hierarchie der Autoren folgte. Ganz oben der Kaiser, dann die wichtigsten Staatsbeamten, Institutionen und schließlich einfache Bürger. Übertragen auf eine westliche Bibliothek würde das heißen, dass die Bibliothek mit den frühen Kinderliedern, den ersten Notizen, Reden und schließlich der Dissertation von Angela Merkel beginnt, gefolgt von den lyrischen Werken der Minister, wobei die Einschlaflied-Texte an die Kinder, die Frau von der Leyen niedergeschrieben hat, weil sie eine Frau ist erst weiter hinten auftauchen. Am Ende kommen dann alphabetisch geordnet Werke einiger Bürger wie Thomas Mann oder Tommy Jaud, der selbstverständlich einen Platz vor Thomas Mann erhält. Worauf ich hinaus will ist die innere Balance der Ordnung, ihre Idee vom Menschen und seinem Platz in der Welt. Die Frage nach der Seele hat damit eine andere Gestalt angenommen: Die der Frage nach der Idee einer Bibliothek.

Womit ich nicht gesagt habe, dass Seelen einfach nur Ideen und damit flüchtige, unsinnliche und abstrakte Vorstellungen sind. Ursprünglich ist die Frage nach der Idee von etwas die Frage nach dem Sichtbaren, nach dem Erscheinungsbild dieser Sache. Idein heißt griechisch soviel wie erblicken, sehen, erkennen. Jede Bibliothek hat ihr Eidos. Doch das, was eine Bibliothek ausmacht, liegt hinter dem, was wir sehen. Wenn wir einen Computer von außen sehen, wissen wir im Grunde nichts über ihn, es sei denn wir kennen das Modell und wissen daher indirekt auch über sein Innenleben Bescheid. Dennoch gibt es ein Prinzip, das, was das Sichtbare ordnet. Die Idee ist also einerseits das, was man sieht und erkennen kann: das sinnlich Wahrnehmbare. Andererseits ist die Idee aber auch das, was gleichsam unsichtbar den sichtbaren Erscheinungen zugrunde liegt.

Wenn eine Bibliothek also eine Idee, eine Seele hat, dann meint man damit, dass ihr ein System, ein Prinzip, manchmal auch nur ein Marketingkonzept zugrunde liegt – aber eben so, dass diese abstrakte Struktur sichtbar, greifbar, benutzbar wird. Wenn Sie die wunderbaren Bilder von Bibliotheken aus aller Welt hinter mir sehen, dann sehen Sie solche Ideen. Und Sie spüren unmittelbar, dass eine Bibliothek etwas jeweils eigenes ausstrahlt. Und das ist entscheidend. Man kann und muss die Seele, die Idee einer Bibliothek spüren: im Bau, in den Möbeln, im Design, im Look, im Angebot, aber auch in den Menschen, die in einer Bibliothek arbeiten und in den Blicken, im Verhalten und Umgang derer, die einen Teil ihres Lebens in der Bibliothek verbringen weil sie dort arbeiten. Ohne all das wäre eine Bibliothek leblos. Die Idee einer Bibliothek wäre ohne ihre Sinnlichkeit, ohne ihre Greifbarkeit ein bloßes Gespenst. Nichts, wofür man sich besonders begeistern würde.

Auch wenn sie nicht so schön ist wie eine der Bibliotheken hinter mir: In der Kölner Stadtbibliothek spürt man diese Seele. Und man sieht etwas, das mich immer wieder erstaunt hat: wie viele unterschiedliche Menschen man in ihr antrifft. Menschen, die alle ein Ziel haben: in die Bibliothek zu gehen, sich dort zu treffen und miteinander in Kontakt zu kommen.

Wenn man Bibliotheken also nicht als Ansammlungen, sondern als Strukturen und Ordnungen versteht, die sich unterscheiden und einen eigenen Charakter haben, eine Stimmung, die sich unterscheidet, einen Klang – dann liegt es nahe, Bibliotheken mit etwas zu vergleichen, das eng mit den Büchern, Informationen, mit all dem Wissen verbunden ist, das sich in ihnen findet. Es liegt nahe, Bibliotheken mit Wörtern zu vergleichen. Auch sie stellen Ordnungen dar, die sich aus einzelnen Buchstaben zusammensetzen und die sinnlich wahrnehmbar sind. Und doch ist eine Bibliothek mehr als die Ordnung, sie prägt. Wenn man sagt, ein Wort sei eine geordnete Aneinanderreihung von Buchstaben, dann ist das wahr aber ebenso auch falsch. YXCV ist kein Wort. Nicht einmal eine Abkürzung. Obwohl es eine Ordnung gibt.

