Bestandserfassung

© Stadt Köln/Historisches Archiv

Durch den Einsturz des Historischen Archivs am 3. März 2009 ist fast der gesamte Archivbestand aus über 1.000 Jahren Stadt-, Regional- und Kirchengeschichte unter Schutt und Trümmern begraben und stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Der Restaurierungsbedarf ist gigantisch. Mindestens 6.000 bis 6.500 Personenjahre sind erforderlich, um alle beschädigten Archivalien weitestgehend in Stand zu setzen. Mehr als 200 Personen müssen in ständigem Einsatz sein, damit das Archiv in 30 Jahren wieder voll funktionsfähig sein kann.

Zu den Wiederaufbau der Bestände gehört allerdings nicht nur die Restaurierung der Archivalien, sondern auch deren Sichtung, Erfassung und Ordnung.

Nachdem die Archivalien aus den Trümmern geborgen worden sind, wurden sie in durchnummerierte Kisten verpackt, eine Vorsortierung konnte aufgrund des hohen Zeitdrucks bei der Bergung nicht stattfinden. Das Archivgut wurde so verpackt, wie es durch die Bergungsumstände zusammengeführt worden ist und dann in verschiedene Archive in ganz Deutschland gebracht.

Seit Oktober 2009 sind deshalb Fachkräfte damit beschäftigt, die Kartons in den verschiedenen Archiven zu öffnen, den Inhalt zu identifizieren, auf Schäden zu überprüfen und - falls möglich - einem Bestand zuzuordnen.

Die Erfassung der Bergungseinheiten wird durch eine speziell hierfür entwickelte Bergungssoftware unterstützt. Jedes Stück erhält einen Barcode, sodass jederzeit genau nachvollzogen werden kann, wo und in welchem Zustand es sich befindet.

Das Archivgut, das die Ersterfassung bereits hinter sich hat, wird nun sukzessive an die Restaurierung übergeben.

Die Restaurierung

Nach dem Einsturz wurde schon sehr bald ein Restaurierungszentrum geplant, das den besonderen Anforderungen und der großen Masse an Restaurierungsobjekten gerecht wird. Die Suche nach einer geeigneten Immobilie, die die hohen technischen Anforderungen und Sicherheitsansprüche erfüllte, erwies sich jedoch als langwierig.

Schließlich fanden wir mit einer ehemaligen Lagerhalle in Porz-Lind ein geeignetes Objekt. Für die Lagerhalle, in der bereits unmittelbar nach dem Einsturz erste Archivalien notversorgt worden waren, wurden innerhalb weniger Monate geeignete Raumpläne und -konzepte erstellt und umgesetzt. Zudem erfolgte die Installation archivgerechter Klimatechnik sowie modernster Elektronik und Sicherheitsanlagen. Inzwischen ist in Porz-Lind eine hochmoderne Restaurierungswerkstatt entstanden, in der täglich an der großen Herausforderung gearbeitet wird, die Archivalien möglichst bald wieder nutzbar zu machen.

An den Restaurierungsbereich ist ein Magazin angeschlossen, in dem Archivalien nach der Bearbeitung sicher gelagert werden können. Erforderlich sind die Magazine und Werkstätten vor allem, um die Archivalien aus den ursprünglich 20 Asylarchiven zusammenziehen und zu Partien zusammenstellen zu können. Als "Asylarchive" werden Archive bezeichnet, die dem Kölner Stadtarchiv nach dem Einsturz geeignete Magazinflächen für Archivalien bis zu deren Restaurierung zur Verfügung stellen konnten.

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Über das ganze Bundesgebiet verteilt - vom nördlichen Schleswig Holstein bis in den Süden in Freiburg - sind geborgene Archivalien des Historischen Archivs gelagert. Die Archivalien werden dann entweder in die eigene Werkstatt in Porz-Lind gebracht und dort restauriert, oder externe Anbieterinnen, Anbieter, Kooperationspartnerinnen und -partner übernehmen diese Aufgabe.

