Die Preisträgerin 2017 ist Şirin Şimşek.

Begründung für die Preisvergabe

© L. Hillen

Şirin Şimşek ist eine Grenzgängerin zwischen den Medien Fotografie, Film und Video. Im Mittelpunkt ihrer Werke steht das menschliche Subjekt, die Begegnung mit ihm und seiner Identität.

Sind wir das, was wir sind, weil wir so geboren wurden? Oder weil die Gesellschaft uns so formt?

ist eine zentrale Fragestellung der 34-jährigen Deutsch-Türkin. Aber auch die Frage nach kultureller Zugehörigkeit, den Einfluss von Familie und die mit ihr verknüpften Erwartungen an das Individuum sowie politische und gesellschaftliche Umbrüche beschäftigten sie. So handelt die Arbeit "Der Retter bist du", mit der Şirin Şimşek 2012 ihr Diplom an der Hochschule Düsseldorf machte, von ihrer eigenen Familie und der Rolle, die sie selbst in dieser einnimmt. In dem Buch vermischt die Künstlerin Aufnahmen aus Familienalben mit eigenen, ungeschönten und teilweise sehr intimen Fotografien und immer wieder auch eigenen kurzen Texten, in denen sie die Geschichte ihrer zehnköpfigen Familie reflektiert.

Die rund achtminütige Videoarbeit "Matchpoint" von 2015 besteht nur aus einer einzigen Einstellung, die die junge Frau selbst beim sogenannten "Tindern" zeigt.

Allerdings benutzt sie die Dating-App, die durch ihre Links- oder Rechts-Wisch-Gesten berühmt geworden ist und wie kaum ein zweites digitales Werkzeug für die Flüchtigkeit und Oberflächlichkeit unserer Bekanntschaften auf der einen Seite und den (zumindest scheinbar) jederzeit verfügbaren Sex auf der anderen Seite steht. Der besondere Clou ist jedoch, dass Şirin Şimşek diese App nicht irgendwo in Köln, sondern im palästinensischen Autonomiegebiet Ramallah nutzt. Da die ihr angezeigten jungen Männer jedoch überwiegend jüdischer Herkunft sind und im benachbarten Jerusalem leben, wird es, bedingt durch die politische Situation und die die Menschen umgebende Mauer, wohl niemals zu persönlichen Treffen kommen. Der Film verdeutlicht die Absurdität der uneingeschränkten Möglichkeiten mobiler digitaler Kommunikation bei gleichzeitiger Unfreiheit.

Für ihre jüngste Arbeit "Hüzün", die sowohl als Buch als auch als Video existiert, ist Şimşek in den Touristenort Side an der türkischen Riviera zwischen Alanya und Antalya gereist. Die Geschichte der Stadt geht bis in die Antike zurück, zahlreiche römische Ruinen zeugen davon. Doch die politischen Unruhen und gesellschaftlichen Umbrüche haben negative Auswirkungen auf den Tourismus in der Region. Gleichzeitig ist es auch eine sehr persönliche Reise der Künstlerin. So zeigt der Einstieg des Films eine Atatürk-Statue in Side und Şimşek spricht den Leitsatz Atatürks aus dem Off:

Ich bin Türke, ehrlich und fleißig. Mein Gesetz ist es, meine Jüngeren zu schützen, meine Älteren zu achten, meine Heimat und meine Nation mehr zu lieben als mich selbst. Mein Ideal ist es aufzusteigen, voranzugehen. O großer Atatürk! Ich schwöre, dass ich unaufhaltsam auf dem von dir eröffneten Weg zu dem von dir gezeigten Ziel streben werde. Mein Dasein soll der türkischen Existenz ein Geschenk sein. Wie glücklich derjenige, der sagt: "Ich bin Türke!"

Allerdings stolpert sie über die Aussprache einiger türkischer Wörter, die sie deshalb mehrfach wiederholen muss, was die Distanz zu ihrer eigenen Sprache und somit auch zu ihrer Kultur unterstreicht. An einer anderen Stelle zeigt Şimşek eine Bauchtänzerin, die stumm und ohne musikalische Begleitung durch eine festliche Gesellschaft tanzt. Lediglich das (nachträglich eingefügte) Klirren ihres Kristallschmucks ist zu hören - es hört sich an wie schwere Metallketten. Andernorts stehen weiße Tempelruinen quasi neben zusammengeklappten weißen Sonnenschirmen - beides Zeichen vergangener Zeiten? Und während Şimşek einen wehenden Vorhang vor einer offenen Balkontür filmt, hören wir aus dem Off die Telefonstimme einer jungen Frau aus Deutschland, die auf die Künstlerin einzureden scheint, weil sie sich Sorgen um ihre Sicherheit macht.

Dies sind nur drei Bespiele aus dem Werk der jungen Kölner Künstlerin, die die Jury des Chargesheimer-Stipendiums der Stadt Köln 2017 überzeugt und vor allem auch begeistert haben. Denn Şirin Şimşeks Arbeiten sind nicht nur handwerklich sehr professionell und inhaltlich spannend, sondern sie sind persönlich und zugleich politisch, sachlich und zugleich poetisch. Aus diesem Grund freuen wir uns sehr auf die Arbeit, die Şirin Şimşek mit dem ihr nun verliehenen Chargesheimer-Stipendium umsetzen will: Ein Experimentalfilm über die deutsche Tierärztin Margit Müller in Abu Dhabi, die eine Falkenklinik aufgebaut und es damit nicht nur zu einer großen Bekanntheit, sondern auch zu gesellschaftlicher Anerkennung gebracht hat: Es heißt, sie genieße mittlerweile den gesellschaftlichen Status eines Mannes.

Damian Zimmermann für die Jury

Weitere Informationen

Die Biografie der Preisträgerin und die Laudatio von Damian Zimmermann haben wir für Sie bereitgestellt:

Biografie von Şirin Şimşek
PDF, 59 kb
Laudatio von Damian Zimmermann
PDF, 73 kb

Wer war Chargesheimer?

Carl-Heinz Hargesheimer, Künstlername Chargesheimer, deutscher Fotograf, wurde 1924 in Köln geboren und starb hier 1972.

Seit 1980 ist das Stipendium der Stadt Köln im Bereich Medienkunst nach ihm benannt. Weitere Eckdaten zu Chargesheimer sowie eine alphabetische Übersicht der bisherigen Preisträgerinnen und Preisträger:

Chargesheimer Preisträgerinnen und Preisträger alphabetisch