Die Buchstabenkombination entspricht nämlich den ersten vier Symbolen der linken unteren Reihe einer Computertastatur. Auch Ordnung fasst also nicht das, was ein Wort oder eine Bibliothek ist. Seele ist mehr als eine Ordnung. Aber was? Weiter kommt man bei der Suche nach der Seele wenn man bedenkt, was in einer Bibliothek zusammen mit den Wörtern alles zu finden ist: Zeichnungen und Bilder, Töne, Spiele, Programme, digitale Daten, Netzwerkzugänge, Formulare oder, wie hier in Köln, sogar etwas das ohne Worte ist wie ein 3D-Drucker. Vor allem findet man überraschenderweise noch etwas, das hier stattfindet: Begegnungen, Erkenntnis und sogar strahlende Gesichter, Freude.

Und doch ist der Vergleich einer Bibliothek mit Worten hilfreich, wenn man verstehen will, was sich hier ereignet. Besonders ein Gedanke des Philosophen Ludwig Wittgenstein führt weiter – ein Gedanke, der nicht nur zentral war für eine neue Art von Sprachphilosophie, sondern für vieles andere - nicht zuletzt für das Haus, das Wittgenstein 1926 bis 1928 seiner Schwester baute. Es findet sich im dritten Wiener Bezirk und folgt dem Stil der Moderne. Äußerlich erinnert es stark an die Architektur des Bauhauses. Wittgensteins Schwester Hermine schrieb:

"Ludwig zeichnete jedes Fenster, jede Tür, jeden Riegel der Fenster, jeden Heizkörper mit einer Genauigkeit, als wären es Präzisionsinstrumente und in den edelsten Maßen, und er setzte dann mit seiner kompromisslosen Energie durch, dass die Dinge auch mit der gleichen Genauigkeit ausgeführt wurden."

Das Bauen spielt auch in Wittgensteins Sprachphilosophie eine große Rolle. Worte, so fand er, sind wie Werkzeuge, mit denen man sehr Unterschiedliches machen kann. Mit Worten können wir uns Namen geben, uns etwas befehlen, eine Rede halten, etwas beschreiben, wissenschaftlich arbeiten oder künstlerisch, indem wir ein Gedicht schreiben und eine Geschichte erfinden. "Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache", sagt Wittgenstein. Wenn Sie also wissen wollen, was ein Spiel ist, dann finden Sie das nur heraus, indem Sie den Gebrauch dieses Wortes untersuchen. Was machen wir mit dem Wort? – das ist die entscheidende Frage. Vor Wittgenstein stellt man sich das anders vor. So als hätte ein Wort einen Kern, eine Essenz, ein Wesen – die man durch Nachdenken herausbekommen und definieren kann.

Versuchen Sie mal ein Wort wie Spiel zu definieren. Sie werden feststellen, dass Sie es nicht können. Sie werden immer wieder Ausnahmen von Ihrer Definition finden. Angenommen Sie sagen "ein Spiel ist ein Wettkampf zwischen mindestens zwei Parteien". Eine Patience ist kein Kampf gegen zwei Parteien, es sei denn, sie befinden sich wegen einer multiplen Persönlichkeitsstörung in Behandlung. Nicht jedes Spiel beruht auf Wettstreit. Es wird Sie erstaunen: aber es gibt keine klare Definition für Spiel. Warum?

Weil man nicht genau sagen kann, wo die Grenzen eines Spiels verlaufen – denn DAS Spiel – das gibt es nicht. Sicher kann man bestimmte Grenzen ziehen und sagen: das ist ein Ballspiel, das ein Kartenspiel, das ein Brettspiel, das ein Computerspiel. Wir denken immer, all dem müsste doch irgendetwas gemeinsam sein, sonst würden wir es ja nicht Spiel nennen. Aber das einzige was all diese Beispiele gemeinsam haben ist, dass wir das Wort "Spiel" eben in diesen Zusammenhängen verwenden und das Wort mal hier, mal da für etwas verwenden.

Was zusammenhängt ist nicht das Wesen eines Wortes, seine Idee – sondern sein Gebrauch. Zwischen diesen unterschiedlichen Anwendungs- und Gebrauchsweisen des Wortes Spiel besteht ein Netz von Ähnlichkeiten. Wittgenstein nannte es Familienähnlichkeit. Auch auf den Bildern, die hinter mir gezeigt werden, erkennen Sie schnell, dass es sich um Bibliotheken handelt. Um Bibliotheksähnlichkeiten. All diese Gebäude sind miteinander verwandt: beispielsweise weil es sich um Gebäude handelt. Doch das Gebäude der Sprache ist kein festes Betongerüst, sondern etwas Lebendiges, Veränderliches, etwas, das im Gebrauch sichtbar wird. Worte sind, wie Bibliotheken, in gewisser Hinsicht Werkzeuge, mit denen wir etwas machen. Das bedeutet allerdings noch nicht, dass wir jetzt bereits verstanden hätten, was wir da machen.