Der auf den geborgenen Archivalien allgegenwärtige Betonstaub muss von jedem einzelnen Blatt entfernt werden, was bei einem Gesamtbestand von 30 Regalkilometern eine nie gekannte Herausforderung darstellt. Bei leichteren Schäden ist die Bearbeitung mit der Reinigung abgeschlossen. Dies wird jedoch nur bei circa 15 Prozent der Fall sein. Bei allen anderen Archivalien folgen aufwändige Arbeiten:

  • Glättung
  • Schließung von Rissen
  • Ergänzung von Fehlstellen
  • Fixierung von Siegeln
  • Entfernung von mikrobiellem Befall
  • Herstellung neuer Einbände und Schutzverpackungen et cetera

Eine besondere Herausforderung stellen die fotografischen Bestände und audiovisuellen Medien dar, deren Trägerschichten sehr anfällig für mechanische und chemische Belastung sind.

Umfangreiche Informationen zur Restaurierung haben wir für Sie zusammengestellt:

Kölner Schadensbilder

Das aus den Trümmern geborgene Archivgut - egal um welches Material es sich dabei handelt - weist insgesamt sehr charakteristische Schäden auf: die "Kölner Schadensbilder".

Mechanische Beschädigungen

Mechanische Beschädigungen sind besonders typisch für massive Erschütterungen. Es handelt sich hierbei um Risse, Schnitte, Brüche und Fehlstellen sowie Knicke und Stauchungen.

Je nach Materialtyp ist das Schließen von Rissen oder Fehlstellen und das Glätten von Knicken und Stauchungen unterschiedlich aufwändig.

Derartige Beschädigungen in einer Akte aus Papier lassen sich in der Regel relativ einfach bearbeiten. Bei einer mittelalterlichen Handschrift, die aus mehreren Materialien wie Pergament, Leder, Holz und Metall besteht, ist das jedoch wesentlich komplizierter.

Teilweise sind durch den Einsturz auch starke Deformierungen entstanden. Sogar ganze Buchblöcke konnten dem immensen Druck nicht standhalten und sind verformt worden. In vielen Fällen hat sich jedoch gezeigt, dass gute Schutzverpackungen oder auch die massiven mittelalterlichen Holzdeckeleinbände eine vollständige Zerstörung verhindert haben.

Verschmutzungen

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Auf jedem einzelnen Dokument befindet sich alkalischer Betonstaub und Schmutz, der langfristig irreparable Schäden verursachen wird. Hinzu kommt, dass einige Dokumente durch die teilweise monatelange Berührung mit Grundwasser, Erdreich und Bauschutt enorm verschmutzt sind.

Die verschiedenen Materialien erfordern unterschiedliche Reinigungsverfahren. So kann zum Beispiel eine oberflächliche Verschmutzung auf einem Papier durch Abkehren mit einem Pinsel entfernt werden. Bei fotografischen Materialien würde dieses Verfahren hingegen die empfindliche Emulsionsschicht massiv beschädigen.

Bei dem nass oder feucht gewordene Archivgut ist es in vielen Fällen zu mikrobiellem Befall, also Schimmelbefall, gekommen. Diese Archivalien müssen daher unter speziellen Sicherheitswerkbänken bearbeitet werden.

Wasserränder

An vielen Stücken sind Feuchtigkeitsschäden entstanden. Zum Teil sind Archivalien an der Einsturzstelle mit dem Grundwasser in Berührung gekommen, zum Teil sind die Feuchtigkeitsschäden aber auch eine Folge der schlechten Wettereinflüsse während der Bergungsphase. Durch die Feuchtigkeit kommt es zu Wasserrändern, also zum "Ausbluten" von Farbmitteln, und es können - je nach Material - sehr starke Verwellungen entstehen.

Wir konnten jedoch erstaunt feststellen, wie widerstandsfähig vor allem Papiere sind. So haben wir unter anderem einzelne Akten geborgen, die bis zu 19 Monate im Grundwasser gelegen haben und doch noch lesbar und recht gut erhalten sind.

Die von Regen- und Grundwasser stark durchnässten und verdreckten Archivalien wurden sofort mit klarem Wasser abgebraust, in Stretchfolie verpackt und bei minus 25 Grad schockgefroren. Die Restaurierung dieser eingefrorenen Stücke stand unter besonderem Zeitdruck, da die Veränderung der Eiskristalle nach etwa zwei bis drei Jahren zu sekundären Schäden führen kann.
Es ist uns aber gelungen, alle eingefrorenen Archivalien bis _______ gefrierzutrocknen, um sie dann weiter bearbeiten zu können.

Mikrobieller Befall

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Die feuchten und verschmutzten Archivalien sind anfällig für einen Befall durch Mikroorganismen. Daher sind viele Stücke partiell oder auch vollständig verschimmelt. Sie müssen schnellstmöglich gereinigt werden, da es ansonsten zum Abbau der chemischen Strukturen kommt.

Ohne eine sorgfältige Trockenreinigung werden diese Stücke nicht für die Benutzerinnen und Benutzer freigegeben, denn die Schimmelsporen könnten zu gesundheitlichen Problemen führen.

Schäden an Text- und Schriftbild

Durch Fehlstellen, Verschmutzungen und Feuchtigkeitsschäden ist es auch zu erheblichen Verlusten der Textinhalte gekommen. Bei den empfindlichen fotografischen Materialien und den audiovisuellen Medien ist dies besonders ausgeprägt.

Lediglich 60 Prozent der Bild- und Tonträger konnten in einem restaurierbaren Zustand geborgen werden. Der Großteil (55 Prozent) der geborgenen AV-Medien ist in einem so stark geschädigten Zustand, dass eine Benutzung nicht möglich ist. Die Restaurierung dieser Materialien stellt eine besonders große Herausforderung dar.

Neben den zahlreichen durch den Einsturz bedingten Schäden existieren aber auch einige Vorschäden.

Durch die Überlagerung und Kombination verschiedener Schädigungen sind in solchen Fällen sehr komplexe Schadensbilder entstanden, was die Restaurierung der Dokumente zusätzlich erschwert.

Die Arbeitsschritte der Restaurierung

Bevor mit der Restaurierung einer geborgenen Archivalie begonnen werden kann, muss festgestellt werden, um welche Art von Archivgut es sich handelt. Dabei kommen vor allem Bücher, Urkunden, Akten, Karten und Pläne oder auch Fotografien in Frage. Diese Stücke bestehen aus verschiedenen Materialien wie beispielsweise aus Papier, Leder, Pergament, Holz, Metall, Wachs und Blei. 

Bei der Herstellung eines Buches werden mehrere Materialien gleichzeitig verwendet. Daher ist es in der Regel komplexer, eine Handschrift in Buchform zu restaurieren als eine einzelne Karte oder eine Urkunde. Die verschiedenen Materialien erfordern teilweise eine jeweils andere Herangehensweise und müssen mit unterschiedlichen Maßnahmen behandelt werden.

Unabhängig vom verwendeten Material muss ein Großteil der Objekte vorab gefriergetrocknet werden. Dabei wird den Archivalien in einer speziellen Vakuumkammer die Feuchtigkeit entzogen, indem das Wasser direkt vom gefrorenen in den gasförmigen Zustand überführt wird.