Nehmen Sie ein Beispiel. Sie machen einen sehr unterschiedlichen Gebrauch von Ihrem Handy. Aber verstehen Sie Ihr Handy? Wissen Sie, was Sie da tun, wenn Sie es gebrauchen? Frau Merkel hätte einige politische Probleme nicht gehabt, wenn Sie gewusst hätte was Sie wirklich tut, wenn sie es gebraucht. Aber eines ist immerhin klar geworden: Eine Bibliothek ist im Grunde wie ein Spiel. Ihre Grenzen sind nicht klar bestimmt: und das nicht etwa weil man dumm wäre oder unwissend, sondern deshalb, weil sich in der realen Welt keine klaren Grenzen ziehen lassen. Was eine Bibliothek ist merken wir wie bei der Bestimmung der Bedeutung eines Wortes erst, wenn wir darin sind. Wenn wir sie benutzen, gebrauchen oder, pathetischer formuliert, mit und in ihr leben. Das ist eine überraschend kirchliche, um nicht zu sagen theologische Wendung, die Sie vielleicht als echte Voll- oder Restkatholiken von der Eucharistiefeier kennen. Mit ihm und durch ihn und in ihm.

Vielleicht ist das die erste, fast ein wenig religiöse Bestimmung: In einer Bibliothek feiern Daten, Bilder, Programme, Informationen, Gedichte, Menschen, Töne, Sprache, aber auch Architektur, Design, Raum und Zeit ein Fest. Nicht dass es unbedingt ein religiöses Fest ist. Bibliotheken sehen zuweilen aus wie Kirchen, sind aber keine, auch wenn Sie in manchen Bibliotheken Schilder finden werden, die Sie darauf hinweisen sich wie in der Nähe eines Beichtstuhls ruhig zu verhalten. Bibliotheken sind säkulare Orte mit religiösem Flair. Das hängt mit dem Gefühl der Unendlichkeit des Wissens zusammen, das Jorge Luis Borges in seiner wunderbaren Erzählung "Die Bibliothek von Babel" schildert. Wer das, was in einer Bibliothek steckt, wissen und erinnern kann, der ist Gott gleich.

Es gab Zeiten, in denen die meist belesenen Menschen ihrer Zeit all das, was sich in einer Bibliothek befand, kannten und gelesen haben. Sie hatten das Wissen der Welt. Und wie in jeder guten Bibliothek gab es ein Buch in dem all die Bücher der Bibliothek enthalten und notiert waren. Daraus können erstaunliche Probleme resultieren. Eines davon ist ein berühmtes logisches Problem, das die Mathematiker lange Zeit in Atem hielt bis Bertrand Russell mit seiner Typentheorie dafür eine Lösung fand. Die Frage war die folgende: Ein Katalog einer Bibliothek listet alle Kataloge auf, die sich nicht selbst auflisten, und nur diese. Listet dieser Katalog sich selbst auf?

Borges sagt in seiner Erzählung, dass die Welt unendlich ist. Aber wer auch die größte Bibliothek, in der alles Wissen über die Welt in einer wie auch immer geordneten und auffindbaren Weise aufgelistet und enthalten sei, für unbegrenzt hält, der darf nicht vergessen, so Borges, dass selbst der größten möglichen Zahl von Büchern in einer endlichen Welt natürliche Grenzen gesetzt sind. Weshalb, so Borges, Bibliotheken, wenn sie unendlich und unbegrenzt sein wollen, zyklisch sein müssen. "Wenn ein ewiger Wanderer sie nach einer beliebigen Richtung durchmaße", schreibt Borges, "so würde er nach Jahrhunderten feststellen, dass dieselben Bände in derselben Unordnung wiederkehren – die, wiederholt, eine Ordnung ware: Die Ordnung. Meine Einsamkeit erfreut sich dieser eleganten Hoffnung."