Trockenreinigung

Eine Trockenreinigung ist fast immer der erste Arbeitsschritt. Verzichtet man darauf, kann es bei der darauffolgenden Bearbeitung - wie beispielsweise einer wässrigen Reinigung oder der Verwendung von Klebstoffen - dazu kommen, dass der Schmutz untrennbar an das Objekt gebunden wird. Staub und Schmutz können zudem einen Befall durch Mikroorganismen begünstigen, da sie einen bevorzugten Nährboden darstellen. Je nach dem, wie die Materialoberfläche beschaffen ist, muss ein individuell geeignetes Verfahren für die Trockenreinigung gefunden werden.

© Rheinisches Bildarchiv/Anna C. Wagner

So sind Papier und Pergament keineswegs ebenmäßig. Sie haben auf der Oberfläche dreidimensionale Strukturen, auf und in denen sich Schmutz und Staub anlagern können. Dagegen ist eine Lederoberfläche vergleichsweise glatt und bietet für Staubpartikel weniger Möglichkeiten, sich festzusetzen.

Die Trockenreinigung hat für das vom Einsturz geschädigte Archivgut eine besondere Bedeutung. Bei dem dort entstandenen Betonstaub handelt es sich nämlich nicht um "normalen" Staub. In einem Gutachten vom August 2009 wurde bestätigt, dass der Betonstaub einen hohen alkalischen pH-Wert von 11 bis 12 besitzt.

Dieser Wert kann durch Feuchtigkeitseinfluss noch weiter ansteigen. Zum Vergleich: Natronlauge hat einen ungefähren pH-Wert von 14 und ist hoch ätzend. Der Betonstaub ist außerdem besonders scharfkantig und zum Teil sehr fein. Es wurden Größen von weniger als einem Mikrometer, also einem tausendstel Millimeter, gemessen. Dadurch kann der Staub sehr tief in die Materialien eindringen, er ist sogar bei geschlossenen Büchern bis in das Buchinnere gelangt.

Das bedeutet, dass selbst Archivalien, die den Einsturz scheinbar gut überstanden haben und denen man eine Verschmutzung auf den ersten Blick nicht ansieht, zunächst gründlich gereinigt werden müssen.

Werkzeuge und Materialien

  • Pinsel
    In der Regel werden die Oberflächen zunächst mit einem weichen Pinsel abgefegt. So können lose aufliegende Verschmutzungen entfernt werden.
  • Latexschwamm
    Der sogenannte Latexschwamm bindet den Schmutz und verteilt ihn nicht nur auf der Oberfläche. Er kommt daher in der Restaurierung sehr häufig zum Einsatz.
  • Spatel oder Skalpell
    Bei fest sitzendem Schmutz kommt ein Spatel oder ein Skalpell zum Einsatz. Der Schmutz wird mit diesen Werkzeugen abgekratzt beziehungsweise abgeschabt. Dabei ist größte Vorsicht erforderlich, um das Material so weit wie möglich zu schonen.
  • Druckluft
    Eine Reinigung ist außerdem mit Druckluft möglich, wobei Airbrush- oder Ausblaspistolen sozusagen zweckentfremdet werden. Mithilfe eines Kompressors wird Luft aus der Düse herausgeblasen.

In den seltensten Fällen bringt eine Methode allein den gewünschten Erfolg. In der Regel sind kombinierte Verfahren am effektivsten: Zunächst wird das Blatt mit einem Pinsel oder mit Druckluft behandelt, anschließend kann mit dem Latexschwamm gezielter und gründlicher gereinigt werden. Anhaftende Verkrustungen fallen dann zusätzlich dem Skalpell zum Opfer.

© Stadt Köln/Historisches Archiv

Weitere Arbeitsschritte

Bei stärker beschädigtem Archivgut ist es mit der Trockenreinigung nicht getan. Die Restaurierung dieser Stücke erfordert nach der Trockenreinigung eine weitere Bearbeitung, die meist deutlich zeitintensiver und aufwändiger ist. Dazu gehört beispielsweise:

  • Schließen von Rissen
  • Ergänzen von Fehlstellen
  • Glätten von Papier und Pergament
  • Restaurieren von Buchmalereien
  • Verkleben von gebrochenen Holzdeckeln
  • Ergänzen des Einbandleders
  • Restaurieren von Schließen und Siegeln

Restaurierungsbeispiele

Anhand von drei Beispielen zeigen wir Ihnen, in welchem Zustand das geborgene Archivgut vorlag und welche Arbeitsschritte zur Restaurierung erforderlich waren. Wie komplex das Verfahren in einzelnen Fällen sein kann, wird an einem vierten, bislang nicht restauriertes Fundstück deutlich.

Verwaltungsakte aus dem Jahr 1982

© Stadt Köln/Historisches Archiv

Diese Akte war stark deformiert und hatte zahlreiche Knicke und Stauchungen.

Die einzelnen Blätter mussten vor der Restaurierung zunächst kollationiert werden. Das bedeutet, dass die Akte auf Vollständigkeit geprüft und die richtige Seitenreihenfolge kontrolliert wurde. Anschließend wurde die Akte auseinander genommen und alle Blätter einzeln trockengereinigt.

Um die geknickten Ränder zu glätten, mussten sie mit demineralisiertem Wasser besprüht, danach zwischen Polyestervliesen und Löschkarton eingepresst und schließlich getrocknet werden. 

Abschließend war es erforderlich, die Risse zu schließen und Fehlstellen zu ergänzen. Dazu wurden verschiedene Japanpapiere (handgeschöpftes, durchscheinendes Papier) und Weizenstärkekleister verwendet.

Siegel des Kölner Verbundbriefes von 1396

Der Kölner Verbundbrief vom 14. September 1396 ist das grundlegende Verfassungsdokument der alten Reichsstadt Köln. Bürgermeister, Rat und Gemeinde in Form der 22 "Gaffeln" gaben sich eine neue Verfassung und beschlossen ein kompliziertes Verfahren zur Zusammensetzung des städtischen Rates. Der Rat sollte über alle Entscheidungen "mogich und mechtich" sein.

Der Verbundbrief ist mit dem großen Stadtsiegel und den 22 Gaffelsiegeln besiegelt. Er wurde erst 1797 während der französischen Herrschaft in Köln förmlich außer Kraft gesetzt.

Die eigentliche Urkunde des Kölner Verbundbriefes wurde durch den Einsturz kaum beschädigt, die empfindlichen Siegel sind hingegen zerdrückt und nahezu zerstört worden.

Anhand alter Fotografien wurden die Fragmente vor der Restaurierung so weit wie möglich dem jeweiligen Siegel zugeordnet. Die Bruchkanten wurden mit eingefärbtem, flüssigem Bienenwachs bestrichen, sodass die Teile angesetzt werden konnten. Von vielen Siegeln waren leider nur wenige Stücke vorhanden. Die verbliebenen Zwischenräume mussten wir deshalb ebenfalls mit Bienenwachs füllen und so die Fehlstellen ergänzen

Pergamenthandschrift von Albertus Magnus

Das nächste Beispiel zeigt eine Pergamenthandschrift von Albertus Magnus aus dem 13. Jahrhundert. Wie rechts auf dem Foto zu sehen ist, handelt es sich um einen Ganzlederband mit rotem Ziegenleder und Holzdeckeln, der mit zwei Schließen und Beschlägen aus Messing ausgestattet ist.

Bei früheren Restaurierungen sind bereits verschiedene Teile des Buches ergänzt beziehungsweise erneuert worden. So wurde zum Beispiel der ursprüngliche Buchrücken durch Pergament ersetzt. Gerade dieser Rücken war durch die Wucht des Einsturzes komplett durchgerissen und bildete den Hauptschaden des Buches.

Außerdem war das Einbandleder durch Kratzer und Abschürfungen beschädigt, die sich als helle Stellen deutlich vom Untergrund des roten Leders abhoben.