Wenn Sie die Einsamkeit stört und Borges Gedanken Sie verwirren: stellen Sie sich einfach vor, dass die Bibliothek ein Fest ist. Eine Party. So riesig und weit, dass deren Ausläufer sich in die Stadt hinein, in die Häuser ihrer Benutzer, in ihre Lebenswelt erstrecken. Dass die Menschen, die in die Bibliothek gehen und sich womöglich ein Buch, ein Tondokument, einen Film mitnehmen von dort, wie olympische Fackelträger sind – die etwas nach Hause tragen. Wenn Sie an Borges Idee des Weltwissens denken, das sich in einer Bibliothek findet, samt der heutigen Internetzugänge, dann erstreckt sich eine Bibliothek ins Unendliche. Das Universum, schreibt Borges, ist eigentlich nur ein anderer Name für Bibliothek – seine scheinhafte Verdopplung, wenn auch, wie das Universum, göttlich in ihrem Wesen.

Eine Bibliothek umfasst ihrer Idee nach alles – und franst an den Rändern des Gebäudes, das sie begrenzt, über diese Ränder hinaus aus. Ähnlich wie die Grenzen des Wortes Spiel sich nicht klar bestimmen lassen. Die Bibliothek geht an ihren Randern in die Leben der Menschen über, die Gebrauch von ihr machen. Wie bei einer guten Party nehmen die Menschen etwas mit. Im Grunde ist eine Bibliothek wie die Küche bei einer guten Party: Alle finden sich irgendwann in der Küche wieder.

Nun werden Sie vermutlich denken: Ist das nicht reichlich übertrieben – dieser Vergleich mit einer Feier? Was sagt eigentlich das Lexikon? Das Wort "Bibliothek" stammt aus dem Griechischen: βιβλιοθήκη. Biblos ist das Buch, Theka der Behälter. Dummerweise bedeutet Theka im Griechischen auch die Scheide eines Schwertes, vor allem aber: Grab. Also ist eine Bibliothek entweder ein Buchbehälter – man zieht sozusagen das Schwert des Wissens aus der Scheide des Buches – oder ein Buchgrab. Frau Petzold hat mir freundlicherweise den Link zu einer Seite geschickt, in der Sie in 26 Aufnahmen die wunderbarsten Bibliotheken sehen können. Ein Buchbehälter kann ein wunderbarer Raum sein, ein Kunstwerk – aber auch ein Bus oder ein Kasten und eine Kiste, bei den Römern "scrinium" oder "capsa" genannt.

Der Begriff "Bücherei" stammt übrigens von drüben, aus dem Niederländischen und ist eine 1658 von Johann Amos Comenius eingeführte Lehnübersetzung. Erst im 18. Jahrhundert meint der Begriff "Bibliothek" ein Bauwerk. Und heute? Ist das Bauwerk ein Buch-Grab? Und wenn nicht und etwas ganz anderes, dann vielleicht so eine Art aufgemotzte Internetbude, die aber immer noch nach Büchern riecht? Am 3. Oktober war in der FAZ, die über die neue Bibliothek im dänischen Aarhus berichtete, zu lesen, dass diese Bibliothek im Sinne der gegenwärtigen politischen Doktrine in Dänemark ein Integrations- und Bürgerzentrum sei, also ein Ort der Kommunikation. Zitat FAZ: "Mit jeder Wikipedia-Seite, jedem neuen Google-Books-Scan verliert die Bibliothek als Ort der Informationsbeschaffung und des Bildungsgewinns an Selbstverständlichkeit. Weltweit fallen die Ausleihzahlen, Stellen werden gestrichen, Öffnungszeiten reduziert und Etats gekürzt. (...) Die Bibliothek in ihrer alten Form ist unter Druck geraten. Politik und Gesellschaft fragen immer häufiger nach Zweck und Wert ihres Daseins, wo doch die physische Verfügbarkeit ihrer Güter nicht mehr unabdingbar ist, sondern Informationen und Bücher in digitaler Gestalt zu jeder Zeit an jedem Ort einsehbar werden."

Unter Freunden: Das wäre eine mistige Laudatio, wenn ich der Ansicht wäre, die Bibliothek, die Kölner Stadtbibliothek mit allem, was drum herum kreist, sei tot. Ein ausgespieltes Spiel. Hatte ich eben nicht von einer Party gesprochen? Tatsächlich bin ich auch dieser Ansicht. Und ich bin hier, weil ich mich freue über die Lebendigkeit, den Lebenswillen und die Kreativität, die das Team der Stadtbibliothek beflügelt. Jede Bibliothek ist mehr als das, was in ihr zu finden ist. Sie ist ein Versprechen oder, wie Robert Musil sagen würde, immer auch ein noch nicht ausgeträumter, noch nicht erwachter Traum. Wie groß die Dimensionen dieses Traums sind, können Sie erkennen, wenn Sie an das Thema Flüchtlinge denken. Als es akut wurde, hat die Stadtbibliothek das vielleicht notwendigste nach Essen, Trinken und Unterkunft getan, das man überhaupt tun kann. Sie hat einen zusätzlichen Raum angemietet, der kommendes Wochenende eröffnet wird, damit dort Sprachunterricht stattfinden kann.

Wie soll ein Syrer hier leben, arbeiten und auch Glück erfahren wenn er nicht mit uns sprechen kann und von unserem Leben weitgehend abgeschnitten ist? Denn unser Leben findet, bei allem was wir sonst machen, wesentlich in und über unsere Sprache statt. Mag sein, dass das, was eine Bibliothek einmal war, nämlich eine Lese- und Ausleihstation, vorbei ist. Aber es ist nur deshalb vorbei, weil sie sich verwandelt hat um diesen Gedanken der religiösen Feier noch einmal aufzunehmen. Die Bibliothek hat sich zu etwas Neuem, Besseren, Lebendigerem weiterentwickelt, das mehr ist als ein Servicebereich für Bücher. Denken Sie nur an die Veranstaltungen verschiedenster Art, die es in Ihren Kölner Stadtbibliotheken gibt. Die Bibliothek ist ein Ort lebendiger Begegnung. Ein Ort, an dem keineswegs immer nur leise gesprochen, sondern auch laut vorgelesen und miteinander gedacht wird. Ihre Bibliothek ist längst ein Ort des Diskurses. Für mich ganz persönlich hat die Stadtbibliothek Köln gezeigt, dass sie so etwas wie ein Theater ist.

Im Frankfurter Schauspiel gibt es Lesungen und Diskussionen, die sind wie die hier in der Bibliothek. Ihre Bibliothek ist auch ein Theater, von dem aus ein Thema, ein Diskurs, eine Einsicht und hoffentlich Erkenntnisgewinn in die Stadt hineingetragen werden. Um Ihnen noch deutlicher zu machen, was ich meine, würde ich gerne einen Kölner zu Wort kommen lassen, der auch schon in der Stadtbibliothek gesprochen und diskutiert hat und den Sie vielleicht alleine deshalb schon kennen. Stephan Grünewald ist Geschäftsführer des Kölner Rheingold-Instituts für qualitative Markt- und Wirkungsanalysen. Von seiner Ausbildung her ist er Psychologe, sogar Therapeut und ein ausgezeichneter Spezialist in der Analyse, Bewertung von Trends und ihren Auswirkungen. Das scheint zunächst wenig mit unserem Thema zu tun zu haben. Aber denken Sie einfach an die Bibliothek und ihre Zukunft wenn Sie bei dem folgenden Ausschnitt aus der Rede hören, die Stefan Grünewald im Juni in New York beim "Global Summit of Consumer Goods Forum" hielt. Denken Sie an IHRE Bibliothek.

Bei dem Vortrag ging es um Handel, Markenbildung und Vertrauen in der Digitalen Welt. "Im Zeitalter des digitalen App-Solutismus ist der Kunde dank seines Smartphones bereits König: er kann zu jeder Zeit an jedem Ort einkaufen, vergleichen, reklamieren. Trotz dieser Allmacht fühlt sich der König oft jedoch wie ein hilfloses Kind. Er sucht Schutz, Begleitung und Inspiration auf seinen täglichen Einkaufstouren. Die strategische Aufgabe des Handels und der Industrie ist es daher, beim Kunden Vertrauen zu schaffen, indem man den König hofiert und gleichzeitig auch dem Kind im König gerecht zu werden. Denn Vertrauen entsteht in der Kindheit – im Verhältnis zu Mutter und Vater. Handel und Industrie müssen daher elterliche Funktionen erfüllen, wenn sie vertrauen aufbauen wollen: mütterliche Funktionen wie Verständnis, Fürsorglichkeit und Sinnstiftung, sowie väterliche wie Transparenz, Glaubwürdigkeit und Herausforderung."