Zur Restaurierung waren folgende Maßnahmen nötig:

  1. Trockenreinigung
  2. Abnahme der Eckbeschläge
  3. Ablösen des Pergamentrückens
  4. Anheben der Spiegel
  5. Abnahme des Vorderdeckels und Ergänzung von Heft und Kapitalbünden
  6. Ergänzung der Pergamentfälze
  7. Ansetzen des Vorderdeckels
  8. Rückenleder färben und ansetzen
  9. Anfertigen neuer Schließen und Riemen
  10. Festigen und Retuschieren der aufgeschürften Lederpartien
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Angefangen von der Trockenreinigung bis zur Retusche des Lederrückens wurden insgesamt etwa 32 Arbeitsstunden benötigt. Noch nicht eingerechnet ist dabei das Anfertigen einer Dokumentation inklusive Vorher- und Nachher-Fotos, die immer Bestandteil einer Restaurierung sind. Zu bedenken ist auch, dass dieses Buch sogar in einem verhältnismäßig guten Zustand geborgen werden konnte.

Archivalien, die stärkere Schäden aufweisen und weitere Maßnahmen erfordern, benötigen oftmals mehr als 100 Arbeitsstunden.

Miniatur aus einer mittelalterlichen Handschrift

Die mittelalterliche Handschrift "Picturae sacrae" stammt aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Sie enthält zahlreiche mehrfarbige Miniaturen, darunter die Passion und Verherrlichung Jesu, Maria mit Kind, der Gnadenstuhl, ein Ablassbild (Arma Christi mit Schmerzensmann) und Werke der Barmherzigkeit.

Die hier dargestellte Buchmalerei zeigt eine Szene aus der Passion Christi. Da sich der Betonstaub auf nahezu allen Buchseiten abgelagert hat, ist auch diese Miniatur betroffen. 

Bei der Detailansicht auf dem unteren Bild kann man zu erkennen, dass in den grünen Bereichen bereits Teile der Malschicht abgeplatzt sind. Hierbei handelt es sich allerdings um alte Schäden. Neueste Untersuchungen an der Fachhochschule Köln, Institut für Restaurierungs- und Konservierungswissenschaft, haben gezeigt, dass vor allem aus Pflanzen hergestellte Farbstoffe auf den Betonstaub reagieren.

Es kann zu Farbveränderungen oder Farbabweichungen kommen und die empfindliche Oberfläche der Miniatur wird durch den scharfkantigen Staub geschädigt.

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Bei einer Reinigung kann deshalb nur mit sehr weichen Pinseln gearbeitet werden, wobei besonders darauf geachtet werden muss, keine weiteren der bereits losen Farbschollen zu entfernen. Unter Umständen kann auch eine Reinigung mit einem in Alkohol getränkten Wattebausch erfolgen. In dem Fall sind jedoch im Vorfeld weitere Untersuchungen nötig, um zu testen, inwieweit die Farben auf das entsprechende Lösungsmittel reagieren.

In jedem Fall muss die Miniatur nach der Reinigung konsolidiert werden. Das bedeutet, dass eine niedrigprozentige Klebstofflösung mit einem sehr feinen Pinsel oder tröpfchenweise mit einem Dosiergerät auf die betroffenen Partien gegeben wird.

Als Klebstoffe verwenden wir in der Regel Gelatine, Methylcellulose oder Hausenblase, das ist ein Fischleim. Er wird in einem aufwändigen Verfahren aus der getrockneten Schwimmblase des Hausen, einer Störart, hergestellt.

An dem Beispiel dieser Buchmalerei wird deutlich, wie durch die Überlagerung von alten und einsturzbedingten Schäden komplexe neue Schadensbilder entstehen.

Das Restaurierungs- und Digitalisierungszentrum (RDZ)

Nie zuvor musste eine derart große Menge unterschiedlichen Materials mit verschiedensten Beschädigungen bearbeitet und nutzbar gemacht werden. Die Restaurierung der beschädigten Schätze wird 30 bis 50 Jahre in Anspruch nehmen. Allein im Restaurierungs- und Digitalisierungszentrum (RDZ) stellen sich derzeit 20 Fach- und 50 Hilfskräfte dieser Mammutaufgabe.