Bibliotheken sind also väterlich-mütterliche, kurz elterliche Orte der Sinnfindung – aber nicht qua Autorität, die Eltern längst nicht mehr haben, sondern weil sie sie sich verdient haben. Weil sie glaubwürdig sind und sich das Vertrauen auf sie bewährt hat. Es geht nicht um einen aufgesetzten, sondern um einen erprobten Sinn, der sich im Leben bewährt. Nur wenn das vermittelt wird, bleibt eine Bibliothek glaub- und vertrauenswürdig. Man findet, was man sucht. Und manchmal auch mehr als das. Das ist der Sinn einer Bibliothek. Suchen und finden – das rückt die Bibliothek erneut in die Nähe eines Gotteshauses, einer Kirche, auch wenn es dort weder Heilige noch Engel sondern Daten, Informationen und Bücher zu sehen gibt – oder sogar Bilder, die durch ihren kritischen Gehalt, etwa in Form von Karikaturen, orthodoxe Gläubige gleich welcher Herkunft und Religion als gotteslästerlich bezeichnen würden. Doch immer können uns Bibliotheken dabei helfen, uns selbst zu finden. Und wer sich selbst gefunden hat weiß, dass er das, was er sucht, nirgendwo anders mehr suchen muss. Er ist, wie Dante es formulierte, mit einer guten Bibliothek im Rücken in der ganzen Welt zu Hause.

Kein Wunder also, dass Bibliotheken Orte der Feier sind. Was mich auf einen letzten Gedanken bringt. Wir sind angekommen in der Gegenwart und können verstehen, was die Kölner Stadtbibliothek ausmacht und sie auszeichnet mit all ihren Verästelungen und Verzweigungen hinein in das Kölner Leben. Frau Dr. Vogt wird Ihnen gleich noch zeigen, was das heißt. Was aber ist die Zukunft der Bibliotheken? Haben sie eine Zukunft? Um diese Frage zu beantworten möchte ich jemanden ins Spiel bringen, der in Bielefeld gelehrt und gearbeitet hat –und berühmt war für seinen Zettelkasten, der nicht nur seine Bibliothek, sondern auch seine Gedanken ordnete. Ich meine den Soziologen Niklas Luhmann, den Begründer der sogenannten Systemtheorie – eine der zwar abstraktesten, aber eine der brauchbarsten und anwendungsstärksten Theorien, die die jüngere Geisteswissenschaft seit Kant überhaupt hervorgebracht hat. Der Universalgelehrte Niklas Luhmann, der in Bielefeld die erste soziologische Fakultät Deutschlands mit aufbaute, ist unter anderem berühmt für seinen Zettelkasten, der eigentlich eine ganze Bibliothek mit mehr als 90.000 Gedanken darstellt.

Jedenfalls hat Luhmann seine Bücher mit Hilfe dieses Zettelkastens geschrieben. Zu besichtigen war dieser Gral der Forschung, wie manche Soziologen (und nicht nur sie) ihn geradezu zärtlich nennen, in der Ausstellung "Serendipity – Vom Glück des Findens" bis vor wenigen Tagen in der Kunsthalle Bielefeld. Zum ersten Mal war der Zettelkasten Niklas Luhmanns öffentlich zu sehen: eine Ikone der Sozial- und Geisteswissenschaften. In einem Zettelkasten hat Luhmann nicht nur Bücher und Artikel sondern auch seine Gedanken miteinander vernetzt – auf tausenden von Zetteln mit einem ausgetüftelten Zahlen-Verweissystem. Insgesamt also eine Art persönliches Netzwerk, das Grundideen des Internet vorwegnahm lange bevor es wirklich existierte. In Bielefeld, wo Luhmann lehrte und wo heute sein Archiv erforscht wird, wurde der Zettelkasten mit den Ordnungssystemen von Künstlern konfrontiert.

Interessant ist was Luhmann als Systemtheoretiker über die Gesellschaft sagt. Eine der zentralen Ideen von Luhmann ist, dass das, was die Gesellschaft ausmacht, das also, was JEDE Gesellschaft ist, in einem einzigen besteht: Gesellschaften bestehen aus nichts anderem als Kommunikation. Sie sind ihre eigenen Medien der Kommunikation – und das, was wir Medien nennen, stellt nur eine dieser Formen der Kommunikation dar. Indem man kommuniziert, teilt man Sinn. Eine Gesellschaft macht daher permanent von Sinn Gebrauch, indem sie Kommunikation ermöglicht und herstellt. Sinn gibt es einzig und allein nur so: durch Kommunikation. Sie finden Sinn also nie isoliert auf der Straße oder in einem Buch so wie eine Zahl auf einem Geldschein. Damit Sinn hergestellt wird, müssen Sie kommunizieren – übrigens auch mit oder in sich selbst. Sie können nicht in sich schauen und sagen: Ah, da sehe ich jetzt Sinn. Sinn ist vielmehr das Produkt einer Operation, eines Prozesses und nicht wie Luhmann wörtlich schreibt, "eine Weltqualitat, die sich einer Schöpfung, einer Stiftung, einem Ursprung verdankt".

Sie können in einem Buch, in einer Information, kurz: in einer Bibliothek also nicht Sinn selbst finden, wohl aber Anlässe, Sinn zu suchen und zu finden. Bibliotheken sind daher in hohem Maß sinnvoll. Sie bieten Anstöße Sinn zu finden, den Sie sich dann im weiteren durch Gespräch, Nachdenken oder welchen Formen der Kommunikation auch immer weiter erschließen können. Dass die Bibliothek als reiner Aufbewahrungsort von Büchern tot ist, war erstens absehbar, ist zweitens sinnvoll und drittens völlig problemlos für die Bibliothek der Gegenwart, die Zukunft hat.

Denn Sie finden in einem Buch keinen Sinn, wenn Luhmann recht hat. Insofern sind Bücher tot – und das war immer schon so. Auch das Internet ist in diesem Sinn tot. Aber die Bibliothek ist eben mehr als eine Summe von Büchern plus Internetzugängen. Selbst als Gebäude dient sie in Zukunft in erster Linie als Gehäuse der Kommunikation, als Lebensraum, in dem das, was sie in der Bibliothek finden und die Menschen, die dort sind, miteinander kommunizieren: miteinander entdecken, etwas heranwachsen und reifen lassen. Bibliotheken sind Kreißsäle der Kommunikation. Neues wird hier geboren, immer wieder!

Insofern ist die Bibliothek ein wirklicher Ort der Zukunft, ein Ort, an dem ich Anschluss an das Leben bekomme. Bibliotheken sind Orte des Lebens, Lebens-Keime. In der Sprache der Metapher, die heute richtungsweisend geworden ist fur viele Zusammenhänge: Bibliotheken sind die Netzwerke, sind Nahtstellen zwischen den beiden Dimensionen von Kommunikation und Gesellschaften. Bibliotheken leben, wenn sie Kommunikation hervorbringen. Deshalb sind sie Kraftwerke für die Gesellschaft, die eben nicht nur von Brot, Unterkunft, Arbeit und Geld alleine lebt.

Insofern und nur insofern kann man Knud Schulz, dem "Manager" von Dokk1, der unglaublich aussehenden, modern-neuen Bibliothek im dänischen Aarhus, Recht geben wenn er wenig Mitleid für Bücher übrig hat. Er sagte, "Eine Bibliothek muss sich in erster Linie mit den Menschen beschäftigen, nicht mit Büchern". Und dann beteuert er, "dass der Mehrwert eines Bibliotheksbesuchs nicht mehr darin bestehe, an Informationen zu gelangen, sondern in der Vergemeinschaftung. Von einem Ort, an dem Bücher gelagert worden seien, habe sich die Bibliothek zu einem Ort verwandelt, an dem der Bürger im Mittelpunkt stehe, proklamiert er selbstbewusst" (Zitat FAZ).

Für mich verkörpert die Kölner Zentralbibliothek diesen Geist, den ich nicht nur in ihr kennengelernt habe sondern vor allem auch im Umgang mit einigen der Menschen, die dort arbeiten: wie die Bibliothek der Zukunft Gestalt annehmen zu lassen und sie Schritt für Schritt zu verwirklichen. Die Kölner Stadtbibliothek ist eine Zukunftsbibliothek. Es gibt nicht nur vielfaltige Bildungsangebote, die weit über Bücher hinausgehen, sondern auch einen Blog, ein Klavierzimmer, Gaming, Veranstaltungen, einen 3D-Drucker, Ausstellungen, die digitale Werkstatt. Noch bevor ich selber eine Sendung über dieses neue Thema, das Wirtschaft und Industrie maßgeblich verändern wird, machen konnte, stand hier in Köln bei Ihnen in der Bibliothek ein 3D-Drucker, mit dem man experimentieren konnte.

Das sind nicht nur Dinge, sondern Themen, Kontexte, die unsere Welt verändern werden. Wir müssen sie im wörtlichen Sinne begreifen können und nicht nur darüber lesen. Die Kölner Stadtbibliothek ist ein Netzwerk, das all das aus den Büchern heraus und hinein ins Leben holt. Sie macht Wissen und Kommunikation sichtbar und sinnlich greifbar. Darüber hinaus – und auch deshalb schätze ich diese Bibliothek so – haben Sie dieses Leben nicht nur einfach reingeholt und dann reingeknallt, sondern liebevoll eingeordnet. Diese Einordnung ist das, was den Unterschied macht – zumindest in einer Zeit, in der Sie auf jedem beliebigen Smartphone Zugang zu soviel Wissen haben, dass Sie es nie, wirklich nie innerhalb ihrer Lebenszeit verarbeiten können.