Nach ihrer Erfassung und - falls möglich - Identifizierung kommen die Archivalien Stück für Stück in das Historische Archiv zurück. Im RDZ steht dafür ein klimatisiertes, 7.000 Quadratmeter großes Magazin zur Verfügung. Dort können 18 Kilometer Archivgut fachgerecht eingelagert werden.

Das RDZ ist einer der wichtigsten Stützpfeiler des Wiederaufbaus des Historischen Archivs. Neben dem Sitz der Verwaltung am Heumarkt ist es der zweite provisorische Standort des Archivs. In den angemieteten Räumlichkeiten der ehemaligen Lagerhalle in Köln-Porz-Lind stehen insgesamt 10.000 Quadratmeter zur Verfügung. Hier wird eine große Anzahl der geborgenen Archivgüter in Mengenrestaurierungsverfahren bearbeitet, die durcheinandergebrachten Archivalien werden sortiert, wieder richtig zusammengeführt und anschließend digitalisiert.

Interessierte Bürgerinnen und Bürger sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können in Porz-Lind bereits erste restaurierte Objekte nutzen - der besondere Duft des Originals kehrt mit den Arbeiten im RDZ wieder zurück in das Historische Archiv.

Die technische Ausstattung

© Stadt Köln/Carsten Gruss

Für die Bewältigung ihrer gewaltigen Aufgabe sind die Restauratorinnen und Restauratoren sowie die zahlreichen Hilfskräfte technisch perfekt ausgerüstet. Die Maschinen und Geräte wurden teilweise eigens für die speziellen Anforderungen der Behandlung der Einsturzschäden entwickelt. So zum Beispiel die im August 2011 angeschaffte Gefriertrocknungsanlage.

Außerdem stehen ein Labor für Analysen und Arbeiten mit Chemikalien, zwei Befeuchtungskammern und verschiedene Pressen zur Glättung des wertvollen Papiers zur Verfügung.

Die Digitalisierung

Die Digitalisierung der Bestände ist der dritte großer Arbeitsbereich im RDZ und wurde bereits in der Zeit vor dem Einsturz entscheidend angestoßen. Im RDZ stehen dafür Großformatscanner, Buchscanner sowie weitere, kleinere Scanner zur Verfügung.

Die Digitalisierung dient in erster Linie den Nutzerinnen und Nutzern und ist ein wesentlicher Schritt in Richtung eines Bürgerarchivs. Die Objekte werden so digitalisiert, dass sie auch künftigen Generationen sicher zur Verfügung stehen.

Durch die Digitalisierung wird sowohl die weltweite wissenschaftliche Forschung in den Beständen des Historischen Archivs als auch die Benutzung der Archivalien für bislang archivferne Bürgerinnen und Bürger bequem von zu Hause aus möglich.

Die digitalisierten Archivalien können über die Website des Digitalen Historischen Archivs eingesehen werden, dessen Bestand kontinuierlich wächst:

Das Digitale Historische Archiv

Kontakt

Historisches Archiv der Stadt Köln
Restaurierungs- und Digitalisierungszentrum (RDZ)
Frankfurter Straße 50
51147 Köln

E-Mail Stadtplan

Öffnungszeiten des Lesesaals nach Voranmeldung:

  • Dienstag, Donnerstag und Freitag, 9 bis 16:30 Uhr
  • Mittwoch, 9 bis 19:45 Uhr

Unser Archivpersonal berät Sie gerne zu Fragen der Archivnutzung und zu quellenbezogenen, spezifischen Themen. Vereinbaren Sie einfach einen Termin mit uns unter der Telefonnummer 0221 / 221-23669.