Dagegen ist eine klassische Bibliothek notwendig beschränkt. Was Sie aber in all dieser Flut von Wissen, übrigens auch in einer mit dem Internet vernetzen Bibliothek nicht haben, ist die innere Ordnung dieses Wissens. Aber nur geordnetes Wissen ist etwas wert – und daran hapert es heute immer mehr. Wir ertrinken in Informationen, leben aber in einer Wüste der Orientierungslosigkeit. Eine Bibliothek mit Zukunft muss jedoch mehr sein als ein Ort, an dem Sie Informationen gleich welcher Art finden. Eine wirkliche, zukunftsorientierte Bibliothek ist für mich ein Ort des Lernens und Verstehens, ein Ort der Kommunikation und damit ein weiter, im Grunde unendlicher Raum, der für mich Mittel bereit stellt, gut in dieser Welt zu leben.

Bibliotheken sind – und das ist weder eine Metapher noch übertrieben – lebensnotwendig. Wohl dem, der eine hat! Wer von klein auf an so eine Bibliothek gewöhnt wird und daran, sie wie unsere Sprache vielfältig, kreativ und flexibel zu gebrauchen, lernt, dass sie ein Ort ist, mit dem man wachsen kann: eine Art Spalier, das belastbaren Halt gibt. Und ein Garten, voller Nutz- und Zierpflanzen. Ich will nicht sagen, dass die Stadtbibliothek in Köln bereits ein Garten Eden ist – da würde ich der Kölner Stadtbibliothek dann doch zum paradiesischeren Look ein Atrium wünschen mit einem richtigen Garten. Und vielleicht auch eine schönere Architektur – aber das kann ja noch kommen. Aber was die Kölner Stadtbibliothek bereits ist, kann man täglich sehen: eine wahre Oase in dieser Stadt, ein Ort der Begegnungen, der als Raum und Zeit des Wachsens angelegt ist und vor allem über vitale Lebensenergie verfügt.

Dafür verdient diese Bibliothek eine Auszeichnung: die Auszeichnung, die derzeit beste, vorbildlichste Bibliothek Deutschlands zu sein. Dazu möchte auch ich gratulieren und mich bei Ihnen für Ihr aufmerksames Zuhören bedanken.

Cologne Public Library Named 2015 Library of the Year

The Courage to Innovate and a Clear Strategy Convinced the Jury

The Cologne Public Library was honored with the 2015 Library of the Year award by the Deutsche Bibliotheksverband (dbv) (German Library Association). The award, Germany’s highest honor for libraries, will be bestowed at a ceremony on Saturday, October 24, 2015, on the "Tag der Bibliotheken" (the German national Library Day). The Cologne Public Library is the sixteenth recipient of the award.

The Cologne Public Library has courageously launched numerous unconventional and innovative initiatives and programs in the last few years. The Library focused on people, the patrons and staff, in all of its planning and so transformed itself into an essential stakeholder in the community. This was achieved despite a difficult budget situation, meager resources, and unfavourable spatial conditions through the efforts of the highly motivated staff and the interdisciplinary cooperation with the technology and creative branch industries. The Library implemented its new strategic concept by supplementing its regular programming and services with diverse and stimulating patron offerings geared at target audiences. It thus serves as an example for other libraries.

For large parts of society the library is the arbiter of education and culture. In the last few years the Cologne Public Library has positioned itself in the city as a place of innovation and education. The Library’s own creative untertakings and cooperative learning and teaching activities stand at the forefront. Reading promotion is targeted to specific groups and environments with visible results. Cooperation, openness and participation are the core values of program services. This enables the Library to stand out as its own brand and so reach new audiences.

The tremendous increase in user statistics, 60% since the implementation of the new library strategy in 2008, a figure that would elsewhere only occur with a new library building, demonstrates the potential that rests in all libraries.

The Cologne Public Library was chosen unanimously from among an excellent selection pool. The Library was nominated by the dbv’s Division for Large Libraries and the Landesverband Berlin. All nominated libraries were judged on the following criteria:

  • quality and innovation of library services
  • forward-looking approach
  • sustainable effect
  • attractive program
  • service offerings, effective publicity, international engagement
  • local, regional and international networking

Jury President Hans-Joachim Grote particularly praised

[…] the Library’s successful role as creative community center and meeting place with a feel-good atmosphere.  The Library illustrates the important role all libraries should play in future city planning for public spaces.

Further information - Deutscher Bibliotheksverband e. V.

Contact

Stadtbibliothek Köln
Judith Petzold
Director of Communication
Phone: (+49) 221 / 221-23810

E-Mail to: petzold@stbib-koeln.de
2015 - Jahresbericht über ein außergewöhnliches Jahr!